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„Die s£ Welt 44
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Auswanderung in grösserer Menge nach Möglichkeit zu
verhindern suchen. Zu diesem Zwecke haben sie in Jaffa
unter dem Namen ,Peulah" (Thätigkeit) einen
jüdischen Arbeiter- und Handwerkerverband gegründet,
der den Zweck hat, seinen Mitgliedern Arbeit im Lande
zu vermitteln. Der Unterzeichnete wurde zum Präsidenten
dieses Vereines gewählt. Wir wenden uns nun an alle
Zionsfreunde in Europa und hierzulande, die etwa in
der Lage sind, uns hier Arbeit zu geben oder neue
Arbeitsgelegenheiten für uns zu schaffen, mit der in¬
ständigen Bitte: Stehet uns bei! Sehet zu, dass wir nicht
gezwungen seien, den Posten, den wir jahrelang unter
Entbehrungon und Bitternissen aller Art standhaft be¬
hauptet haben, nunmehr haltlos und in allen unseren
Hoffnungen betrogen, zu räumen. Das wäre eine Schmach!
Unser Schicksal muss allen Zionsfreunden nahe gehen.
Jeder gute Rath, jede praktische Anregung ist uns will¬
kommen. Wir bieten unsere guten und billigen Arbeits¬
kräfte jedem industriellen oder sonstigen Unternehmen
in Palästina an. Höret das, Brüder! Es sind keine leeren
Redensarten. Betteln und Wandern ist uns
ein Greuel! — Gefällige Zuschriften sind an den
Unterzeichneten zu richten.
M. Schönberg, Jaffa.
Weltchronik,
Bör Hülsner-Process verschoben. Wie aus P i s e k
telegraphisch gemeldet wird, wurde der Process Hülsner
von dem dortigen Kreisgerichte wegen der Unmöglich¬
keit, das riesige Material zu bewältigen, bis zum
Herbst dieses Jahres verschoben.
Die ^unbeabsichtigte" fhrung Heinrich Heines durch den Wiener
M%mi%r|e%ang-Verein in PariSi Die Mitflieder des Wiener Stadt=
rathes haben am 21. d. M. nächstehende Resolution gefässt:
y, Alle anwesenden Mitglieder des Wiener Stadtrathes sprechen
hiermit ihr tiefstes Bedauern darüber aus, dass der Wiener
Mättnergesang-Verein, wie aus Zeitungsnachrichten hervor¬
geht, seinen Aufenthalt in Paris dazu benützt hat, um am
Grabe des jüdischen Dichters Heinrich Heine, dem bisher
jede deutsche Stadt die Ehie eines Denkmales entschieden
verweigert hat, eine Ehrung zu veranstalten; sie erklären,
dass in dieser Handlung des Wiener Männergesang-Vereines
keineswegs der Ausdruck der Gesinnung der Wiener Be¬
völkerung erblickt werden darf." Diese Resolution ist unter¬
fertigt von dem Vice-Bürgermeister Dr. Neumayer und
den Stadtrathen Dr. Wähner, Fiedler, Grünbeck.
Wessely, Hör mann, Müller, Weitmann.
Brauneiss, Rissaweg, Büsch, Zatzka, Braun,
Dr. Krenn, Rauer und Schreiner. — Sobald der
Wiener Männergesang-Verein von dieser Resolution Kenntnis
erhielt, beeilte er sich, an den Bürgermeister Dr. Lueger
das folgende Telegramm zu richten: „Wir theilen Ihnen
mit, dass der Männergesang-Verein keinen
Kranz auf das Grab Heines niedergelegt hat
und auch keinen niederlegen liess. Wir bitten Sie, den
Stadtrath veranlassen zu wollen, seinen auf irrigen Voraus¬
setzungen beruhenden Beschluss abändern zu wollen."
Dr. Lueger hat die Depesche mit dem ausdrücklichen
Bemerken, dass er in der Sitzung des Stadtrathes, in der
die bekannte Resolution gefasst wurde, nicht anwesend
war, dem Vice-Bürgermeister Dr. Neumayer übermittelt.
Dieser solle die Angelegenheit „in einer niemanden ver¬
letzenden Weise" ordnen.
Neue Judenbedrückungen in Rumänien. Der Stadtpräfect von
S1 a t i n a hat angeordnet, dass den dortigen Schächtern der
Eintritt ins Schlachthaus verboten werde und dass fortan
überhaupt keine Rinder geschachtet werden dürfen. Auch
wurden die jüdischen Fleischbänke geschlossen und der
jüdischen Gemeinde untersagt, irgendwelche Fleischsteuer
einzuheben. — Die jüdischen Bewohner der in den Kreisen
Baku, Roman und Vaslui gelegenen Dörfer wurden
bisher im Gegensatze zu den Bewohnern anderer Dörfer
nicht ausgewiesen, weil die meisten von ihnen an ihren
Wohnorten geboren sind und ihrer Militärpflicht Genüge
geleistet haben. Nun wurden auch sie sammt Frauen und
Kindern ausgewiesen, trotzdem die rumänischen Bauern der
betreffenden Dorfgemeinden dagegen Einspruch erhoben
hatten. — Auf dem jüngsten Aerzte-Congresse in Jassy
stellten einige Delegierte den Antrag, der Congress möge
bei der Regierung erwirken, dass den Juden die Ausübung
der ärztlichen Praxis in Rumänien untersagt werde. Das
Präsidium erklärte sich bereit, diesen Vorschlag in Er¬
wägung zu ziehen und auf dem nächsten Congresse hierüber
Bericht zu erstatten.
Die Holleschauer Judenexcesse vor dem Appellgerichte. Das
Kreisgericht in Ungarisch-Hradisch verhandelte am
27. d. M. die Berufung des ehemaligen Bürgermeisters der
Judengemeinde von Holleschau, Salomon Zwillinger,
gegen das Strafurtheil, welches das dortige Bezirksgericht
über ihn aus Anlass der antisemitischen Unruhen ver¬
hängt hat.
Wie das Blutmärchen entsteht „Magyar Szö" meldet
folgende ergötzliche Geschichte: Vor einigen Tagen hörte
man in Ungvar aus dem Kellerlocale eines jüdischen
Spenglers Wimmern. Die Passanten wurden aufmerksam
und bäid entstand vor dem Hause ein kleiner Auflauf. Die
Leute riethen hin und her, was denn die Ursache sein möge.
Da rief jemand aus : „Ein ritueller Mord wird verübt! Die
Juden brauchen Blut für ihr Osterbrot, drin wird ein
Kind gemordet." Noch grösser wurde die Erregung, als
eine Frau sich durch die Menge einen Weg bahnte und
schluchzend ausrief: „O, mein Gott, mein Gott! Meine
Tochter ist heute früh verschwunden. Gewiss wird diese
ermordet!" Nun wurde die Menge von blinder Wuth er-
fasst. Drohende Rufe wurden laut; „Holt Gendarmen!
Man muss den Juden zerreiss^n!" Das Wimmern dauerte
unterdessen fort Wer weiss, was geschehen wäre, wenn
der Eigenthümer der Werkstätte, der Spengler, nicht zu¬
fällig auf dem Schau platze erschienen wäre. Er kam gerade
aus dem Tempel, wo er dem Samstag-Gottesdienste beige¬
wohnt hatte. Verblüfft trat der Spengler vor die kreischende
Frau: „Was wollen Sie denn eigentlich ?" fragte er. —
„Meine Tochter wird drin ermordet" — Ganz ausser sich
von der infamen Behauptung, versetzte der Spengler, die
Regeln der Ritterlichkeit vergessend, dem Frauenzimmer
zwei schallende Ohrfeigen. Diese Maulschellen hatten eine
wunderbare Wirkung. Der Frau fiel es plötzlich ein, dass
sie selbst ihre Tochter in die Nachbargemeinde geschickt
hatte. „Und jetzt", sagte der Spengler zur Menge, „schauen
wir, was denn dort drinnen winselt." Die Menge constituierte
sich sofort als Volksversammlung und entsandte einige Ver¬
trauensmänner in den Keller. Dort sah man, dass das
„Blutopfer'' eine kleine Katze war, deren Pfote unter ein
Tischbein gerathen war. Oben aber suchte eine Frau durch
Seitengassen der Menge zu entkommen. In der Tasche
klimperten ihr zwei Silbergulden und auf der Wange
brannten ihr zwei Ohrfeigen. Die zwei Gulden hatte sie
erhalten, damit ihre Tochter in Verlust gerathe, und die
zwei Ohrfeigen, 'weil das Mädchen nicht in Verlust ge¬
rathen war.
Die Adelsberechtigung der Juden. Der Petersburger
„Regierungsbote" publiciert die sanetionierten neuen Be¬
stimmungen über die Aufnahme in den russischen Adel.
Ein Paragraph dieser Statuten lautet: „Juden werden in die
Adelsbücher nicht eingetragen." Dadurch ist die den Juden
bis jetzt gebotene Möglichkeit, durch Erwerbung eines