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Freunde aus Atlanta — „daß es nicht ganz leicht war, eine
günstige Stimmung für unsere Sache zu erwecken. Wir dürfen
nicht vergessen, daß die Juden in den Vereinigten Staaten alle
Freiheiten und vollständige Gleichberechtigung genießen. Ihr
Wohlergehen wird durch die confessionelle Frage in keiner Weise
beeinträchtigt. Die Gunst dieser Zustände ist nirgends auf der
Erde so ausgesprochen wie hier."
Nach diesen reservirten Mittheitungen macht aber mein
Freund eine um so merkwürdigere, wenn er mir wörtlich schreibt:
„Die Christen sind mit uns und erbieten sich, eine volksthüm-
liche Subscrtption von 1—10 Millionen Dollars für die Zions¬
sache einzuleiten. Diese Subscription würde einen sicheren Erfolg
versprechen." 1. äs 8.
Rumänien.
Galatz. (Orig.-Corresp.) Die Vereinigung der Zionisten Ru¬
mäniens mit dem Hauptsitz in Galatz hielt am 26. und 27. v. M. im
Tempel zu Galatz ihre dritte Generalversammlung ab. Die Versammlung
bot ein äußerst interessantes Bild der einigenden Kraft des zionistischen
Gedankens. Es waren nicht nur die zwanzig Localcvmitös durch Ab¬
ordnungen vertreten, auch viele andere, allgemeine jüdische Vereine
waren erschienen und nehmen den lebhaftesten Antheil an der Debatte.
Es wurde von den Vertrauensmännern der einzelnen Städte ein Cenral-
comitö für Rumänien gewählt, dem alle Corperationen unterstehen.
Für den Zionistencongreß in München wurden als offieielle Vertreter
der Juden Rumäniens die Herren Pineles, Dr. Lippe und Heinrich
Rosenbaum delegirt. Sonntag den 29. d. M. findet in Jassi eine
Versammlung statt, die den Reigen der vom Lion unter¬
nommenen Wandervorträge eröffnen wird.
Bulgarien.
Sophia. (Orig.-Cocresp.) Die von bulgarischen Juden
begründete Colonie Hartow in Palästina wird von diesen bereits
bebaut. Vor Ostern giengen dahin 15 Personen ab. gewesene
Kaufleute und Krämer. Ermuthigt durch die günstigen Nach¬
richten, die hier aus den Colonien eingetroffen, beschlossen
sechzig Familienväter, eine neue bulgarische Colonie zu gründen.
Fast jede Woche wandert eine kleine Zahl nach Palästina aus,
um in den Colonien Arbeit zu suchen. Eine interessante
Episode ereignete sich erst kürzlich. Unter diesen Emigranten
befand sich auch ein ProselyL aus dem kaukasischen Stamme
der Sabbathianer, jener russischen Secte, welche spontan zuerst
den Sonntag verwarf, dann die Trinitätslehre mit den
jüdischen Speisegesetzen vertauschte und schließlich einzelne vom
orthodoxen Christenthume zum orthodoxen Judenthum bekehrte.
Der Vater unseres Proselyten ließ sich vor zwanzig Jahren
mit seinen Söhnen in den Bund Abrahams aufnehmen.
Von der großen zionistischen Volksversammlung wurde
Ihnen bereits berichtet. Inzwischen haben die orgamsirten
Zionisten Bulgariens dem Comits Synagogal» das gegen den
Zionismus Stellung genommen, und dem Chacham Baschi von
Sophia, Rabi Mosche Lewi, der vor wenigen Monaten das
bulgarische Blatt „Ewrejski Glaß" in den Bann gelegt hatte,
ihr Mißtrauen und ihre Mißbilligung ausgesprochen. Diese
gegnerische Haltung gewisser Juden einerseits und die begeisterte
Aufnahme, die der Zionismusin unseren Massen gefunden hat,
anderseits, bringen manchenWohlsituirten, der ein guter Jude,
aber auch ein kluger sein will, in Verlegenheit. Darum wird
die Verlegenheitsparole ausgegeben: Beschicken wir den Münchener
Congreß, aber warten wir bis dahin. Hoffentlich werden diese
Herren auf dem Congresse nicht nur die nöthige Aufklärung,
sondern auch die nöthige Portion Muth finden.
Philippopel. (Orig.-Corresp.) Das Centräleomito der Zionisten
Bulgariens hatte die diesjährige vierte Generalversammlung nach
Philippopel einberufen und dazu die dem Zionismus gegnerisch ge¬
sinnten Corporationen eingeladen. Nach vierzehntägiger Debatte erklärte
sich die Versammlung solidarisch mit den Zionisten aller Länder. Dem¬
gemäß drückt sie den Einberufern des Zionisteneongresses in München
ihre wärmste Sympathie und ihr vollstes Vertrauen aus und versicherte
sie ihrer unwandelbaren Solidarität, sowie ihrer moralischen und ma¬
teriellen Unterstützung. Es wurde ferner beschlossen, einen Appell an
die jüdische Jugend Bulgariens zu richten, sich dem Central eoinitö
in Sophia anzuschließen und nebst der officiellen Abordnung der Zions¬
vereine auch für eine würdige Vertretung der Jugend Bulgariens am
Münchener Congresse zu sorgen.
Zeitschriften-Rundschau.
Zwei Gegner unserer Richtung, mit denen wir uns gern
auf einen Meinungsaustausch einlassen, weil sie im Streit
loyal Vorgehen und etwas zu sagen haben, sind die Herren
Dr. Simon Stern in Saaz und Dr. Adolf Silberstein in
Budapest. Dr. Stern schreibt in der Mai-Nummer der „Jü¬
dischen Chronik":
Wenn wir aber auch keine Nationa finden sind, wünschen wir
doch — auf die Gefahr hin zu jenen gerechnet zu werden, die sowohl
In, als auch Nein sagen" — daß ein jüdischer Staat entstehe. Irgendwo
in Palästina oder in Argentinien oder meinetwegen in Afrika, errichtet
von Nachkommen der Patriarchen oder von Juden anderer Ab¬
stammung. Aber durch eigene Kraft, wie die Puritaner die Vereinigten
Staaten von Nordamerika begründet haben. Aus zwei Ursachen:
Erstens, weil ein jüdischer Staat besser für unser religiöses Ideal
wirken könnte, als dies jetzt möglich ist. Zweitens, weil man uns
jetzt den Vorwurf macht: Ihr denkt kosmopolitisch, weil ihr keinen
Staat bildet, wie der Arme den Luxus und die Macht des Reichen ver-
urtheilt, weil er sie nicht besitzt.
Ja, laßt uns Zionisten in solchem Sinne sein. Laßt uns diesen
Zionismus nach Galizien und Rußland exportiren. Laßt uns predigen
und lehren, daß man sich nur durch eigene Kraft helfen könne. Die
jungen Leute, die Muth und Kraft besitzen und denen die alte Heimat
aus der einen oder der anderen Ursache zu enge ist, die sollen mit
ihren jungen Frauen hinausziehen, sich dort jenseits des Meeres eine
Heimat gründen, und wenn nöthig vertheidigen. Aus einer solchen
Colonie kann ein jüdis-ber Staat werden, aber nicht aus einer mit
Geld erkauften. Was den Mormonen gelungen ist, wird wohl auch
den Juden gelingen, und nur Leute, die sich eine neue Heimat errungen
haben, dürfen dann auch Nationaljuden und nationale Zionisten, wir
aber dürfen nur religiöse Zionisten sein.
Herr Dr. Stern sagt in seinem interessanten Aufsatz noch
Anderes, womit wir weniger einverstanden sind. Wir begnügen
uns erfreut damit, diejenigen Punkte hervorzuheben, auf denen
wir einander nahe sind.
Von einer anderen Seite nähert sich Dr. Adolf Silber¬
stein in einem Leitartikel des „Pester Lloyd" unserer Sache.
Dieser geistreiche Schriftsteller findet, daß es denn doch nicht
mehr angehe, den Zionismus einfach zu ignoriren; „man müsse
sich schon aus kulturhistorischen Gesichtspunkten mit dieser
Renaissance des Nationaljudenthums befassen." — Bedenkt man
die verhältnismäßig günstige Lage, in der sich die ungarischen
Juden befinden, so wird man mit wirklicher Befriedigung
lesen, was Silberstein sagt:
„Und doch möchten wir einige leise Einwendungen gegen diese und
jene These des gelehrten Wiener Predigers (Güdemann) machen. Trotzdem
der jüdische Nationalverband längst anfgehvrt hat, ist die Pflicht der
jüdischen Glaubensgenossenschaft gegen die Mitgläubigen durchaus
nicht erloschen. Der ungarische Katholik wird mit dem französischen
Katholiken fühlen. So wird es dem ungarischen Juden wohl durchaus
nicht gleichgiltig bleiben dürfen, ob einige Millionen der Anbeter und
Verkündiger des einigen Gottes obdachlos in der Welt herumirren,
oder nicht Es wäre übertriebene Furchtsamkeit, ignoriren zu wollen,
daß ein gemeinsamer Glaube zwölf Millionen Menschen, wenn sie auch
in aller Herren Länder zerstreut sind, in gleicher Weise beseligt. Die
ungarischen Juden, so gute Patrioten sie sind und eben weil sie es
sind, brauchen keiue Scheu davor zu hegen, der Verbesserung des Loses
ihrer anderwärts geborenen Glaubensgenossen Sympathieen entgegen¬
zutragen. Und wenn die ganze Idee der Zurückgewinnung Palästinas
auch nichts als ein Utopien ist, so verdienen doch die dahin gerichteten
Begebungen, so weit deren Kern ein rein philantropischer und con-
fessioneller ist, durchaus keiue Bekämpfung oder Verhöhnung seitens
Derjenigen, welche in vorderster Reihe berufen sind, den bedrängten
Glaubensgenossen über die ersten Lebensfragen hinauszuhelfen. Der
Patriotismus steht doch unter keinem Jnqnisitionsgericht und wenn er
darunter stünde, wäre es erst recht schlimm um ihn bestellt."
Utopie, sagen Sie, Herr Doctor? Hui vivrn, vsma.
- . -
Feuilleton.
Lord Beacoiisfield
Von Leon Kellner.
Den Fernstehenden schien das fremdartige Gesicht von
einer undurchdringlichen Maske geschützt; die Bekannten klagten
über Verschlossenheit und Cynismus; die intimen Freunde oder
die, welche sich für solche hielten — denn es ist noch nicht
erwiesen, daß Disraeli jemals wirkliche Freunde besaß —
fühlte sich durch räthselhafte Sprünge und abstoßende Wider¬
sprüche in seinem Wesen verletzt.
Vortreffliche Köpfe unter den Christen haben es an der
Hand eines reichen, aus erster Quelle geschöpften biographischen