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»Die & Welt"
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Denn einerseits hat die ^Arbeiter-Zeitung" unter ihren Lesern
und Parteiangehörigen viele Juden, und die könnten sich
durch-eine auffallende Menge Antisemitismus gekränkt fühlen,
dann will die „Arbeiter-Zeitung" die christlichen „Genossen",
die ohnehin immer zum Antisemitismus inclinieren, nicht
noch auf publicistischem Wege gegen die Juden reizen, und
schliesslich sind die Juden der „Arbeiter-Zeitung" nichts
weniger als Antisemiten, sie sind sogar — in tiefer liegen¬
den Regionen ihres Gefühles — ziemlich gut jüdisch gesinnt.
Widerwillig oder halb unbewusst haben sie ein Faible für
das Judenthum, eine heimliche Zuneigung, die sie nicht
los werden können, auch wenn sie sich confessionslos
erklären oder in den Taufkessel hinabtauchen. Sehr oft.
sehr o*t hört man diese Sympathie zwischen den Zeilen
hervorklingen. Umso drolliger erscheinen dann die social-
demokra tischen Juden, wenn sie antisemitische Gesten
machen oder christliche Mitarbeiter zu antisemitischen
Artikeln animieren. Solche Antisemitica sind übrigens
gewöhnlich blos mit gewissen Einschränkungen anti¬
semitisch. Unter dem Vorwande, dass die Angriffe nur auf
die reichen Juden gemünzt sind, gibt die „Arbeiter-
Zeitung" Sottisen von sich, die jeder Jude ohne Unterschied
des Jahreseinkommens, wenn er Lust hat, einstecken kann.
Letzten Sonntag hat die „Arbeiter-Zeitung" wieder einmal
Anlass genommen, aus vollem Halse zu antisemitein. Un¬
ständiger Satiriker, der, wie üblich, die Verpflichtung hat.
an jedem Sonntag irgendeine faule Stelle im Gesellschafts¬
baue zu entdecken und mehr oder minder zu geissein, hat
diesmal die actuellen jüdischen Kohlenbarone mehr oder
minder gegeisselt. Die Gelegenheit war günstig, und die
„ Arbeiter-Zeitung" hat sich weidlich gemüht, den Vorwurf
der Verjudung zu widerlegen. Alle Wiener antisemitischen
Blätter mögen am Sonntag die „Arbeiter-Zeitung" um ihren
prächtigen Artikel beneidet haben. Der mundfaule Dialect.
in dem sich die Kohlenbarone unterhielten, war verblüffend
naturgetreu. Man hat gemerkt: die „Arbeiter-Zeitung"
drückt sich vollkommen ungezwungen und ungekünstelt
aus. die- „mauschelnde" Redeweise verursacht ihr gar keine
Anstrengung. Gott, und welch ein Wortreichthum! Man
muss mit einem Sprachgeiste schon auf sehr verwandt¬
schaftlichem F.usse leben, wenn man sich so natürlich und
gediegen ausdrücken will, wie die „Arbeiter-Zeitung" in dem
erwähnten Ghetto-Idiom. Niemand wird etwas dagegen haben,
wenn die jüdischen Kohlenmillionäre einige Püffe bekommen,
aber zu diesem wohlthätigen Zwecke wird es sich iuiiner
empfehlen, wenn die Anzüglichkeiten weniger allgemein
gehalten sind.
Der Senator Mercier.
Von Max Rotter.
Geherai Mercier ist zum Senator gewählt worden.
Ja, er ist sogar mit einer imposanten Majorität gewählt
worden. Er erhielt 703 Stimmen, während auf seinen
Gegeneandidaten 2S7 Stimmen entfielen. Diese Mit¬
theilung hat der Telegraph in die Welt hinausgetragen
und hei allen, die auch nur einen Funken des Ver¬
ständnisses für dasjenige besitzen, was man unter ge¬
sitteten Menschen Anstandsgefühl nennt, Staunen her¬
vorgerufen. Wie, fragte man sich, haben denn die
französischen Bürger, wenn sie eine der höchsten
Würden verleihen wollen, eine so geringe Auswahl
von an Charakter, Ehre und Geist beachtenswerten
Männern, dass sie schon bis auf einen — Mercier ge¬
kommen sind?
Man weiss, wer Mercier ist, alle Welt hatte gründ¬
liche Gelegenheit, das Charakterbild dieses Mannes zu
studieren, der als der glühendste, fanatischeste Ankläger
des armen Capitäns Dreyfus auftrat, aber während der
Campagne immer mehr als ein Schurke von ganz un¬
gewöhnlicher Verderbtheit sich zeigte. General Mercier
war derjenige gewesen, der, bevor er als Ankläger des
Dreyfus sein antisemitisches Herz entdeckt hatte, in
dem Blatte Drumonts stets als ein hervorragender
Dummkopf bezeichnet wurde, um später in demselben
Blatte als ein genialer, grosser Geist geleiert zu werden.
Die freisinnige französische Presse gab allerdings gerade in
diesem Zeitpunkte der Ueberzeugung Ausdruck, dass
General Mercier ein niedriger, von den verbrecherische¬
sten Instincten erfüllter Mensch sei. Unbefangene Denker,
die die Wahrheit anerkennen, wann, wo und von wem
immer sie ausgesprochen wird, einigten sich, als sie
Mercier in der Beleuchtung sahen, die im Gerichtssaale
zu Rennes auf ihn fiel, zu dem Compromisse, theils
Drumont, theils den Freisinnigen Recht zu geben, sie
anerkannten nämlich, dass Mercier in seltenem Masse
die Eigenschaften eines Dummkopfes mit jenen eines
Schurken verbinde. In der That, wenn man Mercier
sah und hörte, wenn man genau beobachtete, wie dieser
Mensch in einem Gewebe von schamlosester Dreistig¬
keit, alberner Perfidie und verblüffender Verlogenheit
verstrickt war, so staunte man nur über eines, dass
Mercier als Ankläger und nicht als Angeklagter dastand,
dass ihn die militärischen Richter mit Achtung und
Auszeichnung behandelten und keiner von ihnen ihm
jene von sittlichem Eifer durchglühten Zornesworte
zurief, die ihn zerschmettert hätten. Was hatte dieser
Mensch alles gethan, um die Schuld eines Unschuldigen
zu beweisen. Er hatte wiederholt seine Pflichten ver¬
letzt und dem ersten Kriegsgerichte, welches über
Dreyfus zu urtheilen hatte, geheime Actenstücke aus¬
geliefert, um es gegen Dreyfus zu beeinflussen. Aber
diese geheimen Actenstücke waren überdies auch
Fälschungen, und zwar solch plumper Art, dass man
selbst bei der bescheidensten Schätzung der geistigen
Kräfte Merciers nicht anders denken konnte, als dass
ihm gar wohl bekannt sei, dass es gefälschte Documente
seien, die er gegen den unglücklichen Dreyfus in die
Wagschale werfe. Aber damit ist das Sündenregister
dieses von Gehässigkeit erfüllten satanischen Menschen
noch lange nicht erschöpft. Es wurden ihm im Gerichts¬
saale von den Vertheidigern Dreyfus' eine Reihe der
frechsten Lügen nachgewiesen, es wurde mit unzwei¬
deutiger Klarheit festgestellt, dass er sich eines Mein¬
eides schuldig gemacht, dass er Documente, die zu den
ministeriellen Acten gehörten, weil sie ihm nicht in
den Kram passten, zerrissen und unterschlagen habe .. .
Das alles hinderte nicht, dass der ehrlose
Mercier, in dem die französischen Antisemiten die
Verkörperung ihres Judenhasses erblickten, in Ehren
den Gerichtssaal verliess, dass er den militärischen Rock,
den er mit Schmach bedeckte, weiterhin tragen durfte,
dass die Ordenszeichen, die seine Brust schmückten,
auch nicht um ein einziges verringert wurden. Er war
ja der Mann, der alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte,
um die Schuld des Juden Dreyfus zu beweisen. Da
durfte man schon ein wenig Nachsicht für die Mittel
haben, die er zur Anwendung brachte. Er war ja kein
so armer Teufel wie Major Esterhazy, dem man ja