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Nr. 4S
er sagen wollen, auch in der Judenheit mun¬
kele man von dem Bestehen einer Sekte, die Ritual¬
morde beginge. Das Perfideste an dem Artikel ist die
harmlose Einleitung und der beinahe wohlwollende
Schluß. Da wird nämlich in heuchlerischem Erstaunen
naiv gefragt, warum denn die Juden sich in dieser Sache
entrüsteten, als ob etwas Ungeheuerliches geschehen sei.
Es ist ein Jude unter Mordverdacht in Anklage, viel¬
leicht ist er unschuldig: gut, so wartet doch das schwe¬
bende Verfahren ab, und auch die Ritualmordanklage
ändert doch nichts — darüber könnt Ihr Euch ja nach
dem eventuellen Freispruch viel besser und mit mehr
Recht entrüsten. Und selbst, wenn dem Einzelnen der
rituelle Mord nachgewiesen würde, so „würde man zu¬
nächst doch wohl nur einen Einzelnen, zum mindesten
nur eine kleine fanatische Sekte, nicht aber das gesamte
Judentum dafür verantwortlich machen."
So sagt die konservative Kreuzzeitung, und — es
ist traurig, das feststellen zu müssen — dieser nieder¬
trächtigsten Argumentation, die einen so biederen, recht¬
lichen Eindruck macht, gehen auch viele ehrliche Liberale
auf den Leim.
Das schwebende Verfahren — ja, darauf spekulieren
ja eben die Veranstalter der Prozeßkomödie in Kiew,
daß man die Farce, die da inszeniert und aufgeführt
wird, für ein ordentliches Gerichtsverfahren halten solle,
in dem die Frage nach Schuld und Sühne die Hauptsache
sei. In Wahrheit hat man doch aber den Knabenmord
vom März 1911 zu rein politischen Zwecken
zu einem Ritualmord gestempelt und hat sich einen
Juden dazu gesucht, den man beschuldigen könnte,
weil man die Juden als Gesamtheit, denen der Prozeß
gilt, nicht auf die Anklagebank setzen kann. Und diese
ganze Spottgeburt aus politischem Judenhaß und rach¬
süchtiger Bosheit sollen wir jetzt als einen gewöhn¬
lichen „Mordprozeß" ansehen? Wem die Augen noch
immer nicht aufgegangen sind, den wird vielleicht be¬
lehren, was man in „kompetenten Kreisen" über den
Ausgang des Prozesses mutmaßt.
Einer der bedeutendsten Juristen Rußlands, Nabo¬
kow, früherer Duma-Abgeordneter und Sohn eines ge¬
wesenen Justizministers, der „gute Beziehungen" hat,
meint, man werde den Geschworenen zwei Fragen
vorlegen:
Erstens, ob festgestellt sei, daß an dem
kleinen Andreas Justschinski ein Ritualmord be¬
gangen wurde,
Zweitens, ob Beilis daran beteiligt ge¬
wesen sei.
Die Geschworenen, meint Nabokow, würden die erste
Frage bejahen und die zweite verneinen. Wenn es nicht
ein so bedeutender Jurist sagte, könnte einem der ge¬
sunde Menschenverstand nach Kenntnisnahme von der
Anklage dasselbe sagen, denn die ganze Anklageschrift
zielt ja doch einzig und allein auf diese beiden
Fragen ab.
Und das eben ist des Pudels Kern: von der juri¬
stischen Unsinnigkeit abgesehen, einem Gericht die Frage
des Ritualmordes, selbst am konkreten Fall, zur Ent¬
scheidung vorzulegen — wir können doch nicht in diesem
Verfahren, das seit dem 13. Jahrhundert „schwebt"
(denn früher beschuldigte man nur die Christen ritu¬
eller Mordtaten, wie heute noch in China) die Ent¬
scheidung eines Dutzend Kiewer Bauern als irgendwie
erheblich anerkennen. Wie würde wohl ein anderes
Volk eine solche unerhörte Zumutung beantworten! In
Fragen nationaler Ehre entscheidet heute noch der
Krieg, und kein noch so hoher internationaler Ge¬
richtshof wird in absehbarer Zeit die Kompetenz er¬
halten, über solche Fragen zwischen mündigen Völkern
zu entscheiden. Uns aber wagt man kaltlächelnd die
Forderung entgegenzuhalten, wir sollten in einer Frage,
die uns die Ehre bedeutet, und die unsere Existenz
bedeuten kann, ein raffiniert präpariertes Geschworenen¬
tribunal in Kiew anerkennen. Wir sollen sogar sein
Urteil abwarten, ehe wir unsere eigene Meinung sagen
Eine so schamlose Zumutung kann eben nur einem
Volke gestellt werden, das eine „Zentralstelle zur Füh¬
rung seiner politischen Geschäfte" nicht besitzt.
Doch wenn uns der Kiewer Skandal auf dem Wege zur
Schaffung einer allgemeinen jüdischen Volksver¬
tretung ein Stück vorwärts bringt, so hat der jüdische
Ziegeleiarbeiter Beilis nicht ganz umsonst gelitten.
Brauchen wir aber gegen die fromme evangelische
„Kreuzzeitung" einen Kronzeugen, so genügt vielleicht
der, der dieses schrieb:
„Wir verbreiten Lügenbeschuldigungen und geben
ihnen (den Juden) schuld, sie müssen Christenblut haben
und was des Narrenwerks mehr ist ... . Wenn ich
ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tollheit ge¬
sehen den Christenglauben regieren und lehren, so wäre
ich eher eine Sau geworden, denn ein Christ."
Das schrieb ein gewisser Dr. Martin Luther, der vor
dreihundertundsechsundneunzig Jahren seine welthisto¬
rischen Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg an¬
heftete, und dessen Gedächtnis am 31. Oktober in einem
schwungvollen Artikel zu feiern die „Kreuzzeitung" sicher
nicht unterlassen wird.
Wir empfehlen ihr das obige aktuelle Zitat als Motto.
Zur vollen Erkenntnis der intriganten Technik, mit der die
Kiewer Anklage aufgebaut ist, und mit der Staatsanwalt und
Zivilkläger im Prozeß vergehen, sind die kurzen Telegramme,
mit denen sich die meisten Tageszeitungen begnügen, leider
nicht zureichend. Wir reproduzieren deshalb den ausführ¬
lichen Bericht unseres Korrespondenten, so¬
weit es der Raum unseres Blattes irgend zuläßt. Die aufmerk¬
same Verfolgung dieser „Gerichtsverhandlung", in der selbst
der gewiß nicht judenfreundliche Vorsitzende allzu groben
Ausschreitungen des Staatsanwalts und der Zivilkläger immer
wieder entgegentreten muß, sollte auch den „objektiven" Leise¬
tretern klar machen, daß hier nicht ein Prozeß um ein Rechts¬
gut seinen Gang nimmt, sondern ein Verfahren zur Ver¬
hinderung der Aufdeckung eines Verbrechens, das in
seinen wahren Motiven wohl noch grauenhafter ist als
in den von der Anklage angenommenen.
Die Anklageschrift
(Von unserem ständigen Berichterstatter)
Seit Beginn der Verhandlungen ist bereits eine Woche
vorüber, und man kann nicht sagen, daß man jetzt schon
an die Sache selbst herangetreten wäre. Der überaus ver¬
wickelte Plan der Anklage ist schuld daran, daß der Ge¬
richtshof die ganze Zeit hindurch auf den verschlungenen
Nebenpfaden des Kiewer Dramas herumtappt, ohne sich
eigentlich bis jetzt mit Beilis selber befaßt zu haben. Dieser
Plan, der mehr scholastische Logik als juristische Exakt¬
heit aufweist, besteht darin, daß zunächst alle anderen Ver¬
sionen bezüglich der Ermordung Justschinskis als unbegründet
zurückgewiesen werden, daß sodann das Vorkommen von
Ritualmorden durch Gutachten von „Fachmännern" be¬
stätigt, und daß durch medizinische Expertise eine an dem
Knaben Justschinsky vorgenommene sorgfältige Blutentleerung
festgestellt wird, daß schließlich verschiedene indirekte In¬
dizien gesammelt werden, die auf die Beteiligung des Beilis
an der Ermordung Justschinskys schließen lassen.
Dieser Plan liegt der Anklageschrift zugrunde, und nach
diesem Plane muß sich natürlich auch das Gericht bei seinen