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Verhandlungen richten. Zum besseren Verständnis der Ver¬
handlungen wird es deshalb geboten sein, die in der Anklage¬
schrift angeführten und gegen Beilis gerichteten Punkte näher
und nach Möglichkeit mit den eigenen Worten der Anklage¬
schrift wiederzugeben.
Der Knabe Eugen (Schenj'a) Tscheberjak, der Sohn des viel¬
genannten Wjera Tscheberjak, der Spielkamerad und frühere
Nachbar Justschinskys erzählte im Monat April 1911 dem
Studenten Golubew — es ist dies der sattsam bekannte Rowdy
und Pogromheld, Mitarbeiter des „Doppel-Adlers“ und Ur¬
heber von unerhörten Exzessen und Krawallen, durch die
die Stadt Kiew in den letzten Jahren so berühmt wurde —
Justschinski sei am 12. März morgens, dem Tage seines
Verschwindens, zu ihm gekommen, sie hätten sich dann beide
nach dem Brennerschen Grundstück, wo nachträglich die Leiche
des Knaben gefunden wurde, begeben, woher sie dann später
nach der Jurkowskaja-Straße zurückgekehrt wären. Später
stellte allerdings Tscheberjak in Abrede, daß er, an jenem Tage
Justschinsky gesehen hätte, seine ursprüngliche Behauptung
wurde aber durch die Aussagen des Kasimir und der Uliana
Schachowsky (man merke sich die Namen dieser Grundsäulen
der Anklage!), die an jenem Tage um 9 Uhr morgens Jus¬
tschinski in Gesellschaft des Tscheberjak gesehen zu haben
versicherten, bestätigt. Kasimir Schachowsky erzählte ferner
er habe nach etwa drei Tagen den Tscheberjak getroffen,
und ihn gefragt, wie cs ihm denn beim Spielen mit Jus¬
tschinsky ergangen wäre; darauf hätte der Knabe: geantwortet,
daß sie auf dem Hofe der Saizewschen Ziegelbrennerei, wo
sie spielten, von einem Manne mit schwarzem Barte weg¬
gescheucht worden wären.
Schachowsky erklärte nun dem Untersuchungsrichter gegen¬
über, der Mann mit dem schwarzen Barte sei seiner Ansicht
nach der Angestellte der Saizewschen Fabrik „Mendel“, und
dieser Mendel hätte gewiß an der Ermordung Justschinskys
teilgenommen. Die Frau des Schachowsky, Uliana, erzählte
ihrerseits, eine Bekannte von ihr, Anna Wolkiwna, hätte ihr
in Gegenwart des Knaben Nikolai Kalushny folgendes erzählt:
als die Knaben Tscheberjak, Justschinsky und ein dritter
Knabe auf dem Hofe der Saizewschen Ziegelbrennerei spielten,
hätte ein Mann mit schwarzem Bart, der dort wohnt, den
Justschinsky in Gegenwart seiner Spielkameraden erfaßt und
nach dem Ziegelofen geschleppt. Wolkiwna hätte darauf
auch den Namen dieses Mannes genannt, indem sie sagte, daß
es „Mendel“, der Angestellte der Ziegelei gewesen wäre.
Die Anklageschrift muß aber zugeben, daß Wolkiwna beim
Untersuchungsrichter in Abrede stellte, ein solches Gespräch
mit der Schachowskaja gehabt zu haben. Auch der Knabe
Koloshny bestritt ein solches Gespräch mit angehört zu haben,
später aber gab er zu, d,aß die Wolkiwna im Gespräche mit
der Schachowskaja in seiner Gegenwart erzählt habe, sie
hätte gesehen, wie ein Mann mit schwarzem Barte einen
Knaben gegen den Ziegelofen schleppte.
Mit diesen Aussagen war die wichtige Rolle des Laternen¬
anzünders Schachowsky und seiner Frau noch lange nicht
erschöpft. Die Anklageschrift berichtet ferner:
Uliana Schachowskaja erzählte dem Polizeispitzel
Polischtschuk, ihr Mann, Kasimir, hätte am 12. März
selbst gesehen, wie Mendel Beilis den Justschinsky zu
dem Ofen schleppte. Vom Untersuchungsrichter dieserhalb
befragt, wollte sich Uliana ihrer Worte nicht entsinnen, da
sie damals betrunken gewesen, sie behauptete aber, daß
ihr Mann ihr erzählt habe, e r hätte selbst gesehen, wie
Beilis den Justschinsky fortgeschleppt hätte. Diese Behauptung
bestritt aber Kasimir Schachowsky.
Uebrigens muß die Anklageschrift folgendes fest¬
stellen : Die Schacho wskys wurden einige Mal
vernommenundändertenwiederholtihre Aus¬
sagen. So erklärte Uliana Schachowskaja, die „Wolkiwna“
(alias jSacharowa) hätte ihr nicht gesagt, \v e r der Mann
gewesen wäre, der Justschinski gegen den Ofen geschleppt,
und Kasimir Schachowsky sagte aus, Eugen Tscheberjak habe
in seiner Erzählung darüber, wie er mit Justschinsky von
der Ziegelfabrik verscheucht wurde, nicht gesagt, daß es
ein Mann mit schwarzem Barte getan hätte. Diese Schilde¬
rung des Verscheuchenden hätte er, Schachowsky, selbst ge¬
geben, da er annahm, daß es Mend el Beilis ge¬
wesen sein müsse. Bei der folgenden Vernehmung aber
behauptete er schon wieder einmal, Tscheberjak hätte ihm
tatsächlich gesagt, daß ihn und Justschinsky im Hofe der
Ziegelfabrik Saizews ein Mann mit schwarzem Barte ver¬
scheucht hat.
Diesem „soliden“ Belastungsmaterial reihen sich würdig
die Aussagen der anderen Stützen der Anklage an, der fa¬
mosen Familie Tscheberjak und des Sträflings Ka sat-
s c h e n k o , denen die Anklageschrift gleichfalls einen be¬
trächtlichen Platz einräumt. Wassili Tscheberjak, der Vater
der ehrenwerten Familie sagte aus, ihr Knabe hätte mit Jus-
tschinsky einige Tage vor dem Leichenfund im Saizew¬
schen Fabrikhof gespielt, dabei hätte ihnen Mendel
Beilis nachgestellt, die Knaben aber wären davon¬
gelaufen. Er berichtete ferner, daß ihm der Knabe einst
um dieselbe Zeit, vom Saizewschen Hofe kommend, erzählt
hätte, zu Beilis wären zwei unbekannte Juden in
ungewöhnlicher Kleidung gereist gekommen, die
er, der Knabe, beten gesehen habe. Als aber die Leiche
Justschinskis auf gefunden wurde, hätten diese Juden, wie der
Knabe berichtete, die Wohnung des Beilis verlassen. Eine
diesbezügliche gerichtliche Vernehmung des Knaben
wurde aber durch den am 8. August erfolgten
Tod des Knaben unmöglich gemacht. Seine
Schwester nun, die neunjährige Ludmila, bestätigte die Aus¬
lage ihres Bruders. Sie wollte diese Juden bei Beilis gesehen
haben, als sie einst zusammen mit ihrem Bruder zu Beilis
nach Milch kamen. (Diese Einzelheit verdient hervorgehoben
zu werden, da durch Zeugenausgaben beim Gerichte festge¬
stellt wurde, daß Beilis um jene Zeit keine Kühe besaß und
keine Milch verkaufte). Sie erzählte ferner, sie wäre ungefähr
acht Tage vor dem Leichenfund zusammen mit Justschinski,
mit ihrem Bruder, ihrer jüngeren Schwester Valentine und
einigen anderen Kindern in den Saizewschen Hof geschlichen
und sie hätten dort gespielt, als sie plötzlich Mendel Beilis
und jene zwei Juden auf sie zulaufen sahen. Sie und ihre
Kameraden hätten dann zu laufen begonnen, Justschinsky und
ihr Bruder wären aber von Beilis ergriffen worden, wobei es
ihrem Bruder noch gelungen wäre zu entrinnen, während den
Justschinsky Beilis nach dem Ofen geschleppt hatte. Die
kleine Valentine konnte gerichtlich auch nicht
vernommen werden, weil sie einige Tage nach
ihrem Bruder gleichfalls an Dysentheriestarb.
Den belletristischen Höhepunkt der umfangreichen An¬
klageschrift bildet indessen die Aussage des Sträflings Kasa-
tschenko. Dieser, ein Zellennachbar des Beilis im Gefängnis,
erzählte, Beilis hätte ihn gebeten, ihm, sobald er frei sein
würde, behilflich zu sein. Speziell ersuchte er ihn, zwei un¬
bequeme Zeugen, „Frosch“ und „Lampenzünder“ zu ver¬
giften und einen dritten zu bestechen. Das nötige Geld,
wie auch den Lohn für die Hilfe werde ihm, Kasatschenko,
Frau Beilis, geben, die von der „jüdischen Nation“ zu diesem
Zwecke mit großen Mitteln versehen worden sei. Die Juden
würden ihm auch das nötige Gift geben. Diese in großen
Zügen wiedergegebene plumpe Fabel eines Sträflings — der
kurz nach diesen „Enthüllungen“ sich an den Staatsanwalt mit
dem Gesuch wandte, ihm in Anbetracht dieses Verdienstes sein
Strafmaß zu verringern — erhob nun die russische Justiz
zum Grundstein der nunmehr historischen Anklage gegen
Beilis und das gesamte jüdische Volk.
Zum großen Kummer der offiziellen Kläger ist aber
gleich in den ersten Tagen der Verhandlungen von dieser
ganzen phantastischen Belletristik nicht viel übrig geblieben.