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rechtigt, wenn er dies ohne äußeren Zwang, ohne Dis¬
kreditierung Andersdenkender versuchte. Aber der Zen¬
tralverein will sich nicht einmal mit dieser staatsbürger¬
lichen Erziehung begnügen. Er wendet sich vom Staats¬
bürgertum zum Nationalismus und wagt es,
die nationale Empfindung, die sich aus der Abstammung
ergibt, in einen feindlichen Gegensatz zur „deutschen Ge¬
sinnung" zu bringen. Es ist ja kinderleicht, diese ver¬
wegenen Konstruktionen ad absurdum zu führen. Will
der Zentralverein etwa die deutsch-antisemitische For¬
derung des nationalen Einheitsstaates übernehmen? Will
er die Völker der Nationalitätenstaaten (Oesterreich,
Schweiz) im bürgerlichen Sinne für minderwertig er¬
klären? Weit gefehlt! Er will nur eines: Will seinen
Haß gegen den Zionismus entladen und scheut dabei
nicht vor der Denunzierung eines erheblichen Teiles der
deutschen Judenheit zurück. Er wagt nicht zu sagen, die
Zionisten seien schlechte Staatsbürger, aber er meint dies,
kann nichts anderes meinen, wenn er die Zionisten wegen
ihrer jüdisch-nationalen Gesinnung öffentlich angreift und
die „deutsche Gesinnung" gegen sie ausspielt. Woher
dieser Haß? Warum diese scharfe Bekämpfung des
Zionismus, dessen Anhänger bisher stets vom Zentral¬
verein zum Beitritt aufgefordert wurden ? Weder hat der
Zionismus sein Programm geändert, noch hat er den
Zentralverein angegriffen. Stets haben die deutschen
Zionisten erklärt, daß sie die Tätigkeit des Zentralvereins,
soweit sie der Abwehr des Antisemitismus und der Wahr¬
nehmung der staatsbürgerlichen Interessen der Juden
dient, willkommen heißen. Bekämpft wurde der Zentral¬
verein seitens der Zionisten nur dann, wenn er in inner¬
jüdischen Fragen einen Standpunkt einnahm, der dem
Zionismus widersprach. Und hierin liegt die Lösung
der Frage, weshalb der Zentralverein sich jetzt Zum Kampf
gegen den Zionismus entschlossen hat. Nicht die
„deutsche Gesinnung" der Herren vom Zentralverein,
sondern die Unzulänglichkeit ihres jüdischen Programms
hat diesen Zwist hervorgerufen. Der Zionismus schädigt
kein deutsches Interesse, er verstärkt auch nicht den
Antisemitismus, der erheblich älter ist als das Basler
Programm, aber er erweckt das Judentum zu neuem
Leben und zwingt die Juden zur Entscheidung, ob sie
den Untergang oder die Renaissance des Juden¬
tums wünschen. Dieser Entscheidung weicht das Zentral-
vereins-Judentum aus. Da ihm die Kraft fehlt, sich für
das nationale Judentum zu erklären, da ihm der Mut
fehlt, sich offen für die völlige Assimilation der Juden
auszusprechen, so mußte es sich das berüchtigte Re¬
ligionsjudentum ohne Religion erfinden, dieses Messer
ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Mit dem ständigen An¬
wachsen der zionistischen Bewegung aber kann dieses
Judentum, das ein typisches Uebergangsprodukt ist, sich
nicht mehr behaupten. Darum führt es einen Verzweiflungs¬
kampf gegen diejenige jüdische Gruppe, die zur Entschei¬
dung, zur programmatischen Klarheit in der jüdischen
Zukunftspolitik drängt: gegen die Zionisten.
Nur die Verzweiflung konnte das gewagte Mittel
empfehlen, die deutschen Zionisten durch verleumderische
Herabsetzung vor der deutschen Oeffentlichkeit zu dis¬
kreditieren. Nur die Verzweiflung konnte diese jüdischen
Justizräte, die doch von Berufs wegen zur begrifflichen
Klarheit erzogen sein sollten, in den aussichtslosen Ver¬
such hetzen, durch skrupellose Verdrehung und Vermen¬
gung der Begriffe Staat, Staatsbürgerpflicht, Nation,
Deutschtum etc. die Position der Zionisten zu erschüttern.
Die Bestätigung dessen finden wir in den Reden
selbst, die in der Hauptversammlung des Zentralvereins
gehalten wurden. Wäre der Zentralverein seiner ursprüng¬
lichen Aufgabe, dem Kampf für die jüdische Gleichbe¬
rechtigung, treu geblieben, so hätte sich jede Stellung¬
nahme zum Zionismus erübrigt, dessen Bestrebungen nir¬
gends den deutschen Interessen zuwiderlaufen. Nur ein
ernstes Staatsinteresse könnte ja die außergewöhnliche
Maßregel rechtfertigen, daß Juden gegen Juden öffent¬
lich auftreten und ihnen Mangel an „deutscher Gesinnung"
vorwerfen. Aber ein solches Staatsinteresse besteht nicht.
Wenn die Patrioten Fuchs und Falkenheim behaupten,
das Deutschtum leide darunter, daß die Zionisten
die jüdische Jugend zu jüdisch-nationalem Empfinden er¬
ziehen, so befinden sich die Herren in einem Irrtum über
den Begriff des Deutschtums. Sie verwechseln es
mit dem Zentralvereinsjudentum, dieser köst¬
lichen Frucht am Baume „deutscher" Kultur. Dieses lei¬
det allerdings unter der jüdisch-nationalen Agitation und
wird hoffentlich von nun an noch mehr darunter leiden.
Mit aller Deutlichkeit hat Herr Geheimrat Fuchs er¬
klärt, der Zentralverein habe sich gewandelt. Er
oegnüge sich nicht mehr mit dem formalen Kampf für
die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, sondern habe ein
positiv-jüdisches Programm. Worin dieses besteht, kann
sich freilich jedes Mitglied aussuchen. Die einen ver¬
stehen darunter die Pflege der jüdischen Religion; wie
sie diese pflegen wollen, wird leider nicht gesagt, aber
wir nehmen an, daß die Herren Horwitz und Fuchs unter
der Berliner Anwaltschaft das Judentum zu predigen beab¬
sichtigen. Andere Zentralvereinler sehen die jüdischen
Ziele des Vereins in der Pflege der „deutschen Gesin¬
nung". Sehr schön. Nur sollten die Herren dazu keinen
jüdischen, sondern einen deutschen Verein gründen. Am
besten würde ihnen ihre deutsche Vervollkommnung zwei¬
fellos gelingen, wenn sie sich taufen ließen, aber gegen
diese Konsequenz wehren sie sich mit großer Hartnäckig¬
keit. Sie legen offenbar den größten Wert darauf, zwi¬
schen zwei Stühlen zu sitzen und wollen diese interessante
Position um keinen Preis aufgeben.
Wirklich, die Herren sind in übler Lage. Tränchen
der Rührung blinken in ihren Augen, wenn sie von der
„heiligen Sache des Judentums" reden, beinahe möchte
Herr Fuchs sich etwas dabei denken, wenn er das Wort
von der „Renaissance des Judentums" in den Mund
nimmt.
Aber nur ruhig, er denkt sich nichts. Fest steht und
treu die Wacht am Rhein. Welche Begriffsverwirrung
im Zentralverein herrscht, zeigt die Rede des Herrn Pro¬
fessor Falkenheim über die Agitation unter der Jugend.
Er rühmt die Begeisterung der vom Zionismus erfüllten
jungen Leute und jammert über die „Vergeudung der
Kräfte", die auf eine „falsche Bahn" gedrängt worden
Wie tief dieser Kenner des Judentums doch die jü¬
dische Jugend begriffen hat! Es ist ihm bisher woh!
nicht aufgegangen, daß die Begeisterung der jüdisch¬
nationalen Jugend vermutlich eine Folge der zionistischen
Idee ist, daß man also diese Idee durch eine ebenso
wirksame ersetzen müßte, wenn man die Begeisterung
der Jugend erhalten will. Leider müssen wir Herrn Fal¬
kenheim darüber belehren, daß die Idee des Judentums
und der jüdischen Zukunft nur in einer Auflage vor¬
handen ist: in der zionistischen. Was sonst vom Juden¬
tum geredet wird — zum Beispiel im Zentralverein -
sind leere Phrasen, die unsere Jugend nicht begeistern,
sondern nur abstoßen können.
Der Zentralverein hat sich also neuerdings ein positiv¬
jüdisches Programm zugelegt, um sich gegen die Agita¬
tion des Zionismus behaupten zu können. Denn man kann
wohl eine Zeitlang herrschenden Zeitströmungen Wider¬
stand leisten, man kann zum Beispiel den Zionismus be¬
kämpfen und zugleich die Taufe ablehnen, wie der Zen¬
tralverein es tut, aber man kann auf die Dauer nicht auf
dem gleichen Fleck verharren, wenn ringsum alles in Be
wegung gerät. Man muß im Widerstreit der Meinungen
Ziele sehen, und weil der Zentralverein dies nicht will.