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„Die # Weltt«
Nr. 5
Der „Univers Israelite* bringt die Nachricht, -dass
Beraard L a 2 a r e als Vertreter von Marseille ins französische
Consistoriuui gewählt worden ist.
Die „Young Mens Hebrew Association 4 * in N e w-
Y o r k erhielt Anfang d. J. von einem jüdischen Philanthropen
ein an der Ecke der 92. Str. und Lexington Avenue liegendes
Grundstück mit Gebäude, 100:78 Fuss gross und einen
Wert von 175,000 Dollars repräsentierend, zum Geschenk.
Bekanntlich sträubt sich die amerikanische Regierung
gegen eine allzu zahlreiche Einwanderung von Juden, weil
der Pauperismus leicht zu „Verbrechen" führe. Wie weit das
bei den amerikanischen Juden zutrifft, dafür liegt ein ecla-
tanter Beweis vor: Das grosse New-Yorker Staatsgefängnis
auf Blackwells-Island beherbergte Anfang d. J. unter 1100
Insassen fünf Juden.
Jüdischer Turnverein.
Am 25. v. M. fand unter Vorsitz des Herrn cand. med.
Josef F e i n g o 1 d eine Versammlung von Vertretern fast
sämmtlicher jüdischer Studenten- und bürgerlicher Zions-
Vereine statt, in der Bankbeamter H*nr Dr. Elkan Weiss
über die Activierung eines jüdischen Turnvereines referierte.
Einleitend hob der Referent hervor, dass das Turnen,
das bei allen modernen Völkern immer mehr zum Elemente
der Volkserziehung wird, den Juden doppelt noththue, da
denselben nicht nur wegen der allgemeinen Structur der
jetzigen Gesellschaft, sondern auch wegen des vor¬
herrschenden Massenelends eine physische Degeneration
drohe.
Nun gebe es zwei Methoden, mit welchen man in der
Wissenschaft einem Uebel zu begegnen sucht: die repres¬
sive, die dort heilt, wo die Wunde schon entstanden ist, und
die präventive, die auf dem Principe basiert, vorbeugend
dort einzugreifen, wo eine Wunde entstehen, könnte.
Das« der letzteren eine grosse Zukunft eingeräumt
wird, wissen alle Fachleute.
In der Medicin ist die Prophylaxis eine der wich¬
tigsten Errungenschaften moderner wissenschaftlicher Er¬
kenntnis.
Auf das Gebiet der vorbeugenden Massregeln gehört
auch das Turnen.
Die bisherigen Versuche zur Activierung eines jüdi¬
schen Turnvereines scheiterten an dem einmüthigen Wider¬
stande derjenigen, bei denen jüdische Interessenten um Ueber-
Ias.-=ung eines Locales ansuchten.
Private und öffentliche, communale und staatliche
Turnhallen wetteiferten in der raschen Ablehnung derartiger
Zumuthungen, bis es in der letzten Zeit gelungen ist. in der
Hessgasse Nr. 7 ein wenn auch sehr enges Heim zu ünden,
in dem schon am 20. v. M. geturnt wurde.
Bei der grossen Zahl der schon vorhandenen An¬
meldungen und bei dem sicher zu srewartigen den massen¬
haften Beitritt turnlustiger Juden wird die Erbauung einer
eigenen Halle nothwendig werden, deren Kosten durch Unter¬
stützung jüdischer Corporationen und durch einen Appell
an das jüdische Publicum aufzutreiben sein werden.
Schliesslich empfahl der Redner, mit dem „Turnverein
jüdischer Hochschüler", der bisher seine turnerische Thätig-
keit noch nicht aufgenommen hatte, derart in Verbindung
zu treten, dass alle geworbenen Mitglieder in den Verein
einzutreten hätten; in einer demnächst einzuberufenden
Generalversammlung wäre die Umwandlung des akademi¬
schen Turnvereines in einen allgemeinen zu beschliessen.
Die Ausführungen des Referenten fanden lebhafte
Zustimmung und sein Antrag wurde einmüthig angenommen.
Wie wir erfahren, turnt der Verein vorläufig jeden
Montag und Mittwoch von halb 8 Uhr abends.
Vereinsnachrichten.
Wien- Die jüdische Vereinigung „Jordania", Wien,
Verein von Handelsangestellten und Beamten, -veranstaltet
Samstag den 3. Februar, um 8 Uhr abends, in ihrem
Vereinslocale, IL, Gredlergasse Nr. 9 (vis-ä-vis der Frucht¬
börse) einen Vortragsabend, an welchem Herr Dr. Leo
Sofer über „Nietzsche und die Juden" sprechen wird.
Gäste (auch Damen) herzlichst willkommen.
Wien. Im Vereine jüdischer Mädchen „Hadassa" findet
Sonntag den 4. Februar, 4 Uhr nachmittags, im Vereins-
local, II., Gredlergasse 9. ein Vortrag: „Der Mensch als
Urbild moderner Erfindungen" von Herrn Dr. S. M. L o e b 1
statt und sind Gäste herzlichst willkommen. — Montag den
12. Februar a. c. veranstaltet der Verein im Hotel Central,
IL, Taborstrasse 8, eine Akademie mit nachfolgendem Tanz¬
kränzchen unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte.
Das Reinerträgnis fliesst wohlthätigen Zwecken zu. Beginn
halb 9 Uhr abends- Familienkarten (4 Personen) k fl. 3.—,
Einzelkarten ä fl. 1.— sind zu haben: bei Fräulein Rosa
Hammer, IL, Praterstrasse 13 (Lloydhof) und bei Fräulein
Melanie Eisenschreiber, IX., Liechtensteinstrasse 18.
Wien. Die jüdisch-akademische Verbindung T Macca-
bäa" hielt am 27. v. M. in L ö b l's Restaurant in Maria-
bilf einen sehr gut besuchten Vortrags- und Discussions-
abend mit nachfolgendem Tanze ab. Der Referent, akadem.
Bildbauer Jul. S t e i n e r, sprach über das Judenthum in
Oesterreich und den Zionismus. Er Hess die verschiedenen
politischen Parteien Revue passieren und bewies, dass keine
es in der Macht habe — aber auch gar nicht beabsichtige —
den Juden zu helfen. Nur der Zionismus wolle die Lösung
der Judenfrage in der einzig möglichen Form. Nach der
Discussion schlug der Referent eine Resolution vor, gegen
die sich einzelne Widersprüche erhoben, dadurch wurde
die Discussion aufs neue belebt. Im Verlaufe derselben
nahm ein Redner Veranlassung, über die Uebernahme der
Rothschild'schen Colonien durch die „Ica" zu sprechen. B.
Wien. Der ,Verein der Hörer an der Wiener israel.
theologischen Lehranstalt" hat die Abhaltung eines Vortrags-
Cyklus über die Geschichte der Juden in den einzelnen
Kronländern Oesterreichs beschlossen, um einen Ueberblick
über die Geschichte der Juden in Oesterreich zu gewähren.
Die Vorträge finden an den nächsten Donnerstagen im
Locale der Anstalt (IL, Tempelgasse 3,3. Stock) statt. Beginn
der Vorträge 8 Uhr abends. Gäste sind herzlich willkommen.
Donnerstag, den 8. d. M. } spricht Herr cand. phil. Sonder¬
ling. Thema: „Der Zionismus.*
Wien. Eine imposante Feier bildete die am 28. Jänner
1. J. stattgefundene Einweihung des Bethauses des Kranken-
und Unterstützungsvereines sMontefiore", dem eine
grosse Anzahl unserer Gesinnungsgenossen angehören. Herr
Rabbiner K r a m e r hielt die nach Form und Inhalt gleich
meisterhafte Einweihungsrede. Der Heiligkeit des Ortes un¬
geachtet wurde der Redner oftmals durch spontanen Beifall
unterbrochen und nach Schluss der Rede von den An¬
wesenden vvärmstens beglückwünscht. Den liturgischen Theil
führte HeiT Obercantor S c h o r r in gewohnter Meister¬
schaft durch.
Wien. Jüdische Vereinigung „Jordania",
Verein von Beamten und Handelsangestellten.
Am letzten Samstag fand im Vereinslocale eine sehr inter¬
essante Discussion statt, die durch ein treffliches Referat
des Herrn Architekten Oscar Marmorek über
„Die zionistischen Handelsangestellten" ein¬
geleitet wurde. Der Referent beleuchtete in ausgezeichneter
Weise die Lage der jüdischen Augestellten, die wirt¬
schaftlich am aller schwersten unter dem
Antisemitismus zu leiden haben, da die arbeits¬
losen Massen des Judenthums nach und nach alle in den
Angestelltenstand hineingedrängt werden und daselbst einen
Concurrenzkampf führen müssen, welcher selbst vor
der ärgsten Lohndrückerei nicht zurückschreckt. An der
auf das Referat folgenden Discussion betheiligten sich die
Vereinsmitgliedar Leder er, Gross und Zobel, sowie