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,Die & Welt"
Nr. 5
Besitz von einem Paar Lackschuhen in eine höhere Sphäre
des Daseins sich erhoben fühlen.
Diese Jünglinge wussten in verschämter Weise die
Schritte derart zu lenken, dass sie wie zufällig hinter
irgendeine Serhöne gerathen zu sein schienen, während
irgendein farbiges Band, eine wehende Straussfeder oder ein
neuartig gewundener Haarzopf die deutlich sichtbaren
Wimpel bildeten, an denen sie die im wogenden Gedränge
dahinsegelnden Schönen zu erkennen vermochten.
Nur die zu zwanglosen Gruppen vereinigten älteren
Männer, welche, die ganze Breite der Strasse einnehmend,
mit auf dem Rücken gekreuzten Händen, in behaglicher
Müsse daherschlenderten, schienen von keinem irdischen
Tand hierhergelockt; denn ihre noch von der Hochzeit
herstammenden, längst verschossenen Kaftane und ver¬
fallenen, sternartigen Pelzmützen, waren über den Verdacht
einer öffentlichen Schaustellung erhaben. Aber eben des¬
halb bildeten dieselben ein fremdes, in den Rahmen dieses
Corsos nicht hineinpassendes Element: denn weder wurden
sie von irgend jemandem beachtet, noch hatten sie, die oft.
in lebhafter Discussion begriffen waren, Interesse genug,
einen anderen eines Blickes zu würdigen. Indessen waren
sie als Deckblatt, hinter dem irgendein Verliebter verschämt
dahinwandeln konnte, nicht ganz ohne Nutzen.
Das Auffallendste in diesem Corso war jedoch, da>-s
all diese auf- und niederwogenden Massen streng nach
Geschlechtern geschieden waren. Weder die Gatten- oder
Elternliebe, noch sonst irgendeine Liebe war das Kriterium,
nach dem die einzelnen sich gefunden hatten, sondern einzig
und allein ein*, wenn nicht wirkliche, zumindest erborgte
Art von Freundschaft. Die Mädchen giengen mit ihren
Freundinnen. Jünglinge mit ihren Freunden, und selbst die
Kinder, von den Eltern losgelöst, zogen in wachsenden oder
abnehmenden Scharen in gekrümmten, unregelmässigen
Bahnen, gleich Meteorschwärmen, durch die harmonisch
hintereinander wandelnden Reihen, zuweilen unter Freuden¬
rufen und Schlagworten aus gewissen Spielen mit Ungestüm
vorübersausend.
Die alten Frauen sassen in der ernüchterten, gelassenen
Trägheit ihres Alters auf allerlei Sesseln und Bänken vor
den Fenstern ihrer Wohnungen, das lebendig bewegte Bild
der Strasse mit einem nicht minder lebendigen Rahmen ab¬
schliessend. Die Strasse ward zu einer Art Schaubühne, die
Spaziergänger wurden zu Acteuren und das Lustwandeln
erhielt erst hierdurch seinen besonderen Reiz und seine
Gefahr: denn zu beiden Seiten auf den Bänken fühlte man
sich stets als das behaglich geniessende Publicum, woselbst
die Kritik herrschte, eine unzweideutige, bestimmte Kritik,
deren Urtheile für lange hinaus Geltung hatten, sowie eine
Art Jahresstntistik, welche an der Hand von Beispielen die
wichtigsten Veränderungen feststellte, zum Beispiel, dass die
Kinder herangewachsen, dass die Erwachsenen zu altern
begonnen, dass irgendein Dicker noch dicker geworden
und dass die Kinder eines Verstorbenen sieh in der That
wie Waisen ausnähmen.
Begann jedoch die Strasse einförmig zu werden, verlor
man sich, von einem momentanen Eindrucke ausgehend,
ins allgemeine, seufcte oder sprach über die Nichtigkeit
aller Dinge, so dass es niemals an Stoff, noch weniger an
Lust, ihn im wechselnden Zwiegespräche zu verarbeiten,
ermangelte.
Vor Hersch Bärs Haus, woselbst Gittel mit zwei
Nachbarinnen ihre Sitze aufgeschlagen hatte, sprach man
über Kindererziehung.
„Entweder es hilft nicht oder man braucht es nicht,"
sagte die eine gedehnten, gähnenden Tones. „Bei Selig sind
herangewachsen Kinder ahne Lehrer und ohne Erziehung
und alle sind Menschen geworden. Der älteste hat eine
Pachtung, und allen unseren Freunden mag es so gut
ergehen, ewiger Gott! Der zweite wird bald Rabbiner und
selbst der jüngste verdient schon und die schönsten Heirats¬
gelegenheiten werden ihm angeboten."
Hierauf folgte die Argumentatio a contrario:
„Was hat Joel, der Taube, mit allen seinen Lehrern
erzielt? Der eine Sohn musste sich von seiner Frau
scheiden, jetzt gibt er Stunden und ist ein Niemand. Der
/.weite Sohn studiert und man hört und sieht nicht, was aus
ihm geworden ist. Er wird sich noch taufen lassen. Das
Töchterchen aber," fügte sie verächtlich hinzu, „hat bereits
einem Kinde das Leben geschenkt. Entweder es hilft nicht
oder man braucht es nicht."
„Wenn man ein Kind richtig in die Hand nimmt,
rauss aus ihm ein Mensch werden," s-agte hierauf die andere.
„Wer hätte geglaubt, dass aus unserem Schmiel noch etwas
wird! Hier ist er barfuss herumgelaufen, hat Aepfel ge¬
stohlen und Pferde zur Tränke geführt. Seitdem ihn jedoch
Jizchok nach Amerika hinübergenommen, ist er wie aus¬
gewechselt. Er ist solid geworden, spart Geld und unterr
stützt schon seine Mutter. Jetzt hat er seine Photographie
hierher geschickt; wer sie sieht, sagt, es sei gar nicht
dieser Schmiel. Man muss ein Kind in die Hand nehmen."
„Kindererziehung ist eine Glückssache," sagte Gittel.
welche, von beiden Argumenten ein wenig überzeugt, ihrer
momentanen Ansicht in dieser allgemeinen Sentenz Aus¬
druck verlieh. Gegen eine solche liess sich schlechterdings
nichts einwenden, und da inzwischen die Strasse wieder die
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken begann, fand das
Gespräch sein Ende.
Nachlässigen, schleppenden Ganges kamen zwei Frauen
heran mit der resignierten, ernüchterten Miene von Müttern,
die, obwohl noch jung, die Nichtigkeit aller Dinge längst
an sich erfahren und früher als sonst die Gefühle und An¬
schauungen der Alten in sich aufgenommen hatten.
Sie mussten aus einem besonderen Grunde hier er¬
schienen sein, denn sie trugen ihre gewöhnliche, bequeme
Haustracht, den Kopf mit einem Tuche umhüllt, und deuteten
damit jedermann an, dass sie mit der festtäglich aufgeputzten
Jugend in keinen Wettbewerb getreten seien, bekundeten
jedoch gleichzeitig durch ihre zwanglose, sich selbst
genügende Haltung, dass sie dies nicht bedauern, dass si*>
über jene gewissermassen erhaben seien, und hatten so
etwas Herausforderndes an sich.
In kurzer Entfernung von der einen trippelte in der
geschlechtslosen Gewandung dieses Alters ein unförmlicher,
tollkühner Knirps gleichsam für sich und selbständig dahei\
hob vorsichtig, mit einer Geberde von Schlauheit, als sei er
bereits hinter das Geheimnis gekommen, die feisten Beinchen
und stellte sie triumphierend, wie nach einer bestandenen
Gefahr, wieder zur Erde. Die Frau hinter ihm folgte un¬
ausgesetzt mit dem müden, gelangweilten Blick einer ge¬
quälten Mutter seinen Bewegungen und hörte gleichzeitig
zerstreut, mit halbem Ohre das eintönige Gehaspei der
anderen, welche mit der Trockenheit, womit man Gebete
murmelt, von dem Schicksal einer Witwe erzählte:
„Fünfzig Gulden hat sie, hundert Gulden, haben wir
gerechnet, wird ihr der Schwiegervater geben, und mit
hundertfünfzig Gulden, haben wir gedacht, wird sie sich
machen ein Geschäft . . ."
Doch inzwischen waren sie vor Hersch Bärs Haus
ins Bereich der Weiber gekommen, welche mit beredten
Blicken ihnen voller Erwartung entgegen lächelten, und
eine, welche sich gerne ironischer Wendungen bediente,
bot in einer Art Sing-Sang, wodurch die Ironie noch mehr
hervortrat, den Willkommensgruss:
„Das nenn' ich gescheit. Spazieren! Natürlich.
Nicht wie wir alten Weiber. . .'•
Die Mutter lächelte gezwungen und erzählte, dass der
Kleine die alleinige Ursache ihres Aufzuges sei. Er habe
sie nicht ruhig sitzen lassen, sie unaufhörlich am Kleide
gerissen, so dass man en«Wich mit ihm gehen musste. Die
Nachbarin, die gerade mit ihr im Gespräche gewesen sei.
habe t-ich angeschlossen .. .
Alles blickte auf den kleinen Tyrannen, der zwei
Menschen wider ihren Willen spazieren führte und der,
ganz in seine Sache vertieft und unbekümmert um die Auf¬
merksamkeit, die er auf sich gelenkt, mit unermüdlicher
Beharrlichkeit seine Marschübung fortsetzte. Die Frauen
unterbrachen ungern das eben begonnene Gespräch. Die
eine nahm mit der früheren gelangweilten Ruhe ihren Wach¬
dienst wieder auf und die andere fuhr fort zu erzählen, wie
der Schwiegervater kein Geld geben wollte. Die Frauen aber
hinter ihnen beeilten sich zu constatieren. dass dieser Kleine
deswegen eine solche Macht habe, weil bereits zwei ältere
Geschwister an Scharlach gestorben seien.
Bald darauf gerieth die Strasse in leichte Unruhe.
Eine neue, auffallende Erscheinung war im Anzüge. Aus
den drängenden, ineinander schiebenden Massen trat wie
ein Gestirn aus Wolken die stolze, überragende Gestalt
eines Mädchens, mit der Wucht einer die ganze Aufmerk¬
samkeit auf sich ladenden Eleganz heranschreitend. Ein
dunkelblaues reichbesetztes Kleid von auffallendem Schnitt
umhüllte ihre schlanken, zu eleganten Rundungen einge-
pressten Formen, ihr. graziös zurückgeworfener Kopf mit
den aschblonden üppigen Haarwellen trug die stolze Er¬
habenheit einer Persönlichkeit zur Schau, die sich ihres
hohen, unersetzlichen Wertes vollkommen bewusst ist, das
violett verschleierte, blass-durchschimmernde Gesicht barg
geheimnisvollen Zauber, und die mächtig überragenden,
sammtartigen Straussfedern nickten triumphirend ineinander,
während der kunstvolle Bau des Oberkörpers wie um seine
eigene Achse sich zu drehen begehrte. Ein sanfies, seiden¬
artiges Rauschen wiederhallte in ihren Schritten und der
Duft eines undefinierbaren, versengenden Parfüms zog als
unsichtbarer Schweif hinter ihr einher.