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bescheiden höflicher Gruss fast gar nicht erwidert; dafür
traf aber das zürnende Auge der Mutter das Mädchen an
seiner Seite mit solcher Gewalt, dass dieses das schöne
neue Gebetbuch mit den Elfenbeindeckeln und dem grossen
Kreuze beinahe hätte fallen lassen.
Da Siegfried solches gewahrte, zog er es vor, sich
'zurückzuziehen. Kaum war das Mädchen allein, stürzte auch
schon die Alte heran, und siehe da! vergessen war gute
Erziehung, vergessen deutsche Abstammung, und mit über¬
lauter Stimme erhielt Mariechen auf gut Czechisch das
bindende Versprechen, sämmtliche Vorderzähne einzubüssen,
falls ihr noch einmal das Unglück widerfahren sollte, in
Gesellschaft dieses verfluchten Juden angetroffen zu werden.
Das war deutlich. So meinte nämlich ein grosser
Theil der Bevölkerung ohne Unterschied der Confession.
Jung-Siegfried jedoch war anderer Ansicht. Erstens wollte
er nicht recht glauben, dass es sich um ihn handle. Frau
Wondracek meinte jedenfalls irgendeinen anderen Juden.
Im Grunde genommen konnte er der guten Frau ihre
Erregung nicht verübeln. Die Juden besitzen so viele
Untugenden. Frau Wondracek sollte sich aber nur erst die
Mühe geben, i h n kennen zu lernen, ihn, der gar nicht so
war, wie die anderen Juden, dem alles Jüdische zuwider
war. O! er zweifelte nicht daran, der Zauber seiner Per¬
sönlichkeit werde mit der Zeit alle Vorurtheile überwinden.
Hatte er nicht ähnliche Beispiele, wenn auch nicht erlebt,
so doch gelesen. Wer kennt z. B. nicht die herzerhebende
Geschichte von dem reichen Hüttenbesitzer, der durch
ununterbrochene Bethätigung hoher und höchster Mannes¬
tugend das Herz der adeligen Maid erobert, die rührende
Geschichte von der stolzen Maid, die sich schliesslich doch
herablässt. dem bürgerlichen Manne die blaublütige Hand
zu reichen.
Von dieses Mannes Heldenthume fühlte Siegfried
Rosenzweig etwas in sich.
Die gute Mutter! Sie fürchtete jedenfalls, er meine
es nicht ernst genug, er sei wie die anderen Juden, die nur
dem Gel de nachgehen.
O, sie sollte ihn erst von der idealen Seite kennen
lornen !
In Erwägung dieser Umstände und um dem Eltern¬
paare Wondracek jeden Zweifel zu benehmen, beschloss er,
nach alter deutscher Sitte, in aller Form um Mariens Hand
anzuhalten. Zu diesem Zwecke bestellte er einen Wagen
und legte Balltoilette an. Nachdem er sich durch einen
letzten langen Blick in den Spiegel nochmals versichert
hatte, dass wirklich nichts Jüdisches an ihm sei, trat er
hohen Muthes die Siegesfahrt zum Hause der Geliebten an.
Kühnen Schrittes gelangte er in das Vorzimmer. Durch die
offenstehende Küchenthüre konnte er bemerken, dass Frau
Wondracek eben in der Küche beschäftigt war. Da wollte
es ihm etwas bange werden. Kaum hatte er jedoch beschlossen,
nicht zu zittern, nicht zu zagen, sondern unentwegt nach
deutscher Heldenart dem Ziele entgegenzugehen, als die
Küchenthüre, durch einen kräftigen Fusstritt Madames ins
Schwingen versetzt, dröhnend ins Schloss fiel. Frau
Wondracek erfreute sich einer kräftigen Fussmusculatur.
Jung-Siegfried versuchte es, sich glauben zu machen, es
müsse irgendwo ein Fenster offen sein, und trat unverzagt
in das Wohnzimmer ein. Herr Wondracek lag auf dem
Sopha und war mit dem Putzen seiner langen Pfeife
beschäftigt. Herr Wondracek hielt viel auf guten Ton. Als
Commis hatte er nur in feinen Häusern serviert und wusste
sich zu benehmen. Er hielt deshalb im Pfeifenputzen inne
und erwiderte sogar den Gruss des feierlich Eintretenden.
Siegfried Rosenzweig nahm nun alle Kraft zusammen und
brachte in ruhig vornehmer, so gar nicht jüdischer Weise
sein Anliegen , vor. Da erhob sich Herr Wondracek vom
Sopha, zog seine Pantoffeln an und entgegnete ebenso
ruhig, ebenso vornehm: „Herr v. Rosenzweig, Ihr Antrag
ehrt uns, aber Sie werden doch von mir nicht ernstlich
verlangen, dass ich meine Tochter einem Juden gebe."--
Als Siegfried,-der Held, wieder im Wagen sass, fühlte
er sich durchaus nicht beschämt oder gar gedemüthigt...
Durchaus nicht! Dazu stand er sich viel zu hoch in seiner
Achtung. Es erfasste ihn nur eine namenlose Wuth gegen
— die Juden. O ! diese Juden, nirgends sind sie gelitten.
Doch wie kam er, der Unschuldige, der mit ihnen nichts
gemein hatte, nichts gemein haben wollte, dazu, ihretwegen
zu leiden. Und da sollte er kein Antisemit werden !
Simson.
Nun seid Ihr wieder da. Ihr dunklen Stunden !
Ks heult der Sturm und löscht die Lichter aus.
Die alten Wunden brechen auf. Es strömt heraus
Der tausendjähr'ge. blut'ge Zorn aus allen Wunden:
„Ihr habt gestossen und getreten uns gleich Hunden.
Hohnlachend habt Ihr uns gejagt von Herd und Haus,
Hohnlachend uns gestürzt in Noth und Todesgraus,
Und doch, — ganz habt Ihr uns die Kraft nicht unterbunden !
Denkt der Philister ! Als er schlief, sie stahlen ihm die Wehre.
Dem Riesen Simson stahl das Haar Delila's Schere,
Philistertücke stahl ihm seiner Augen Licht für immer.
Er mahlte dem Philister Mehl. Da heischten ihre Priester:
Simson soll vor dem Volke tanzen ! Tanzen! Wehe Euch,
Philister!
Die Säulen stürzen . . . Ihn und Euch begraben tausend
Trümmer ! . .
Brünn. Berthold Fei w e 1.
Corso in Solokow.
(Fragment aus einer Novelle.)
Von Moriz Hermann.
Die rosige^ hoffnungsfreudige Stimmung, mit der man
dem Frühling und den Pessachtagen entgegengerüstet hatte,
war bald darauf der matten, behaglich-stumpfen Sommer¬
ruhe der Halbfeiertage gewichen, an denen es keine Wünsche,
aber auch keine Hoffnungen mehr gab, und als endlich der
letzte Tag heraufzog, welk und die Farbe des Abschiedes
tragend, da schauerte es, an Herbst und Vergänglichkeit
gemahnend, wehmuthsvoll durch ihre Brust. In ihre Weisen,
die sie in Stunden der Betrachtung vor sich hinsummten,
schlich sich unbemerkt die leise Klage der Busslieder, die
am Versöhnungstage geseufzt und geweint werden.
Langsam, Minute um Minute, waren die Festtage ver¬
ronnen, ein Tag glich dem anderen, und wenn sie nur
spärliche Erlebnisse gebracht, dem waren sie dahingeglitten
wie ein kurzer, wohliger Traum.
Mitunter, wenn man jede Stunde der Müsse in andere
Genüsse getaucht und jeden Tag mit neuen, noch unver¬
brauchten Freuden ausgefüllt hatte, schien es, als ob es
ebensoviele glanzreiche Wochen gewesen wären.
Unbekümmert jedoch um die Empfindungen der
Menschen, waren die Tage dahingeschwunden wie alle anderen
Tage des Jahres.
Weil nun der letzte Tag derjenige war, an dessen
Abend bereits die nüchterne, freudlose Tretmühle des Alltags
entgegengraute, darum beeilte man sich doppelt und drei¬
fach zu geniessen, bis jene bittere Stunde zur Gegenwart
geworden sein würde.
Als die Sonne weiter unten nach Westen hinabzog
und die ersten Schatten des Nachmittags die eine Reihe der
Häuser einsäumte, füllte sich die Strasse mit Spaziergängern
aller Art. Die Hauptraasse derselben, junge, erst unlängst
verheiratete Frauen und Mädchen aller Altersstufen, vom
zierlichen, im ersten Jugendschimmer leuchtenden Back¬
fisch bis zur ausgereiften, heiratsbedürftigen Tochter, kamen,
um sich anscheinend in der milden Frühlingluft zu ergehen,
in Wahrheit jedoch, um mit gutgespielter Absichtslosigkeit
ihre neuen Toiletten zur Schau zu stellen und mit der bei
ihnen traditionell gewordenen vornehmen Gleichgiltigkeit
den Eindruck zu erwecken, als ob all die farbenstrotzenden
Gewänder, die sie augenblicklich anhatten, zu ihrem täg¬
lichen Brot gehörten. Daneben schritten Jünglinge, pfauen-
haft stolz, mit dreisten Mienen einher, mit der sieges¬
gewissen Haltung selbstbewusster Seelen, in die noch kein
nagender Zweifel sich eingenistet, und die noch durch den