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Nr. 6
Wien, 9. Februar 1900.
4. Jahrgang
Die Türkei in der Weltpolitik.
Von 0. Erter.
Es ist verständlich, dass die Blicke der Welt
wie hypnotisiert auf Südafrika und auf London geheftet
sind. Was in Südafrika zur Entscheidung steht, ist
allerdings etwas Grosses, das sich in der Frage, ob und
wie die beiden holländischen Republiken fortbestehen
sollen, nicht erschöpft Man kann vielmehr gerade an
dem überwältigenden Interesse, mit welchem überall in
der Welt die Kriegsvorgänge in Südafrika verfolgt
werden, ermessen, dass da etwas auf dem Spiele
steht, was um ebensoviel über die locale Bedeutung
des Krieges hinausreicht, wie die Weltsteliung Englands
über die Existenz der südafrikanischen Freistaaten.
England kämpft um sein Prestige, um die Gesammtheit
seiner colonialen Macht und Grösse, denn es kann auf
seine Suprematie in Südafrika nicht verzichten, ohne
einer der festen Klammern verlustig zu gehen, durch
welche Indien mit dem Mutterlande zusammengehalten
wird. Und Indien ist das Pied-ä-terre der britischen
Macht.
Ist es demnach leicht zu verstehen, wie sehr die
Welt nicht bloss obenhin durch die Kämpfe in Natal
interessiert wird, sondern im Hinblicke auf die Balance
of Powers an ihrem Ausgange sich direct betheiligt
fühlt, so ist es aber andererseits minder begreiflich,
dass sie nur gleichsam mit halbem Auge andere, nicht
weniger wichtige Vorgänge wahrnimmt, welche zwar
in heimlicher Stille auf anderen Schauplätzen sich ab¬
spielen, aber in ihrem Effecte nach derselben politischen
Himmelsrichtung hinwirken, wie die südafrikanischen
Kämpfe. Dass Russland, um sich zu vergewissern, ob
es in kurzer Zeit aus Transkaspien Truppen an die
afghanische Grenze werfen kann, die Probedislocierung
nach Kuschk unternommen, dass es bald darauf zur
Garantie für eine persische Anleihe auf der Grundlage
einer Verpfändung der persischen Zölle sich entschlossen
hat, ist mit einem Gleichmuthe verzeichnet worden, der
umso merkwürdiger ist, als auch das Recht zum Baue
von Eisenbahnen in Persien bereits an Russland über¬
gegangen ist Selbstredend hat man in Petersburg ver¬
kündet, dass es ein Unrecht an der Friedfertigkeit
Russlands wäre, aus alledem den Verdacht herzuleiten,
als ob Englands südafrikanische Nöthe dazu benützt
würden, um russische Expansionspläne zu verwirklichen.
Und man darf dieser Versicherung Glauben schenken,
trotzdem einige heissblütige russische Blätter durch
ihre triumphierende Animosität den sehnlichen Wunsch
nach dem Gegentheile verriethen. Es ist gar nicht zu
verkennen, dass die auswärtige russische Politik von
heute, den Intentionen des Czars Nikolaus II. ent¬
sprechend, den Zug der Hinterhältigkeit, der sie früher
kennzeichnete, von sich abgestreift hat. Aber man kann
auch andererseits die Augen nicht dagegen verschliessen,
dass, wie die Zeichen nun einmal stehen, Russland und
England in Asien immer näher aneinander rücken, dass
die Distanz zwischen ihnen immer kleiner und dass,
je mehr dies der Fall ist, desto enger die Türkei
zwischen ihnen eingeklemmt wird.
Aus diesem Gesichtspunkte sind bisher die
Evolutionen, von denen wir sprechen, noch gar nicht
in Betracht genommen worden, und wir glauben, dass
gerade dazu Anlass genug vorhanden ist. Wenn
England in Südafrika um die Unantastbarkeit Indiens
und um seine Oberherrschaft über Aegypten kämpft,
was gewiss nicht zu bezweifeln ist, so sichert Russland
sich durch die Truppendislocierung nach Kuschk und
die Garantie für die persische Anleihe seine central-
asiatische Ueberlegenheit. Zwischen beiden aber steht
die Türkei wie zwischen zwei Mühlsteinen, die in
absehbarer Zeit ihre Arbeit beginnen können, und sie
hat eine grosse Widerstandskraft nöthig, wenn sie
rechtzeitig ^ich davor bewahren will, zerrieben zu
werden. Dass England als colonisierendc Macht die
Cultur hinter sich herzieht, ist in diesen Monaten seit
dem Beginne des südafrikanischen Krieges oft genug
gesagt worden; es hegt darin die schmale Plattform,
auf der sich überhaupt die zusammengeschrumpfte
Sympathie für England noch bewegen kann. Aber auch
Russland verbreitet in seiner Art Cullur, wohin es in
Asien seinen Fuss setzt, es ist ein grandioses Stück
Culturarbeit, das sich in der transsibirischen Eisenbahn
präsentiert. Was hat im Vergleiche damit die Türkei
einzusetzen, um sich als Zwischenmacht zwischen
England und Russland in Asien sicherzustellen V Die
russisch - persische Ueberraschung erinnert an ein
berühmtes Wort in der französischen Deputierten-