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,Die 2$ Welt"
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— von einem Cantor einige hübsche Tacte aus seiner
"rtS7T7p»; von einein andern solche aus ""llTiSn TD" ; von
einem dritten ein paar Accorde aus seinem "p2£"l TP*
u. s. w. — Und alle diese melodiösen „Stückchen" der ver¬
schiedensten Tonarten schmelze ich unter Mithilfe meines
Kapellmeisters im Tiegel des Geschmackes und der Harmonie
zusammen, so dass ein vollständig neues, kunstgerechtes
Duett etc. entsteht.
Ich mache kein Hehl daraus: In den ersten Jahren
nach meiner Begründung des jüdischen Theaters erlaubte
ich mir dann und wann manche kleine Anleihe, von der
ich meinen Schuldherrn nicht benachrichtigt hatte. Ich
schmuggelte gelegentlich in meine Stücke leichte Melodien
von Offenbach, Lecocq, Verdi, Meyerbeer, sogar
von Wagner ein. Zu meiner Entschuldigung kann ich.
neben dem Heine'schen Ausspruch „Es gibt in der Kunst
kein sechstes Gebot", auch den Umstand anführen, dass
mich bei meinen kleinen Zwangsanleihen nicht Eigennutz
und Profitsucht leitete — welchen Nutzen könnte auch ein
armer Compoistn meines Schlages selbst von „Plagiaten"
in grösserem Stile ziehen? — sondern ausschliesslich das Be¬
streben, den musikalischen Geschmack weiter Kreise meines
Volkes auf diese Weise zu läutern.
Leider verfehlte auch dieses etwas kühne Mittel den
Zweck. Der Geschmack der unteren Schichten der jüdischen
Bevölkerung war eben so verdorben, dass ihnen jede euro¬
päische Musik einfach zuwider war. Ihr Ohr war zur Auf¬
nahme andersartiger Melodien als der in der Synagoge und
„Klaus'" gesungenen total unfähig. Ich musste die zweck¬
losen Versuche aufgeben und neue Töne anschlagen. So
beschränkte ich mich denn auf die Pflege einer eigenartigen
judischen Volksmusik, deren Charakteristiken eine gewisse
phrygische Tonart ist, und meine Bemühungen nach dieser
Richtung hin wurden in der That von grossen Erfolgen
gekrönt.
Beiläufig bemerke ich, dass das jüdische Theater in
seinen ersten Anfängen bloss von den culturell am tiefsten
stehenden Volkselementen besucht war, die von einer Bühne
und deren Erfordernissen nicht den mindesten Begriff
hatten. Die mehr „bürgerlichen" Elemente eines jüdischen
Städtchens, die strengeonservativen Wächter von Zucht und
Vätersitte, versagten sich und ihren Kindern auf das strengste
den Besuch eines solchen „Therioters", wo „Lezim", das
heisst frivole Spötter, die „Jüdischkeit" der allgemeinen
Verhöhnung preisgäben. Viele Arbeiter, Handwerker etc.
mussten sich heimlich ins Theater einschleichen, um
unangenehmen Auseinandersetzungen zu entgehen.
Es versteht sich von selbst, dass einem Publicum von
dieser Zusammensetzung, einem Publicum mit ganz primi¬
tivem Kunstsinn und unentwickeltem musikalischen Ge¬
schmack gar „leichte" Kost vorgesetzt werden musste.
Chöre, Arien, Duette u. s. w. schob ich bloss wegen des
Bühneneffectes ein; für mein Auditorium hatte all das
keinen Reiz, es „brummte ihm nur den Kopf voll", wie sich
mancher missvergnügte Theaterbesucher ausdrückte. Hin¬
gegen hegte dieses eigenthümliche ThSaterpublicum Vor¬
liebe für sentimentale Volkslieder und komische Chan¬
sonettes, die es mit Gier verschlang und zuhause bei der
Arbeit und beim Festmahle immerfort vor sich hinsummte.
Ich erwähne bloss das Lied „Rosinen und Mandeln" aus
„Sulamith% das Hirtenlied aus „Bar Kochba", „Jankele geht
in die Schul" aus „Ahasverus", „Geh' geh'" aus „Almatado".
Freilich, grosse Musiker, wie Herr Davidsöhn, werden
sich nicht dazu verstehen, von ihrem Olymp herabzusteigen,
um einem verwahrlosten Volke ärmliche Kunst zu bringen;
eigenartige Volksmusik zu componieren, die jedem An¬
sprüche auf Beachtung in der grossen musikalischen Welt
von vornherein entsagen muss. Und wenn sie es auch
unternehmen wollten, bliebe die Frage immer noch offen,
ob sie imstande wären, in das Wesen der jüdischen Volks¬
musik iutuitiv einzudringen und ihren Compositionen das
Gepräge echter jüdischer Volksthümlichkeit aufzudrücken.
Ich habe mich nicht gescheut, zum Volke herabzusteigen
und ich habe ihm Melodien gegeben, die aus seinem
ureigenen Geist heraus geschaffen sind und sein Gemüth
daher so sehr ansprechen.
Nun etwas über die Art meines Schaffens. Ich singe
oder spiele auf dem Piano die von mir gedichtete Melodie
vor, während ein musikalisch gebildeter Mitarbeiter sie
rasch auf Notenpapier copiert. Die Partitur wird darauf
von meinem Mitarbeiter zum Zwecke der Orchestrierung
nachhause genommen. Vorher aber ertheile ich ihm, ob¬
gleich ich mich auf Contrapunkt nicht verstehe, in Betreff
der Instrumentation genaue Weisungen. Ich ordne z. B. an,
dass eine gewisse Melodie nur leise von Streichinstru¬
menten mit leichtem Flötenaccompagnement, keineswegs aber
von schweren Blas- oder Schlaginstrumenten begleitet
werden dürfe. Oder ich mache ihn aufmerksam, dass eine
gewisse Nummer den Charakter eines Schlafliedes trägt,
eine andere aber als Schäterlied gedacht ist, weswegen nur
die Flöte Solo nehmen darf u. s. w. Bei echt phrygischen
Motiven dulde ich überhaupt keine Instrumentation, sondern
lasse die betreffende Nummer unisono vortragen. In
solchem Falle rümpfen meine Kapellmeister regelmässig
die Nase und fügen sich meinem Wunsche, die melodische
Prima mir frei zu lassen, nur widerwillig.
Bin ich musikalisch ? — Diese Frage stellte einst unser
ausgezeichneter, verehrter Dr. Max Nordau an mich. Ich
antwortete ihm, dass wir östlichen Juden alle mehr oder
weniger musikalisch sind. Begleitet doch jeder fromme Jude
von seiner Kindheit an alle seine Gebete mit Gesang. Und
wenn der Cantor in der Synagoge gewisse Gebetstücke
recitiert, fällt die Gemeinde unisono ein (SnpT pH)- Ferner:
wenn der Jude Freitags den Wochenabschnitt (rVTÜvS?) liest,
so muss er ja den Noten (7113^3) folgen, die oberhalb oder
unterhalb eines jeden Wortes gesetzt sind. Man besuche doch
an den Sedernächten oder auch nur an einem Freitagabend
ein beliebiges jüdisches Haus im Osten, und man wird wahr¬
nehmen, wie alles bei Tische singt. Der „Prinzessin Sabbath"
zu Ehren werden Hymnen angestimmt, riTVE" genannt. Da
wird nicht gefragt, ob man Stimme und musikalisches Gehör
hat oder nicht — man muss mitsingen.
Die Synagoge war bei den- Juden von jeher eine
Pflegestätte der Musik. Der Cantor oder Vorbeter, meist ein
begabter Tenorist oder Baritonsänger, pflegte originelle
Melodien im traditionellen Modus zu componieren, ohne die
geringsten theoretischen Kenntnisse zu besitzen. Diese
Melodien zogen dann geflügelt von Mund zu Mund und
wurden im Städtchen oft ein Jahr hindurch von Klein und
Gross gesungen.
Späterhin tauchten Spassvögel, „Marschalke" und
„Reimmacher" auf, die bei allen Hochzeiten Knittelverse
und Bänkel im Jargon improvisierten und die Festgäste
lachen oder weinen machten. Auch Volkssänger erstanden,
deren Lieder sich namentlich bei der Arbeiterclasse grosser
Beliebtheit erfreuten, während die Bürgerlich-Conservativen
auf derartige Volkslieder nicht gut zu sprechen waren, da
manche Volkssänger (beispielsweise W. Zbarazer) in
ihren Liedern die religiösen Bräuche verspotteten.
Als ich in meiner Jugend „liedelte", nahm ich auch
die Religiösen für meine Muse ein; denn meine Lieder
zeichneten sich durch religiös-nationale Tendenz des Textes
und „Jüdischlichkeit" der Melodien vortheilhaft aus. Schon
;damals schuf ich Text und Musik zusammen. Darum sind
<auch in meinen Theaterstücken die Lieder das vor¬
herrschende Element, Ohne diese kann ein jüdisches Bühnen¬
werk unmöglich reüssieren.
Zum Schlüsse sei mir noch eine rein persönliche Be¬
merkung gestattet. Ganz unbegreiflich ist es mir, wie es ein
Theaterdirector über sich bringen kann, mein Singspiel
„Sulamith" oder ein anderes Bühnenwerk von mir aufzu¬
führen und circa 30.000 Gulden einzusacken, ohne mir, dem
lebenden Textdichter und Componisten, auch nur einen
Kreuzer für meine geistige und physische Arbeit zukommen
zu lassen.
(Aus dem Jargon-Manuscripte übertragen von Moriz
Zobel.)
Spenden.
Für zionistische Zwecke:
Zu Ehren des 40jähr. Geburtstages eines Parteigenossen:
Leiser Förster K 1.—, Meier Hübner K 1.—. Zusammen K 2.—.
Für Verein „Harfe", Wien.
S. B., cand. jur. in Wien K 4.
Für die hungernden Bergarbeiter in Boryslaw:
Als Ballerträgnis der jüdisch-akademischen Verbindung
Unitas" K 100.—.
Briefkasten.
J. H., J ä g e r n d o r f. Besten Dank. Der genannte
Umstand war bekannt. Es wird auch darauf angespielt.
Dr. J. Mar m. Herzlichsten Dank.
M. Moses. Besten Dank.
J u 1. H o c h f. Verspätet. Nächste Nummer. Besten Dank.
S c h. G., Eomny. Vielleicht kann Ihnen die Ver¬
lagsgesellschaft „Tuschijah" darüber Auskunft geben.
A. K., Bamberg. Durch die Witwe des Dichters
(Wien, IX., Stroheckgasse 11) zu beziehen.