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Materials versucht, die Räthsel zu deuten und die Wider¬
sprüche zu lösen; aber der Versuch ist ihnen nur zum geringen
Theile gelungen.
Ein geistreicher Schriftsteller jüdischer Abstammung hat
seine großen Kräfte dem gleichen Probleme gewidmet und hat
in den literarischen Werken Disraelis nach dem Schlüssel
gesucht, der sich aus den biographischen Daten allein nicht
zurechtschmieden ließ. .Georg Brandes hat mit seinem scharf
eindringenden, kritischen Messer manche Falte im Herzen
Disraelis blosgelegt; die jüdische Abkunft des Staatsmannes
und Dichters hat ihm so manchen Zug im geistigen Antlitz
seines Helden erklärt. Aber gerade den Werken Disraelis,
in denen sich jenes väterliche Erbe am deutlichsten Geltung
verschafft, steht er mehr noch als die christlichen Biographen
rath- und verständnislos gegenüber: Georg Brandes geht über
Alroy, Coningsby, Tancred mit einer angenommenen
Miene der Ueberlegenheit hinweg. Der Humanitätsjude Brandes
hat sich offenbar nur mit großem Unbehagen den nationalen
Gedanken des Racenjuden Disraeli genähert, und es war ihm
sehr willkommen und bequem, die „ unwissenschaftliche Theologie"
— als ob es je eine wissenschaftliche Theologie gegeben hätte
und geben könnte — mit einer Handbewegung zu den anderen
Sonderbarkeiten des Romanciers zu werfen und ihn selbst als
den letzten Juden zu proclamiren.
Im Jahre 1879, dem Jahre, in welchem Brandes seine
Schrift über Disraeli der Oeffentlichkeit übergab, sah es
allerdings so aus, als sei Disraeli, der Neuchrist, der letzte
Jude gewesen. Aber die Zeit hat diese Hypothese nicht be¬
stätigt; im Gegentheil, Disraeli war der erste Jude im Sinne
des neuen Geschlechts, und jetzt ist es vielleicht an der Zeit,
daß ein Jude, der es versucht hat, sich als lolchen zu erkennen
und der es für das Schönste und Klügste hält, sich auch
Anderen zu erkennen zu geben, in seiner Weise den merk¬
würdigen Mann zu verstehen sucht, der sowohl den Christen
a's auch einem Humanitätsjuden so räthselhaft und wider¬
spruchsvoll erschien.
Gewiß, Benjamin Disraeli war eine sehr reiche, viel¬
seitige, von Hause aus mit mancherlei Unverträglichkeiten behaftete
Natur, die in jedem Lande, jeder Gesellschaft, bei jeder Er¬
ziehung, unter allen Umständen auf ärmere und darum ein¬
fachere Leute den Eindruck des Unharmonischen, Unaus¬
geglichenen gemacht hätte. Eine starke Individualität von
Anfang bis zu Ende, hat er mehr als einmal und auf mehr
als einem Gebiete der ihm innerlich fremden, herrschenden
Strömung wie nur irgend ein gedankenloser Modeheld Gefolg
schaft geleistet: er war Dandy, als in der Londoner Gesellschaf¬
ein neuer Westenschnitt eben die Aufmerksamkeit der höchsten
Herrschaften erregte; ein Freigeist vom reinsten Wasser durch
Vererbung, Erziehung, eigenes Studium und die Richtung
der Zeit, spielt er bei wichtigen Gelegenheiten den Beschützer
der Kirche und der kirchlichen Gewalt; ein Verächter des
Geldes und der Geldmacht im modernen England, heiratete er
eine um zehn Jahre ältere Frau, eingestandenermaßen um
ihres Reichthums willen; — das und manches andere hätte
Disraeli Wohl auch als geborener Christ oder Muselman, als
vollgiltiger Engländer oder Franzose gethan. Der Ehrgeiz war
die herrschende Leidenschaft in seinem Leben, Macht war ihm
ein Bedürfniß wie Speise und Trank; dem Ehrgeize und der
Macht wurden untergeordnete Wünsche und Bedürfnisse ge¬
opfert. Aber neben dieser großen Leidenschaft seines Lebens,
deren er sich von Anfang an vollkommen bewußt war und der
er von frühester Jugend an mit einer Klarheit und Festigkeit,
die dem großen Manne eigen ist, willig und ohne jedwede
moralische Scrupel das Steuer überläßt, wirkt in der Tiefe
seiner Seele eine zweite Kraft, die äußerlich durch die Taufe
verlorene, innerlich aber als unvergebbar festgehaltene Zu¬
gehörigkeit zum jüdischen Stamm. Wäre Disraeli mit seinem
großen Ehrgeiz, seinem Machtbedürfniß und seinen Gaben, die
ihn zum geborenen Führer der Menschen machten, als der
Sprosse eines in England erbgesesscnen Geschlechtes auf die
Welt gekommen, so hätte er seinem Vaterlande wohl nicht mehr
werden können als er England geworden ist, aber alle die Risse
und Sprünge in seinem politischen Charakter, die Schleichwege
und Kniffe im Verkehr mit den Parteien, die unfreiwilligen
Wandlungen und Zugeständnisse im schweren, jahrzehntelangen
Kampfe gegen die Abneigung und das Mißtrauen der großen
Massen wären dem Staatsmanne erspart geblieben, Disraeli
wäre der Bismarck der Engländer geworden.
Wäre Disraeli nicht als Knabe von 13 Jahren von einem
weltlich gesinnten, kurzsichtigen Vater dem Judenthume ent¬
fremdet worden, wäre er Jude unter Juden geblieben, so hätte
die Welt das, was die Phantasie Disraelis' als Dichtung auf's
Papier warf, als Ereigniß mit eigenen Augen gesehen; der Mann,
welcher Egypten und Cypern für England erwarb und den
auseinanderstrebenden Theilen des britischen Weltreichs durch
seine Neubelebung des monarchischen Gedankens einen an¬
ziehenden Mittelpunkt, Herz und Seele zu geben verstand, dieser
Mann hätte auch seinem Volke eine neue unbestrittene Heimat
zu geben vermocht.
Aber Disraeli war nun einmal getauft, hatte schon als
Kind ausschließlich unter Christen, allerdings unter sehr lauen
Bekennern des Christenthums, wie zum Beispiel Samuel Rogers,
gelebt, und er betrat ja, mit allen bürgerlichen Rechten aus¬
gestattet, die politische Laufbahn — warum ließ er nicht die
Vergangenheit ruhen, die ja nicht einmal seine Vergangenheit,
ja nicht einmal die seines Vaters und Großvaters war, denn
diese beiden waren im talmudischen und gewöhnlichen Sinne
Epikuräer gewesen, warum vergaß er nicht seine Abstammung,
nachdem sein Vater einmal den Geburtsfehler gutgemacht hatte?
Ja, wenn das so ginge! Die jüdische Abstammung ver¬
gißt man nicht, der Wille zum Vergessen hat da wenig zu
bedeuten. Es ist das ein geheimnißvolles, aber unleugbares
Gesetz: wer einmal dem Judenthume angehört hat, steht ihm
nie wieder fremd, kalt, gleichgiltig gegenüber. Haß oder Liebe,
nach Temperament und Umständen glühender Haß oder glühende
Liebe — eins von beiden; Gleichgiltigkeit eines Juden dem
Judenthume gegenüber ist, bewußt oder unbewußt, eine Lüge.
Schwer belastet begann Disraeli seine politische Thätigkeit.
Drei Kräfte zerrten an ihm und zogen ihn nach drei verschie¬
denen Seiten. Der Ehrgeiz drängte ihn nach einer Macht¬
stellung um jeden Preis, das ererbte Stammesgefühl erhob bald
laut, bald leise, aber immer eindringlich seine Stimme, und
das christliche Bekenntniß zog ihn mit unabweislicher Gewalt
immer wieder zur Kirche zurück. Wo findet sich der Seelen¬
kenner, der aus diesen drei Kräften das Ergebniß construirt?
Und da wundern sich die Biographen über Räthsel und Wider¬
sprüche — ich wundere mich, daß es ihrer im Widerstreit der
Kräfte nur so wenige gab. Der Fluch des Juden in der
modernen Gesellschaft, daß er nie und nirgends außer auf dem
Gebiete des rein Handwerksmäßigen in Gewerbe und Wissen¬
schaft seinen ganzen, vollen, wahren Menschen einsetzen kann,
weil diese Gesellschaft in ihrer Beschränktheit eher einen Reflex
ihrer selbst, als urwüchsige, wenn auch nicht auf dem gleichen
Boden und unter gleichen Bedingungen gewordene Eigenart
verträgt, dieser Fluch des Halben und Gezwungenen lastete
noch schwerer auf dem getauften Juden Disraeli, der den Ehrgeiz
besaß, die allerchristlichste Nation der Welt zu regieren. Daher
ist nichts ganz, nichts absolut wahr, nichts bis in die letzten
Folgen ausgesprochen in den Reden und Schriften Disraelis —
keine der drei Kräfte kommt allein und ganz zur Wirkung,
sie wird stets von den zwei anderen auf halbem Wege gestört
und zum Stillstand gebracht. Auch zum Judenthum hat Dis¬
raeli kein ganz aufrichtiges Verhältniß, konnte er keins haben.
Er hatte die Wahl zwischen Liebe und Haß; er konnte, wie
die meisten Christen jüdischer Abstammung vor ihm, seinen
neuen Glauben durch eifrige Verleumdung des alten bekunden,
er konnte seine Zugehörigkeit zum neuen Volksthum durch die
Herabsetzung des alten beweisen, und wie die Geschichte lehrt,
hat diese Methode noch keinem Neuchristen geschadet. Hat
vielleicht Disraeli eine zu gute Meinung von den Engländern
gehabt, um sich von einem solchen Vorgehen Erfolg zu erwarten?
Hat er den religiösen Liberalismus kommen sehen und danach
sein Verhältniß zum Judenthum eingerichiet? Die Leute, welche
in Disraeli eine reine Rechenmaschine sahen, wären vielleicht
geneigt gewesen, in seiner immer wieder betonten jüdischen
Abstammung einen Beweis von kluger Voraussicht und großer