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Was nun den Einwand betrifft, dass die Juden,
dank ihrem schroffen Individualismus, sich am wenigsten
zur Schaffung eines autonomen Staates eignen, dass
sie sich nur unter einer fremden Fuchielruthe wohl
fühlen, so wäre ein Streit darüber ebenso müssig wie
kindisch. Was einst, während der Römerherrschaft, sie
zu Fall gebracht hat, wird wohl kaum je mehr wieder¬
kehren, weil die Verhältnisse ganz andere geworden
und eine 2000jährige Diaspora nicht ganz spurlos an
ihnen vorübergezogen sind. Allerdings ist nicht abzuleugnen,
dass bei einer Massen ein Wanderung in Palästina nicht
alles so glatt ablaufen kann, dass es an Kämpfen
jeglicher Art, selbst an religiösen Fehden, nicht fehlen
werde: dasselbe aber geschieht überall. Ohne Kampf
— kein Fortschritt! Andererseits aber werden die
Juden aus ihren jeweiligen Vaterländern so viele Er¬
fahrungen — theils trauiiger, theils nützlicher Art —
mit in die neue Heimat tragen, zudem in ihren heiligen
Büchern, an denen sie mit eiserner Zähigkeit festhalten,
in der Bibel und denl Talmud, einen solch reichen
Schatz ethischer (irundprincipien aufgespeichert finden,
dass man sie bloss aus dem alten Schutt ritueller Ver¬
steinerungen herauszuschälen und ins praktische Leben
einzuführeu haben wird, damit sich die Juden zu einem
gesunden, culturell-ethischen Volke herauskrystallisieren...
Mein Glaube an die ethische Bildungsfähigkeit
meines Volkes, worauf es mir zu allererst ankommt,
ist felsenfest . . .
Viele Ghettojuden, und zwar die Satten und
Uebersatten, kümmern sich um den Zionismus nicht,
weil sie sich überhaupt um nichts, das nicht ihr liebes
Ego betrifft, kümmern. Die Haut dieser Herren ist
gegen das Massenelend ihres Volkes ebenso gefeit, wie
gegen die tausende moralischer Ohrfeigen, die ihnen
täglich von ihren arischen Nachbarn versetzt werden.
„Leben — so lange es sich leben lässt, geniessen, Avas
Dir der Augenblick gewährt: apres moi le deluge!"
Allerdings wird auch von Zeit zu Zeit — aus ange¬
stammter Furcht vor Prügeln im Jenseits — den N >th-
leidenden mancher Brocken grossmüthig hingeworfen,
ja selbst Kranken- und Bethäuser werden errichtet —
damit aber hat's auch sein Bewenden. „Die Juden",
heisst's, „leiden seit 2000 Jahren und leben noch; sie
werden noch 2<j00 Jahre leben und — leiden:
das ist der Welten Lauf; daran lässt sich
nichts ändern .... Für uns dagegen ist vorläufig
gesorgt"
Aber auch solche Ghettojuden gibts, die sich zwar
zu den Intelligenten zählen, deren Intelligenz aber sich
nicht höher verstiegen hat, als bis zum jüdischen
Antisemitismus. Aus irgendwelchen zufälligen
Gründen haben sie das Judenthum zwar noch nicht
ganz abgestreift, dafür aber schreien sie auf allen
Gassen, dass die Juden ein miserables, niederträchtiges
Volk seien — ihre eigene Person schliessen sie dabei
selbstverständlich aus ! — dass die Juden das Schicksal,
welches sie trifft, vollauf verdienen . . . Aus diesen
Elenden remitieren sich die meisten Mitarbeiter anti¬
semitischer Hetzblätter ä la „Nowoje Wremja", Geistes¬
verwandte von Arthur Meyer und Gasion Polon-
nais ... Es ist derselbe Menschenschlag, der einst
den Griechen beigestanden, als die Makkabäer, ihre
heldenmüthigen Glaubensgenossen, den verzweifelten
Kampf um ihre Freiheit gefochten haben ... Von die.-em
Geschmeiss ist wohl keine Sympathie für den Zionismus
zu erwarten . . .
Freilich gibts auch viele intelligente Ghettojuden,
die sonst wohl sehr brav und gesinnungstüchtig, jedoch
bis nun vom Weltbürgerthum dermassen angekränkelt
sind, dass sie sich ganz und gar ins Lager der liberalen
Arier begeben haben, um zugleich mit letzteren an
einer socialen Evolution mitzuarbeiten. Die Judenfrage,
meinen sie, sei nicht nationaler, auch nicht religiöser,
sondern ausschliesslich ökonomischer Natur; sie
sei ein Specialfall der „socialen Frage" und werde ihre
Lösung finden, sobald die letztere gelöst sein wird. Die
sogenannte „sociale Frage" bleibt mithin der einzige
Sündenbock für alles jüdische Weh. Dabei gibt es unter
diesen Evolutionisten sehr wenige, die sich klargelegt
haben, worin denn eigentlich diese sociale Frage be¬
stehe ? Für die meisten ist sie ein Schibboleth, ein ge¬
flügeltes Wort, nichts weiter! Recht wenige erfassen
es, wie compliciert diese Frage sei, dass sie nicht nur
ökonomische Contraste, Classencontraste, sondern auch
ethische, nationale, religiöse, ästhetische in sich
schliesse — und dass es eben diese vielfachen Con¬
traste sind, welche die Lösung der socialen Frage im
Sinne der socialen Gerechtigkeit so unendlich
schwierig, wenn überhaupt möglich machen. Und auf
di< sen Messias, der nach Aussage selbst optimistisch
gestimmter Sociologen nicht eher als nach Jahrhunderten
eintreffen wird, sollten die armen Juden des Ghetto
gläubig warten!! Wenn im jetzigen Europa, in Ländern,
deren Insassen weder durch Rasse, noch Religion —
sondern bloss durch Sprache und Nationalität vonein¬
ander geschieden sind — ein Kampf aul Leben und
Tod um die Hegemonie geführt wird — beispielsweise
zwischen Czechen und Deutschen — welche Zu¬
kunft erwartet nun ein Volk, das sowohl durch Race
als auch durch Religion und nationale Eigenthümlich-
keiten von seinen arischen Nachbarn so grell absticht
und dazu noch in einer winzigen Minderheit
vorhanden ist ? Die Blüten dieser Zukunft sind schon in
den Ghettoländern aufgeschossen: Die Czechen prügeln
die Juden, weil sie Deutsche sind, die Deutschen —
weil sie Czechen sind, die Polen und Rumänen — weil
sie Juden sind . . . Die schönen Früchte dieser socialen
Verbrüderung werden erst im XX. Jahrhundert reifen
und davor schauderts mich!
Nun gibts eine stattliche Zahl n a ti o nal-gesinnter
Ghettojuden, echter braver Söhne ihres Volkes, die ihr
ganzes Leben der Förderung jüdischer Cultur und
jüdischen Geistes widmen, die mit ihren Glaubens¬
genossen mitleben und mitleiden, die aber dennoch
keine Zionisten sind, weil sie weder an die Ausführ¬
barkeit, noch an die Zweckmässigkeit einer
Uebersiedlung gerade nach Palästina glauben, wiewohl
sie nichts Sehnlicheres wünschen, als dass die Juden irgend-'
wo oder irgendwann sich als Nation ausleben ... Es sind
also Zionisten, bloss ohne Zton. Mit diesen will ich weiter
nicht rechten, weil ich überzeugt bin, dass sie unsere
treuesten Bundesgenossen werden, sobald wir die ersten
praktischen Erfolge erzielt haben werden.
Wohl aber muss ich einer schwarzen Bande, die
im Ghetto haust, Erwähnung thun, einer Rotte
K o r a h s, die a c t i v, mit allen verwerflichen Mitteln
jesuitischer Schleicherei gegen uns wühlt, die eigens
besoldete Agenten in Bewegung setzt, um nicht nur
den Zionismus, sondern auch die Führer zu verleumden, zu
verdächtigen, zu denuncieren und ihre Pläne zu durch¬
kreuzen. Diese ehrenwerten Männer remitieren sich
gerade aus frömmelnden Duckmäusern und scheinheiligen
Rabbinern, welche sich als „Hüter des Gesetzes" auf¬
spielen. Zum Glücke ist ihre Zahl nicht gross . .. Ich
bin ja weit entfernt davon, diejenigen orthodoxen Juden
überhaupt und Rabbiner speciell zu verdammen, welche
den Zionismus vom religiösen Standpunkte aus nicht
billigen, welche die Erlösung vom Golus durch ein