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„Die $l Welt« 4
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abend. Auf der Tagesordnung stand das Thema: „Re¬
naissance des Judenthums", worüber Herr Dr. Leopold
Kahn aus Wien referierte. Der Saal war übervoll. Unter
anderen hatten sich auch Herr Rabbiner Dr. S. Mühsam
und mehrere Mitglieder des Cultusrathes, mit dem Präses
Herrn Bernhard B i 11 e r an der Spitze, eingefunden. Nach
Eröffnung der Versammlung durch den Vereinsobmann
Herrn Dr. Sigmund Weiss, welcher die Erschienenen
herzlichst begrüsste, hielt Herr Dr. Kahn seinen Vortrag,
in welchem er die Bedeutung des Zionismus für die Re¬
generation des Judenthums in glänzender Weise schilderte.
Er wies unter anderem darauf hin. dass die verschiedenen
Nationen Oesterreichs sich einerseits zwar in den Haaren
liegen, andererseits aber sofort in brüderlicher Eintracht
zusammengehen, wenn es gilt, den Juden eines zu versetzen.
Die geistvollen Ausführungen des Vortragenden entfesselten
einen wahren Beifallssturm. An den Vortrag knüpfte sich
eine sehr anregende Discussion. in der der Referent mehrere
an ihn von gegnerischer Seite gestellte Interpellationen
unter grossem Beifall der Zuhörer 'beantwortete und die
erhobenen Einwände glänzend widerlegte. Lange nach
Mitternacht erst konnte der Vorsitzende die Versammlung
schliessen. Von gegnerischer Seite betheiligten sich an der
Discussion insbesondere die Herren M.-U.-Dr. Leopold
Li u t m a n n, Hugo O e h 1 e r und Herr Jenö K o p p s t e in.
Dieser gelungene Abend gewann dem Vereine „Zion" zahl¬
reiche neue Mitglieder und Freunde. Es steht zu erwarten,
dass die zionistische Idee auch in den Alpenländem bald
kräftig Fuss fassen und weiteste Verbreitung finden wird.
Dr. W.
Russland.
Petersburg. Wie die Zeitung „Jug" meldet, sind in
Cherson seitens des Vereines zur Unterstützung armer Juden
billige Thee- und Speiseanstalten eröffnet worden. — In der
Sitzung der historisch-ethnographischen Commission des
„Vereines zur Verbreitung der Bildung unter den Juden- in
Odessa hat M. Margulies einen Bericht „Ueber die
Grundzüge der jüdischen Geschichte" erstattet. — In Peters¬
burg ist auf Initiative des bekannten russischen Heforaisten
Herrn Dr. L. D. Kazenels on ein Verein zur Verbreitung
der hebräischen Sprache gegründet worden. Zum Obmann
des Vereines ist einstimmig der Initiator gewählt worden.
Das Hauptziel des Vereines ist die Ausgabe von hebräischen
wissenschaftlichen Werken.
Kiew. Sonntag den 17. v. M. hielt Herr Prof. M. Mandel-
stamm einen sehr interessanten Vortrag: „Ueber die
Einwendungen, die die russische Presse gegen den Zionismus
erhoben hat." Ein zahlreiches Publicum versammelte sich,
um den Ausführungen unseres verehrten Führers zu lauschen.
Prof. Mandelstamm kenzeichnete die zionistische Bewe¬
gung in seiner grossangelegten Rede hauptsächlich als eine
ethische. Besonders mächtig wirkten die Ausführungen des
Redners über den Talmud. Her J u z d k o w, ein bedeutender
russischer Publicist, befürchtet nämlich, dass der Zionismus
den „Talmudismus" zu neuem Leben erwecken könnte. Unter
Talmudismus versteht er aber alles Mögliche, Fanatismus,
Barbarei und dergl., nur nicht die hohe Ethik, die von un¬
seren Weisen in Wort und That gepredigt und geübt worden
war. Die glänzende Carakteristik des Talmud, die Prof.
Mandelstamm gab, war geeignet, manche weitverbreitete Vorur-
theile zu widerlegen. Die tiefdurchdachte Rede klang in einen
Appell zur kräftigen Unterstützung der zionistischen Bewe¬
gung aus. M. L.
Palfistina.
Jaffa. In Palästina geht alles einer verhältnismässig
raschen Gesundung zu. Wohl war es schon die höchste
Zeit! Das „Faul im Staate Dänemark" sollte aufhören, für
die Zustände in Städten und Colonien Palästinas Geltung
zu haben. Die Uebernahme der Colonien durch die Ica mit
dem 1. Jänner 1900 bedeutete auf diesem Gebiete den ersten
Schritt nach vorwärts. Hoffentlich trügen die Hoffnungen,
die man daran knüpft, nicht. Die Bewegung in den Städten
hat auch einen ausgesprochenen Zug nach vorwärts, z. B.
in Jaffa. Da haben die Juden das Protectorat pharisäischer
Rabbiner und ihres Anhanges abgeschüttelt, indem sie auf
Grund regelrechter Wahlen zur Gründung einer nach
modernen Principien arbeitenden Gemeinde übergegangen
sind. Bei den hiesigen Verhältnissen gelang nun die Gründung
der neuen Gemeinde leichter als die Entthronung der alten
„Functionäre"! Diese Herren konnten sich so schwer von
dem reichgedeckten Tische trennen, an dem sie bis nun
ungestört schalten und walten konnten, und bis jetzt noch
ist das jüdische Hospital Jaffas ihr unumschränkter
Schaffensbezirk. Jedenfalls nicht mehr lange, nachdem die
neue Gemeinde durch Circularien in Europa den Spenden-
zufluss von dem alten Sündenpfuhl dieser Herren ablenken
will. Dass es ihr gelinge zum Wohle der armen kranken
Juden des Landes ist wohl sehr wünschenswert.
Allerlei Nachrichten.
Wir berichteten jüngst, dass der in Berlin ver¬
storbene Herr Kessler der Adas Jisroel - Gemeinde
i 00.000 Mark testamentarisch hinterhissen hat. Nunmehr
wird bekannt, dass die Erben das Testament anfechten
wollen.
In Mannheim wurde der Agent Diesbach, Verfasser
der Broschüre „Germania als Schleppenträgerin des Juden¬
thums", wegen Schwindeleien zu einem Jahre Gefängnis
verurtheilt.
Russische Blätter berichten, dass die im Jahre 18S5
erlassene Verordnung, keine Juden zu Unterofficieren zu
befördern, aufgehoben worden ist.
Eine verjudete Stadt muss die amerikanische Fabriks¬
stadt Chatanooga Tenn genannt werden. Der Bürgermeister
W a s s m a n n, sein Stellvertreter M o y s e t s und der
Präsident des Schulrathes und der Handelskammer Ochs
sind Juden. Letzterer ist auch Herausgeber des gelesensten
Tagblattes „Chatanooga Times".
Anlässlich des jüngsten preussischen Ordens- und
Krönungsfestes wurde auch eine Anzahl Juden mit hohen
Orden bedacht, u. a. Sanitätsrath Dr. Brühl, techn. Hilfs¬
arbeiter im kaiserl. Gesundheitsamte, Rabbiner Dr. Freund
in Görlitz' und Fabrikant Lipp mann in Aachen
mit dem Rothen Adler-Orden 4. Classe.
Wie verlautet, plant der Wiener Cultusvorstand die
Einführung von Curien bei den Wahlen in die jüdische
Gemeindevertretung. Diese Reaction in den Zeiten des all¬
gemeinen Wahlrechtes soll vielleicht den derouten Zuständen
in unseren Gemeinden aufhelfen ?
In Philadelphia wird der jüdische Frauen- und
Mädchenverein „Young Womens Union" in den nächsten
Tagen ein aus eigenen Mitteln errichtetes Vereinshaus be¬
ziehen.
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Der aus dem Dreytüs-Processe bekannte Capitän
Freystätter erhielt anlässlich des Neujahrsfestes den
Orden der Ehrenlegion.