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„Die Weif
Nr. 5
„Judenpapstes" uud einem Jüngling aus. Göllheim ab und
findet einen glücklichen Abschluss. Dabei fällt ein wenig
Licht auf das jüdische Leben, und einige Züge desselben
werden psychologisch beleuchtet. Es gibt da auch viel
Unmodernes, auch können wir es nicht verhehlen, dass die
Licht- und Schattenseiten ungleich vertheilt sind, aber die
Erzählung ist eben eine apologetische und erhebt keine be¬
sonderen literarischen Ansprüche. j. b.
Feuilleton.
Die Mischehe.
Eine Geschichte aus neue r er Zeit.
Von Emil Fried.
Siegfried Rosenzweig war sein Name. Diese Thatsache
hatte ihm schon manche Stunde seines Lebens verleidet. Es
ist aber auch unerhört, so gar nichts Jüdisches an sich zu
haben und dennoch Rosenzweig heissen zu müssen. Oft
suchte er sieh mit dem Gedanken zu trösten, es müsse auch
Christen dieses Namens geben. Er selber kannte zwar keine,
aber trotzdem klammerte er sich mit verzweifelter Kraft an
die Hoffnung, es müsse welche geben. Einen ausschliesslich
jüdischen Namen zu tragen, nein, das wäre zu schrecklich!
So grausam konnte das Schicksal nicht sein. Unmöglich •
— Zuweilen, wenn ihn der Zweifel an der Existenz nicht¬
jüdischer Rosenzweige besonders quälte, war er nahe
daran, dem eigenen Vater zu grollen, dem er diesen Namen
verdankte.
Der arme Vater! War er nicht selber mit diesem
Namen erblich belastet? That er nicht alles, was in seinen
Kräften stand, um den Kindern die ererbte Bürde zu er¬
leichtern ? Für wen mühte er sich trotz des vorgerückten
Alters im Geschäfte vom frühen Morgen bis in die späte
Nacht? Ja, der gute Vater that, was sich thnn liess, rettete,
was zu retten war, und nannte den Erstgeborenen Siegesfried
Hierdurch fühlte sich dieser auch entschädigt. Siegfried,
das Urbild deutscher Kraft und Herrlichkeit, Siegfried,
der Recke, der mit selbstgeschmiedetem Schwerte den
Drachen getödtet — er war Siegfried Rosenzweigs Ideal.
Denn Siegfried Rosenzweig war ein Deutscher, trotz der
gewissen „vorübergehenden" Zeitströmung. Er gehörte zu
jenen, die sich, ihr Deutschthuni nicht nehmen lassen. Er
fühlte deutsch, er dachte deutsch, er wählte deutsch — sogar
«leutsch-radical — wofern es die deutsche Gemeinbürg¬
schaft also verlangte.
Unter solchen Umständen wird es gewiss niemand ver¬
wundern, dass in Siegfrieds für alles Deutsche und Schöne
so leicht empfängliches Herz auch alsbald die Liebe ihren
Einzug hielt. Die Geliebte seines Herzens war eine Jungfrau
deutschen Stammes und hiess Marie Wondracek. Er
liebte sie nach der Theorie der Gegensätze.
Er, der Sohn eines reichen, sie die Tochter eines
armen Kaufmannes — er mit dunklem Haar und dunklem
Auge — ihr Haar ungemein blond, das Auge so mild und
licht, wie frischgefallenes Regenwasser — sein Nasenrücken
positiv* der ihrige negativ gekrümmt. Ursachen zu heftiger
Liebe gab es also in Hülle und Fülle. Der Tag, an dem der
Funke der Liebe sein Herz entzündete, hatte für ihn aber
auch sonst eine besondere Weihe.
Er war ein für jeden Deutschen des Städtchens denk¬
würdiger Tag, ein Festtag allerersten Ranges. Wer deutsches
Blut in seinen Adern fühlte, dem blieb dieser Tag unver-
gesslich. Wie hätte also Jung-Siegfried sein vergessen
können! Es war der Tag des vorjährigen Gauturnfestes.
Hei. wie flatterten die Fahnen, wie flogen die Pulse, als
unter Böllerschüssen und unter den Klängen der Veteranen¬
kapelle sie einmarschierten, die kernigen Gestalten mit den
grünen Hüten und wehenden Cravaten, vier F auf jedem
Zipfel. — Das war ein unermesslicher Jubel und des Heil-
Rufens kein Ende. Und hoch oben, im ersten Stocke, an
den Fenstern der Häuser, standen Gernianiens r Jungfrauen,
lieblich geröthet, und streuten Blumen auf die Pfade der
Männer und Jünglinge. Auch Israels Jungfrauen streuten
Blumen und riefen: „Heil! Heil!" Nachdem solches ge¬
schehen, bedeckten sie den hochwogenden Busen mit
schwarzem und rothem und goldenem Bande und thaten
Kornblumen in das rabenschwarze Haar. Dann eilten sie.
also geschmücket, zum heiteren Feste, zum fröhlichen Tanze.
Dort Hessen sie sich nieder und sassen und sassen und
freuten sich des gelungenen Festes. Auch die Väter freuten
sich der herrlich geschmückten, sitzenden Töchter und be¬
schlossen im Herzen, auch fürderhin zu fördern mit Geld
und Gut, mit Rath und That die heilige deutsche Sache.
Alsbald erschien auch Siegfried Rosenzweig am Platze,
um seine Wahl für den nächsten Tanz zu treffen. Dies war
jedoch nicht so einfach. Mit Judenmadchen tanzte er nicht,
und die anderen waren längst vergeben. Siegfried Rosen¬
zweig war kein Antisemit, Gott behüte! Er musste zwar den
Antisemiten in vielen Punkten recht geben, blieb aber dabei
gemässigt liberal.
Es war jedoch seit geraumer Zeit unter den jungen
Leuten des Städtchens die Losung ausgegeben worden, mit
Judenmädchen nicht zu tanzen, und da wollte er sich nicht
ausschliessen. Er fand es überhaupt empörend, dass die
Juden noch immer so vieles anders thaten. Seiner Meinung
nach musste alles Trennende beseitigt werden. Was dem
einen recht war, musste dem anderen billig sein. Er für
seine Person hielt an diesem Grundsatze fest, und deshalb
tanzte er mit keinem Judenmadchen. Andererseits wollte er
bei einem so seltenen Feste nicht müssig stehen. Wasthun?
Rasch entschlossen, schritt er an den Reihen sitzender Juden¬
mädchen vorüber, auf Frau Wondracek los, wurde erhört
und war gerettet. Mit dem weiteren Verlaufe des Festes war
er sehr zufrieden. Er lernte zunächst Fräulein Wondracek
kennen, allerdings nur flüchtig — fremde deutsche Turner
haben nämlich Vorrang, so verlangt es deutsche Gast¬
freundschaft — aber er war bescheiden und schätzte sich
glücklich, Madame Wondracek Gesellschaft leisten zu dürfen.
Als einer der fremden Herren in seiner Nähe so von
ungefähr die Frage aufwarf, was eigentlich das viele
Judenpack bei einem deutschen Feste zu suchen hätte,
worauf seine Dame sammt den Damen der Umgebung nur
mit grosser Mühe und mit Hilfe des Taschentuches das
Lachen verbeissen konnten, da wollte es Herrn Siegfried
bedünken, es sei im Saale ein wenig schwül.
Als aber gleich darauf im Nebensaale ein Redner
sein Glas erhob auf das Wohl der gastlichen Stadt, „dieses
Felsens, an dem die Wellen slavischer Hochflut zerschellen,
dieses Bollwerks im Kampfe für deutsches Recht und
deutsche Sitte", da packte unsern Siegfried die Begeisterung
mit solcher Gewalt, dass er alles um sich her vergass und
wie rasend miteinstimmte in das Lied der Lieder, die „Wacht
am Rhein".
Die Turner waren abmarschiert, die Fahnen eingezogen,
die Gemüther beruhigt. Nur Siegfried Rosenzweig fand
seine Ruh' nicht wieder. Mariens Reize hatten es ihm an-
gethan. Sein Werben um der Jungfrau Minne blieb im
Städtchen selbstverständlich nicht lange Geheimnis.
An einem Sonnlage, „nach der Kirche", da wagte er
es, ihr sein Geleite anzutragen. Es war nämlich Sitte im
Städtehen, nach beendetem Gottesdienste noch ein bis zwei
Stündchen im Sonntagsgewande beim grossen Brunnen am
Marktplatze vorbei und dann wieder zurück zu defilieren.
Die Damen hielten fest an diesem altehrwürdigen Gebrauche,
schon um der staunenden Mitwelt zuneigen, was „Wiener
Mode" vermag.
Hier, mitten unter den Kirchgängern schritt nun Held
Siegfried an der Seite Mariens einher. Als das Paar an
Frau Wondracek vorbeikam, wurde Herrn Rosenzweigs