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wird er im jüdischen Leben mehr und mehr in den Hin¬
tergrund treten. Dies ist es, was die Herren des Zen¬
tralvereins zu fürchten beginnen. Deshalb erklären sie,
sie hätten sich gewandelt, sie vertreten ein „positiv-jü¬
disches" Programm, von dem sie aber der Oeffentlich-
keit nichts verraten können.
Wenn der Zentralverein nicht zu erkennen vermag,
wohin er allmählich gerät, wir erkennen es ganz deut¬
lich. Er kämpft in edler Bundesgenossenschaft mit der
„Vereinigung für das liberale Judentum" und verwandten
Geistern für den Untergang des Judentums.
Die Leugnung des jüdisch-nationalen Gedankens be¬
wirkt die Vernichtung der jüdischen Einheit, isoliert die
„Judentümer" in den verschiedenen Ländern und zwingt
sie, über kurz oder lang in ihrer Umgebung aufzugehen.
Was sollte denn die jüngeren Generationen noch am
Judentum festhalten? Wenn die staatsbürgerlichen Be¬
strebungen des Zentralvereins erreicht sind, wenn die
ungetauften Juden Reserveoffiziere werden können —
was bleibt dann den Zentralvereinlern noch zu wünschen
übrig? Sie haben alles, was sie erstreben und die Folge
wäre die allmähliche Aufsaugung der jüdischen Minorität
durch die Majorität.
Wir Zionisten betrachten diesen Prozeß als unver¬
meidlich. Wir halten die Durchsetzung der staatsbürger¬
lichen Gleichberechtigung für nötig. Wir wissen, daß
diese Aufsaugung, diese Assimilation, große Teile des
jüdischen Volkes zum Verschwinden bringen wird. Aber
wir können in diesem Programm kein jüdi¬
sches Programm sehen. Wir kämpfen dagegen,
wenn die Juden mit allen Mitteln vom Judentum loszu¬
kommen trachten, um diesen Aufsaugungsprozeß zu be¬
schleunigen. W i r wollen nicht den Untergang und
die Auflösung. Deshalb suchen wir den jüdisch-nationalen
Einheitsgedanken zu stärken, suchen dem Judentum ein
nationales Zentrum zu schaffen, suchen die Jugend für
das jüdische Volk und seine Zukunft zu begeistern. Das
nationale Judentum der Zukunft wird die staatsbürgerliche
Gleichberechtigung ertragen, es wird dem Assimilations¬
drang widerstehen. Die wahre jüdische Gleichberechti¬
gung besteht nicht in dem vom Zentralverein angebahn¬
ten Auflösungsprozeß, sondern in der Anerkennung unse¬
rer nationalen Sonderart durch den Staat.
Das Zentralvereinsjudentum der Gegenwart ist dem
Untergang geweiht. Es kämpft heute nicht für deutsche
und nicht für jüdische Ziele — es kämpft für die Halbheit,
die Vertuschung, die allmähliche Auflösung. Die Rich¬
tung, in die es gerät, ist deutlich erkennbar, die fortschrei¬
tende Entjudung, die Unterordnung aller jüdischen
Zukunftsinteressen unter das Assimilationsprogramm der
Gegenwart liegt klar zu Tage.
Der Kampf gegen den Zionismus, die künstliche
Erregung über den jüdisch-nationalen Gedanken, an dem
sich bisher nur Zentralvereinler und Berufsantisemiten
gestoßen haben, soll die Position des Zentralvereins
erleichtern, soll seinen Abzug aus dem jüdischen Lager
maskieren.
Uns kann diese neueste — unwürdigste — Form, in
der die Assimilation den Zionismus bekämpft, nicht be¬
rühren. Unser nationales Programm ist klar, aller Welt
bekannt, von Offenheit und Ehrlichkeit getragen. Die
Geschichte unseres Volkes kennt Dutzende solcher Bei¬
spiele, wie sie der Zentralverein jetzt liefert. Aber die
Kraft unserer Nation hat bisher noch immer über das
Renegatentum gesiegt. Sie wird auch diesmal siegen und
das jüdische Volk wird leben, wenn vom Zentralverein
deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nichts mehr
geblieben sein wird als die Erinnerung an seinen langen
Namen. R. L.
WELTCHRONIK
□ □ □ u □ u jj O
Hauptversammlung des Zentral Vereins
deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
Berlin.
Am 30. März fand in Berlin die Hauptversammlung des
„Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glau¬
bens“ statt.
Die Tagesordnung enthielt als ersten und wichtigsten Punkt
die Beratung über die Stellungnahme des Zentralvereins zum
Zionismus.
Wie der erste Referent, Prof. Falkenheim (Königs¬
berg) ausführte, sei eine Stellungnahme zum Zionismus durch¬
aus nötig, weil der Zionismus in den letzten Jahren in Deutsch¬
land außerordentlich stark geworden sei. Die Mitgliederzahl
sei sehr erheblich gewachsen, in den letzten zwei Jahren
seien in Deutschland für zionistische Zentralzwecke 354000 M.
aufgebracht worden. Die Organisation werde außerordentlich
geschickt geleitet, und es sei ihr gelungen, unter der jüdi¬
schen Jugend eine sehr große Anhängerzahl zu gewinnen. Der
Zionismus habe durch die Kolonisation in Palästina Gutes
geschaffen, er müsse jedoch bekämpft werden, weil die Zio¬
nisten jüdisch-national fühlten. Dadurch würde der Antise¬
mitismus gefördert. Der zweite Referent, Geheimrat Eugen
Fuchs (Berlin) polemisierte ebenfalls gegen den Zionismus.
Er erklärte, eine Verständigung mit den Zionisten sei nicht
möglich gewesen, weil die Zionisten sich als jüdischnational
bekennen und ihr Verhältnis zum Deutschtum dahin formu¬
lieren, daß sie auf Grund ihrer deutschen Erziehung und
staatsbürgerlichen Zugehörigkeit gute deutsche Staatsbürger
seien, gleichzeitig aber als Angehörige des jüdischen Volkes,
dessen Fortbestand sie wünschten, jüdischnational empfänden.
Der Zentralverein verlange jedoch, daß die Juden deutsch¬
national empfinden.
Zum Schluß schlug der Redner eine vom Vorstand des
Zentralvereins entworfene Resolution vor, die in etwas
unklarer Formulierung ausspricht, daß die Zionisten als Na¬
tionaljuden nicht Mitglieder des Zentralvereins sein könnten.
Hierauf kam ein Zionist, Professor Carl L e w i n (Berlin)
zu Wort. Er erklärte, die von den Vorrednern vertretene Auf¬
fassung über das Verhältnis' von Deutschtum und Judentum
sei nur innerhalb gewisser jüdischer Kreise üblich, in nicht-
jüdischen deutschen Kreisen halte man die Juden nicht für
„deutschnational“, sondern für Angehörige des jüdischen Vol¬
kes und demgemäß für jüdischnational. Wenn die Juden für
jüdische Interessen eintreten, so dürfen sie sich nicht danach
richten, ob die Antisemiten daraus Kapital schlagen könnten,
sondern sie müßten unbekümmert tun, was sie für richtig hal¬
ten. Das Schicksal der deutschen Juden sei für das Schicksal
des Gesamtjudentums nicht ausschlaggebend. Die Juden seien
aber verpflichtet, für die Erhaltung des Judentums zu wirken.
Die gegenwärtig in jüdischen Kreisen Mode gewordene Be¬
tonung des „deutschnationalen“ Gedankens werde den Anti¬
semitismus nicht beseitigen, der überall vorhanden sei, wo
Juden in größerer Zahl wohnen.
Nach längerer Diskussion wurde sodann die vom Vor¬
stand empfohlene Resolution, die den Austritt der Zionisten
zur Folge haben dürfte, gegen wenige Stimmen angenommen.