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„Die s> Welt?»
Nr. 5
schliesslich auch alle die verbrecherischen Machinationen
nachgesehen hätte, die er mit Schurken seinesgleichen
gegen den Juden Dreyfus insceniert hatte, und der
schliesslich nur wegen der schmutzigen Gelderpressungen,
die er ohne Unterschied des Standes und der Confession
ausübte, fallen gelassen werden musste. Mercier, der
mit Lüge, Fälschung und Meineid bloss gegen einen
Juden operiert hatte, der war gefeit g^-gen das Schicksal
eines Esterhazy. Er blieb der gefeierte Held d?r Armee,
der gehätschelte Liebling der Clerisei und — das
beweist seine mit imposanter Majorität erfolgte Wahl
zum Senator — auch der geehrte, hochgeschätzte, des Ver¬
trauens seiner Mitbürger würdige Mann. So ehrt Frank¬
reich die Männer, die mit Hintansetzung aller Scrupel
und Rücksi« hten den Kampf gegen einen Juden, und
sei es auch gegen einen unschuldigen, führen.
Der Hass gegen die Juden verschafft auch in
Frankreich eine gewisse Immunität. Nur der Hass gegen
die Juden machte Mercier zu einer sympathischen,
bezaubernden Erscheinung. In Wirklichkeit war jä nichts
an itim, was fesseln, imponieren konnte. Selbst die
fascinierende Aeusserlichkeit, die einst Boulanger zu
dem Abgotte der Franzosen erhöhen konnte, fehlte
diesem jämmerlichen Mercier, dessen Porträt mit Meister¬
hand einst Max Nordau — der ihn in Rennes studierte
— mit folgenden Strichen gezeichnet hatte: „Den ab-
stossendsten Kopf hatte General Mercier: eine unwahr¬
scheinlich verrunzelte, verwitterte, zerknüllte Maske
eines alten Weibes, trotz des kurzen, an den
herabgezogenen Mundwinkeln niederstreichenden Schnurr¬
bartes, der im Gegentheile durchaus zu diesem Gesichte
einer bösen Sieben zu gehören schien; eine lange,
dünne, an der Spitze wie ein Geierschnabel jäh gekrümmte
Nase und kleine, bleiern glanzlose, starre Augen eines
lauernden Krokodils. Die Stimme stand in merkwürdigem
Einklänge mit der Physiognomie."
Die Franzosen schwärmen sonst gewiss nicht für
Männer, die wie alte Weiber aussehen. Aber bei
Mercier haben sie eine Ausnahme zugelassen. Er war
ja der ßekämpfer des Juden Dreyfus.
Tribüne.
(Für das in dieser Rubrik Publicierte ist die Redaction nichV
verantwortlich.)
Storozynetz, am 24. Jänner 1900.
Geehrte Glaubensgenossen!
Um die Herzen des jüdischen Volkes für den Zionis¬
mus zu begeistern, um der jüdischen Jugend eine jüdisch¬
nationale Erziehung zu geben und um in ihr die Liebe
zur jüdischen Geschichte und Literatur zu wecken, hat der
Ausschuss des hiesigen ZionVereines die Anlegung einer
Bibliothek im Vereinsiocale beschlossen.
Die Bibliothek soll möglichst reichhaltig sein, und
besonders zahlreiche Werke in deutscher, hebräischer und
in der Jargon-Sprache aufweisen.
Nun hat zwar der hiesige Verein aus eigenen Mitteln
für diesen Zweck eine namhafte Summe gewidmet, doch ist
dieselbe bei weitem nicht hinreichend, um den gewünschten
Erfolg zu erzielen. Wir erlauben uns daher, auf diesem
Wege an alle grösseren jüdisch-nationalen Vereine, sowie
an alle akademischen Verbindungen den warmen Appell zu
lichten, uns bei diesem schönen Werke behilflich zu sein,
und von ihren grossen Bibliotheken unserer jungen und erst
im Werden begriffenen Bibliothek Bücherspenden zukommen
zu lassen.
Jede, auch die geringste Spende ist herzlich will¬
kommen und wird zur Erreichung unseres Zieles beitragen.
Von der Hoffnung geleitet, dass unser Appell nicht
wirkungslos verhallen wird, verbleiben wir mit Zions-
gruss.
Für den Vereinsausschuss des Storozynetzer Zionvereines :
Der Secretär : Der Obmann :
Chaim R e i c h m a n n. Adolf L i p p a.
Samstag den 3. d. M., abends 8 Uhr, veranstalten
wir im Restaurant R o s n e r. II., Praterstrasse, unseren
zweiten Gesellschaftsabend. 1. Theil: Vortrag
des Herrn cand. phil et theoL Sonderling über:
Religiöser undpolitischerZionismus" mit an¬
schliessender Discussion. 2. Theil: Tanzkränzchen. Die Tanz¬
pausen werden durch ernste und humoristische Declama-
tionen, Gesangs- und Instrumentalvorträge ausgefüllt. Da
wir uns der Mitwirkung verschiedener ausgezeichneter Kräfte
versichert haben, können wir den wertenTheilnehmern einen
genussreichen Abend in sichere Aussicht stellen. Eintritt:
60 Heller die Person, 2 Kronen Familienkarte an der Cassa.
Wir laden unsere werten Gesinnungs- und Volksgenossen,
speciell aus dem IL Bezirke, herzlichst ein. — Am 6. d. M.,
abends 8 Uhr, hält in unserem Vereinsiocale He~r P. L Ö b 1
einen Vortrag über die Zukunft der palästinischen Colonien.
Der Agitations-Ausschuss des Einzelverein „Wien" des
„Z i o n".
An die zionistische Studentenschaft
Oesterreichs!
Mehr denn je fühlen wir jüdische Studenten Oester¬
reichs jetzt das Bedürfnis, einander näher zu treten, einander
näher zu stehen als bisher. Dieses allgemeine Be-
düifnis der Einigung, die Gemeinsamkeit der Id*e, für die
wir kämpfen, die wir hochhalten, die wir vertheidigen, für
die wir zu jeder Zeit voll und ganz einzutreten gewillt sind,
hat uns bewogen, die Einberufung eines Delegiertentages der
zionistischen Studentenschaft Oesterreichs nach Prag anzu¬
regen und mit Eurer Betheiligung durchzuführen. Wohin
wir blicken, alle unsere Standesgenossen anderer Nationalität
sind geeinigt, nur uns jüdischen Studenten Oesterreichs fehlt
jede gemeinsame Arbeit, wir stehen da, ohne inneren, ohne
äusseren Zusammenhalt, wissen kaum einer vom anderen.
Deshalb erwachet, erhebet Euch, auf, auf zur Organisation!
Zögert nicht, kommt recht zahlreich, beschickt den Tag zum
Wohle der heiligen Sache, die wir vertreten. Zeigen wir
unseren Feinden und Freunden, dass wir alle für eine
Sache kämpfen, dass wir alle eines Sinnes sind, dass uns
alle ein Geist beseelt, der Geist des Zionismus. Und so
treten wir an Euch heran, uns bald mitzutheilen, welche
Forderungen Ihr an den Delegierten tag stellet, damit wir
zur Festsetzung des Datums, zur gemeinsamen Aufstellung
des Programmes schreiten können. So seid denn herzlichst
gegrüsst von Euren Brüdern in Prag.
Das vorbereitende Comite des „Vereines der jüdischen
Hochschüler in Prag", Fischmarktgasse 26.
Die jüdische Vereinigung „Jordania% Wien, Verein
von Handelsangestellten und Beamten, veranstaltet Donners¬
tag den 8. Februar 1900 um 8 Uhr abends in Ulimanns
Restauration, EL, Malzgasse Nr. 1 (Ecke Miesbachgasse).
eine öffentliche Vereinsversammlung.
Tagesordnun g:
1. „Die wirthschaftlichen Ursachen des Zionismus."
Referent Nathan Gross.
2. Discussion.
Wilhelm Epstein, RobertSchwab,
Präses. L Schriftführer.
Jüdische Vereinigung „Jordania", Wien. Verein von
Handelsangestellten und Beamten, IL, Gredlergasse Nr. 9
(vis-ä-vis der Fruchtbörse).
Für Vereinsmitglieder unentgeltliche Unter-
richtscurse.
Buchhaltung (einfache und doppelte), verbunden
mit einem Curse für kaufmännisches Rechnen, jeden
Donnerstag von 7 S 8— 7,10 Uhr abends.
Sten ographie (System Gabelsberger), jeden Sonn¬
tag von l / 2 12— \/ a l Uhr mittags.
Nation al-Oekonomie (mit Discussion), jeden
Sonntag von 7,3—7,4 Uhr.^nachmittags.
Anmeldungen und Auskünfte im Vereinsiocale jeden
Donnerstag und Samstag von 7 a 8-7 2 12 Uhr und jeden
Sonntag von 7^2—7,1 und von 7 a 3—7,4 Uhr.
Czernowitz 28. Jänner 1900.
Im vorigen Jahre wurde Nord aus „Doctor Kohn"
in Czernowitz mit unbestrittenem Erfolge aufgeführt. Heuer
wird das Stück im hiesigen Stadttheater, das unter der
Leitung des bekannten .Directors Franz Schlesinger
steht, wiederholt werden. Für den 20. Februar ist nämlich