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Nr. 42
DIE^LT
Und insofern hatte sie eine gewisse Berechtigung, denn
der Krieg und die Politik nehmen selten Rücksicht auf
ethische Maximen. Die ihre Existenz verteidigende Re¬
aktion konnte glauben, alle Mittel seien für ihren
Daseinskampf erlaubt, und in dem speziellen Fall handelt
es sich schließlich bloß um ein quantitatives Mehr an
Unmoral. Sie wurde aber so groß, daß schließlich auch
manche russischen Staatsmänner stutzig, wurden.
Als die Anklageschrift bekannt geworden war, da
sah man notgedrungen ein, daß nicht der leiseste Ver¬
dacht auf Beilis fallen konnte. War es schon kein Ritual¬
mord, so doch vielleicht ein Sexualmord, oder ein gewöhn¬
licher Mord aus anderen Motiven. Nichts von alledem ver¬
suchte die Anklage auch nur anzudeuten! Man sah bald
ein, daß an Stelle des Beilis irgendein beliebiger Jude ein¬
gekerkert werden konnte. Und da die Staatsräson es
nicht mehr erforderte, so wollte man der ganzen Ge¬
schichte schnell ein Ende machen. Maßgebende Mit¬
glieder des russischen Ministeriums
drängten aüfbaldige Beendigung — auf diese
oder jene Weise. Man sprach schon von der Freilassung
des Beilis. Aber da hatte man nicht mit den maßgeben¬
deren Faktoren gerechnet, für welche die Juden die Ur¬
sache der ganzen revolutionären Bewegung in Rußland
sind und an denen man deshalb eine nicht so bald zu ver¬
gessende Rache nehmen wollte. Deshalb mußte
Beilis im Gef ängnis bleiben! Das ist der Kern
der sich jetzt abspielenden Tragikomödie in Kiew.
Es handelt sich jetzt im letzten Grunde nicht um
einen religiösen Kampf, noch um die Macht der Fin¬
sternis, die bekämpft werden muß, ja nicht einmal
mehr um die Staatsraison der jetzigen russischen Reaktion.
Wer sich davon überzeugen will, daß die Staatsraison
jetzt gegen die Beilis-Affäre ist, braucht nur die dem
russischen Ministerium nahestehende französische Presse
zu lesen, angefangen vom Finanzorgan „^Information"
bis zum „Matin".
Und trotzde wird Beilis vor Gericht gestellt: er
ist das Sühnopfer des ungestillten Durstes nach Rache
für die revolutionäre Bewegung, als deren
Hauptträger man die Juden hingestellt hat, um den Glau¬
ben an die Loyalität des russischen Volkes zu retten.
Eben weil auch die reaktionäre Staatsraison nichts
-mehr mit diesem Prozeß zu tun hat und weil die
nackte Rache als letzter Grund zum Vorschein kam, des¬
halb hat die seit 48 Jahren erscheinende nationalistisch¬
reaktionäre Zeitung, „K i e w 1 i a n i n" ihre Stimme gegen
den Prozeß erhoben... und wurde dafür konfisziert.
Sogar der Fürst Meschtscherski, der Ver¬
trauensmann Alexanders III. und Redakteur der erzreaktio-
nären Zeitung „Graschdanin" schrieb dieser Tage,
der ganze Prozeß Beilis gehöre in ein Tollhaus. Der wirk¬
liche Kampf spielt sich nicht zwischen dem Ankläger
und den Verteidigern des Beilis ab, nicht bloß zwischen
Reaktion und Linksparteien, sondern hauptsächlich
zwischen der Staatsraison der besonnenen leitenden
Männer Rußlands und der Rachsucht unverantwortlicher
Faktoren.
Unter diesen Umständen ist es natürlich zwecklos,
über den Ausgang des Prozesses Vermutungen anzustellen.
Berücksichtigt man aber nicht nur die tatsächlichen und
die möglichen Folgen dieses skandalösen Prozesses,
sondern seinen wahren Grund, so ist eines klar:
die jüdische Ehre kann dieser Prozeß in keiner Beziehung
berühren.
DER TRAGÖDIE LETZTER AKT
Von unserem ständigen Berichterstatter
Am achten Oktober hat endlich in Kiew der nunmehr
historische Prozeß begonnen. Mehr als zwei Jahre dauerten
die angestrengten Vorbereitungen. Mehr als zwei Jahre ar¬
beiteten Minister und Vizeminister, Kammer- und Kreisgerichts¬
präsidenten, Staatsanwälte und Oberstaatsanwälte, Unter¬
suchungsrichter und Polizeigewaltige aller Art im Schweiße
ihres Angesichts, bis es ihnen endlich gelang, einen armen
unschuldigen Juden nach endloser, qualvoller Untersuchungs¬
haft vor den Richterstuhl zu schleppen. Und man muß sagen:
die Sache war der Mühe wert. Nicht Mendel Beilis allein,
sondern das gesamte jüdische Volk sitzt mit ihm auf der
Anklagebank. Denn die Anklageschrift spricht ausdrücklich
von einem Morde aus religiösen Motiven, und
diese Begründung ist es gerade, die den ehrenwerten Männern
die größten Mühen und Sorgen verursachte. Am Anfang trug
man Bedenken, trotz der großen Versuchung, sich vor Europa
lächerlich zu machen. Man zog es daher vor, den „Ritual¬
mord" etwa nach dem Muster von Po Ina zu verschleiern.
Dies genügte aber den „Säulen des Vaterlandes“ nicht, und
man mußte sich schon dazu verstehen, der herzgeliebten Re¬
aktion den Gefallen zu erweisen und die Dinge beim rechten
Namen zu nennen. Das heiß ersehnte Ziel ist also erreicht.
Dem Judentum wird in aller Form der Prozeß
gemacht und „Leuchten der Wissenschaft" wie Professor
S i k o r s k i und Pater P r a n a i t i s decken die ungeheuer¬
liche Anklage mit ihren allerdings nicht sehr überzeugenden
Namen.
In einer sehr schwülen Atmosphäre geht jetzt die Ge¬
richtsverhandlung vor sich.
Die Stimmung unter der Kiewer jüdischen Bevölke¬
rung seit Beginn des Beilis-Prozesses ist eine unbeschreib¬
lich erregte und mutlose. Nach den vielen Erfahrungen mit
den Pogromen, nächtlichen Streifen der Polizei, Massenaus-
vveisungen u, dgl. glauben die Juden Kiews das schlimmste
befürchten zu müssen. Das entnervende Pogromgespenst, das
seit der Ermordung Justschinskis, besonders aber seit der
Ermordung Stolypins über den hiesigen Juden schwebt, war
nie so drohend, wie gerade jetzt. Unter diesen Umständen
ist es kein Wunder, daß die Affäre Beilis auch einen Fall
von Geistesstörung zur Folge hatte. Ein armer kranker Jude,
dem der Beilis-Prozeß offenbar den Verstand geraubt hatte,
bestieg vorigen Sonntag in der großen Wladimir-Kathedrale
zu Kiew die Kanzel und hielt an die Versammelten eine wirre
Ansprache, die die Grundlosigkeit der Blutbeschuldigung dar¬
tun sollte. Den armen Mann schützte seine offenkundige
Geistesstörung nicht davor, ins Gefängnis gesteckt zu werden.
Dieser an sich unbedeutende Vorfall Hatte für die Juden
Kiews recht unangenehme Folgen: Der Gouverneur ließ den
Großrabbiner H o r o w i t z und den bekannten Philanthropen
Leo Brodsky als Vertreter der jüdischen Gemeinde zu
sich kommen und ermahnte sie, auf die jüdische
Bevölkerung dahin zu wirken, daß sie sich
nicht zu Exzessen hinreißen lasse! Dabei be¬
tonte Seine Exzellenz nachdrücklich, daß er alle Versuche von
jüdischer Seite, Unruhe zu stiften, mit rücksichtsloser Ge¬
walt unterdrücken würde!! Gegenüber dieser unerhörten Ver¬
höhnung soll Brodsky ruhig erklärt haben, daß Unruhen jü-
discherseits nicht zu befürchten seien, da die Juden noch
nie einen Pogrom veranstaltet haben; er persönlich finde es
übrigens überhaupt unter der Würde des Judentums, auf die
niederträchtige Verleumdung, die bereits von der gesamten
Kulturwelt als soldie erkannt werde, in irgendeiner Weise