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„Die 3$ Weif
Nr. 5
Antisemitische Brüsewitze. Aus Stein amanger be¬
richtet man dem „Wiener Tagblatt" über folgenden
scandalösen Vorfall: Im hiesigen Hotelrestaurant „Saboria"
sassen am 25. d. mehrere Wiener und Budapester Reisende,
die ihre geschäftliche Thätigkeit hier festhält; mehrere
gleichfalls im Locale anwesende Einjährig-Freiwillige des
11. Husaren-Regiments begannen mit einemmale die Gesell¬
schaft der Reisenden in anffallendster Weise zu provocieren,
indem sie von der anwesenden Zigeunerkapelle Hetzlieder
auf die Juden anstimmen Hessen. Weder der Oberkellner
noch der Hotelier Hainzmann, der plötzlich — abgereist
war. machten diesem Treiben ein Ende. Mittlerweile sangen
die hoffnungsvollen Einjährig-Freiwilligen zu den von den
Zigeunern gespielten Liedern die gröbsten und beleidigendsten
Texte. Als die Reisenden, welche selbstverständlich unbe¬
waffnet waren, das Local verlassen wollten, sprangen die
Jünglinge auf, schnallten die Säbel um, postierten sich beim
Ausgang und beschimpften die Reisenden aufs neue, wobei
abermals die gröbsten Insulten fielen. Die Reisenden haben
für diese Beleidigung volle Genugthuung erhalten,
da auf ihre Beschwerde beim Platzcommando hin zwei
Officiere des Husaren-Regiments die Herren
beim Mittagstisch aufsuchten und ihnen die
strengste Bestrafung der Einjährig-Frei¬
willigen in Aussicht stellten. Die Reisenden
gaben sich damit zufrieden und übersiedelten aus dem
„Hotel Saboria", dessen Leitung nicht die Macht und den
Willen bewies, seine Gäste vor dergleichen Vorkommnisse
zu schützen, in das „Hotel Hungaria". Die Namen der
Einjährig-Freiwillig, die bei dieser Affaire eine besondere
„Bravour" bewiesen, • sind : Graf Ladislaus Szechenyi,
Graf Johann Somssich und Graf Karl W e n c k h e i m.
Oer kampflustige Herzog. Aus London wird berichtet:
Bei einem Empfang seiner vom Staatsgerichtshof freige-
gesprochenen royalistisehen Freunde hielt der Herzog von
Orleans eine Rede, in der er den festen Willen bekundete,
den Kampf nachdrücklichst fortzusetzen. Der Herzog appel¬
lierte an die Unterstützung aller, die Frankreich und die
Armee lieben, und fügte hinzu, die Monarchie werde die
Freiheit der Schule, das Recht auf Vereinigung vertheidigen,
sowie die Macht des Judenthums und der Internationale be¬
kämpfen.
Der Soff. Ein witziges Wort des Fürsten Eulenburg,
des deutschen Botschafters in Wien, wid colportiert. Es war
bei einem .Jagdmahl in Wusterhausen, an welchem Fürst
Fritz Eulenburg und der russische Militärbevollmächtigte
Fürst Kutusoff theilnahmen. Der letztere war eifrig bemüht,
die Herkunft seiner Familie zu erklären. „Wir Kutosofl's
sind," sagte er, „ursprünglich auch Preussen, denn wir kamen
aus dem jetzt preussischen Lithauen nach Russland hinüber.
Damals hiessen wir Kutu." — „Aha," unterbrach 'hn der
sehr humoristisch veranlagte Fürst Eulenburg, „erst hiessen
Sie Kutu ? Der Soff kam also in Russland hinzu."
Ritualisierung von Fleisch und Schmalz. In deutschen
Zeitungen findet sich folgende Erklärung: „In der Beilage
..Markt-Bärbel" der „Neuen Bayrischen Landeszeitung"
vom 10. December 1809 ist die Behauptung aufgestellt worden,
im Talmud stehe, dass man das Fleisch und das Schmalz,
das man an Christen verkauft, vorher unrein machen solle.
Dem gegenüber und mit Rücksicht auf die in weiten Kreisen
dadurch hervorgerufene Beunruhigung des Publicums sehen
sich die Unterzeichneten, als die Rabbiner der durch diese
Beunruhigung zunächst und am meisten betroffenen
Rabbis atsdistricte, zu folgender Erklärung veranlasst: Wir
weisen die Behauptung, dass im Talmud sich eine derartige
Vorschrift oder irgend ein Satz finde, der auch nur im
Entferntesten in solchem Sinne missdeutet werden könnte,
ebenso wie die daran geknüpfte, das Verhältnis der Juden
zu ihren Mitbürgern in gehässiger Weise verdächtigende
Begründung mit Abscheu und Entrüstung zurück. Jeder,
der mit dem Geiste des Talmud auch nur einigermassen.
vertraut ist, muss wissen, dass derselbe nicht nur eine solche
Handlungsweise nicht gebieten kann, sondern im Gegentheil
sie aufs schärfste verurtheilt. Dem fügen wir noch hinzu,
dass gegen den verantwortlichen Redacteur genannter Zeitung
Strafanzeige bereits erstattet ist. Dr. Salomon Bamberger
Districts-Rabbiner, Burgpreppach. Dr. Salomon Stein,
Districts-Rabbiner, Schweinfurt."
Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener israel.
Cultusgemeinde vom 21. bis 27. Jänner vermerkt 59 Geburten,
9 Trauungen, 28 Sterbefälle.
Personalnachricht Unser Gesinnungsgenosse HerrDoctor
Jancu Goldenstein hat sich in J a s s y als Arzt
etabliert.
Kaiserfeier in Köln.
Die Zionistische Vereinigung in Köln hat den Geburts¬
tag des Kaisers unter zahlreicher Betheiligung festlich
begangen. Bodenheimer eröffnete nach einem stimmungs¬
vollen Präludium die Versammlung und wies in schwung¬
vollen Worten darauf hin, wie zu allen Zeiten die deutschen
Juden treu zu Landesfürst und Vaterland gestanden haben,
und wie namentlich die Anhänger der zionistischen Bewegung
das Gefühl innigsten Dankes für Kaiser Wilhelm II.
hegen. Der denkwürdige 2. November 1S08, an dem der
Kaiser im Zeltlager zu Jerusalem der zionistischen Ab¬
ordnung sein Wohlwollen — das Interesse für ihre Be¬
strebungen ausgesprochen hat, würde allen deutschen
Zionisten stets unvergesslich bleiben. Der Redner schloss
mit einem begeistert aufgenommenen Hoch, die Versammlung
sang stehend die Nationalhymne und Cantor Cohn trug
das traditionelle hebräische Gebet für Kaiser und Reich vor.
Hierauf hielt Klee- Bonn die Festrede, die sich mit der
Bedeutung der zionistischen Bewegung in und für Deutsch¬
land beschäftigte, in Deutschland insoferne, als sie geeignet
sei, ethisch auf die jüdischen Massen zu wirken und der
Colonialarbeit grossen Stiles Verständnis für die modernen
Aufgaben überseeischer Wirtschaftspolitik zu wecken, für
Deutschland, denn ein mit Juden besiedeltes Palästina werde
die natürliche Vermittlerin zwischen Deutschland und dem
Orient bilden, da beinahe 9 / 1Q der gesammten Judenheit die
deutsche Sprache als Umgangssprache gebrauchen. Dieses
ideale Band müsse reale, wirtschaftliche Folgen zeitigen.
Im Anschlüsse an die Rede wurde folgendes Ergebenheits-
Telegramm an den Kaiser abgesandt: „Die in der Phil¬
harmonie zur Feier des Geburtstages Seiner
Majestät des Kaisers tagende Festversam m-
lung der Zionistischen Vereinigung zu Köln
legt ihren unterthänigsten Glückwunsch an
den Stufen des Thrones Sr. Majestät nieder
mit dem Gelöbnisse unwandelbarer Treue
und Ergebenheit für Kaiser und Reich. Die
Zionisten der ganzen Welt, insbesonderedie
deutschen Zionisten, werden die hoheGnade
nie vergessen, welche Se. Majestät uns durch
den Empfang der zionistischen Abordnung
im Zeltlager zu Jerusalem erwiesen haben."
Die wohlgelungene Feier wurde nach einem herzlichen
Schlussworte des Rabbiners Dr. Nobel und nach Ueber-
mittlung eines „treuen Zionsgrusses" an unseren verehrten
Führer Dr. H e r z 1 geschlossen.
Correspondenzen.
Oesterreich-Ungarn.
Graz. Samstag den 30. December v. J. veranstaltete
der erst kürzlich ins Leben gerufene Verein „Zion" im
Saale der Kaufmannschaft seinen ersten Winter-Vortrags-