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Kermlniß der englischen Volksseele zn sehen. Georg Brandes,
der die ganze „Theologie" Disraelis nicht ernst nimmt, mag
darin die Klugheit des Weltmannes erkennen, der aus der Noth
eine Tugend macht und die Juden zum eigenen Wohle in den
Himmel hebt, da er seine jüdische Abstammung nun einmal
nicht aus der Welt schaffen kann. Aber war Disraeli wirklich
so klug und ein so vorzüglicher Rechner? Wenn er den an
sich gewiß richtigen Grundsatz gehabt hätte, Gegenwart und
Zukunft nicht durch einen zu offenkundigen Bruch mit der Ver-
gangenheit zu compromittiren, so hätte er diese Vorsicht in erster
Reihe im politischen Leben beobachtet und sich manchen
schrecklichen Tag und viele bittere Feindschaften erspart. Ich
will davon absehen, daß er Peel, dem ehemaligen Parteigenossen,
dem er vieles zu verdanken hatte, gelegentlich des von diesem
Staatsmanne eingebrachten Gesetzes zur Abschaffung der Korn¬
zölle in einer Weise zusetzte, die ihm im eigenen Lager nicht
wenige Leute entfremdete; denn Peel war vom Schutzzöllner
plötzlich, der Noth gehorchend, zum Freihändler geworden, in
diesem Falle war also der Gegner Disraelis der Apostat.
Aber wie wenig Rücksicht Disraeli auf seine Vergangenheit
nahm, wenn sie ihm im Wege stand, zeigte seine berüchtigte Affaire
mit O'Connel, die einem minder zielbewußten Menschen die
Politik für ewige Zeilen verleidet hätte. Im Jahre 1833 hatte
sich Disraeli chss radikaler Candidat um die Vertretung von
High Wycombe beworben und war dabei von einem Briefe
OConnels empfohlen worden, der, gedruckt und placatirt, dem
ganz unbekannten Bewerber eine beträchtliche Anzahl Stimmen
verschaffte. Freilich hatten diese Stimmen nicht ausgereicht,
um ihm zu einem Sitze im Parlamente zu verhelfen; aber
das war nicht die Schuld OConnels. Zwei Jahre darauf
war Disraeli vom Radicalen zum Tory avancirt und bewarb
sich um Taunton mit einem tvryistischen Programm; dabei
vergaß er die ehemalige Bundesgenossenschaft der Radicalen
so weit, daß er seinen ehemaligen Gönner O'Connel einen Auf¬
wiegler und Brandstifter nannte. Darauf blieb dieser die Antwort
nicht schuldig. „Ich habe das Glück", schrieb O'Connel, „mit
mehreren jüdischen Familien in London zu Verkehren, und ich
kenne keine gebildeteren Frauen, keine humaneren, herzlicheren,
charaktervolleren, besser erzogenen Männer. Wenn ich also von
Disraeli als dem Sohne eines Juden rede, so will ich ihm
beileibe aus seiner Abstammung keinen Vorwurf machen. Aber
es hat auch Schurken unter den Juden gegeben, z. B. den
Schächer am Kreuze, und der hat gewiß Disraeli geheißen."
Wäre Disraeli der kalt berechnende Kopf gewesen, als den
man ihn gewöhnlich hinstellt, er hätte discret seine politische
Vergangenheit ruhen lassen und sich wohl gehütet, den
Namen eines so furchtbaren Gegners wie O'Connel war, eitel
zu nennen. Aber Disraeli war durchaus keine Rechenmaschine,
und sein Verhältniß zum Judenthum wurde von ihm nicht
künstlich formulirt. Das Erbe der marranischen Vorfahren war
eben stärker in ihm als die vom Vater überkommene Auf¬
klärung, welche persönlichen Glauben von Stammesidealen und
Stammesgeschichte nicht zu scheiden verstand, und die alte in
tausendfacher Verfolgung erprobte Treue seiner aus Spanien
vertriebenen Ahnen erwies sich sogar stärker als der Haß der
Großmutter väterlicherseits, welche bei der Geburt ihres Sohnes
von einem einzigen Gefühle beherrscht wurde, dem Jammer
darüber, einen Juden geboren zu haben, und die eben diesen
Sohn Jsaac, den Verfasser der berühmten „(lmiosititzs ok
lütsrsturs« nie ansah, ohne ihn ihren Widerwillen empfinden
zu lassen. Wie um die Sünden seiner nächsten Vorfahren gut
zu machen, wählte Disraeli das bessere Theil: die Liebe zu
seinem Stamm. Ein Neuchrist als Anwalt des verfolgten
Judenthums ist an sich eine seltene Erscheinung, aber ein
Neuchrist, der mit prophetischem Blicke über die trostlose
Gegenwart hinaussieht und dem zerstreuten, getretenen Volke
eine glorreiche Zukunft im eigenen Lande verspricht—das ist
nicht schlaue Berechnung, nicht der Ausdruck eitler und heraus¬
fordernder Eigenliebe, das ist die still genährte, von Geschlecht
zu Geschlecht wie ein kostbares Familiengeheimniß überlieferte
Hoffnung, die der letzte kinderlose Sprosse dem Papiere vertraut.
_ (Schluß folgt.)
Die Bücherwelt.
Mission in vorchristlicher Zeit. (M. Friedländer, das Juden¬
thum in der vorchristlichen, griechischen Welt. Ein Beitrag zur Ent¬
stehungsgeschichte des Christenthums.) Es hat die längste Zeit als
unbestrittene Wahrheit gegolten, die Juden hätten nie das Bedürfniß
gehabt, Andersgläubige zu ihrer Lehre zu bekehren. Die angebliche
Thatsache, welche immer wieder mit einem zu Tode gehetzten Citat aus
dem fünften oder sechsten Jahrhundert belegt wurde i„die Proselyten
sind den Juden unerträglich wie ein Aussatz"), ist von den Juden¬
feinden stets als Beweis für unsere Selbstsucht und unsere von Tacitus
her wohlbekannte Lieblosigkeit, von unseren Freunden als Antwort auf
den Vorwurf der Anmaßung und Unduldsamkeit angeführt worden. Ich
muß gestehen, daß mir der Vorwurf unserer Feinde manche unruhige
Stunde bereitet hat; er schien mir viel Logischer als das Lob unserer
Freunde. Entweder man glaubt an seine Religion und sieht in ihr
das Heil der Seele, oder man glaubt es nicht. Die Juden haben von
jeher zu den Gläubigsten aller Menschen gehört, sie waren stets von
ihrer Religion als der besten aller möglichen Religionen durchdrungen.
Warum sollten sie nicht den menschenfreundlichen Wunsch gehabt haben,
ihren Nachbaren das gleiche Heil durch Belehrung und Ueberzeugung
zu Theil werden zu lassen? Freilich, eine solche Missionsthätigkeit der
Juden war weder in der Zeit des ersten Tempels, also der Zeit der
in jeder Beziehung eng gezogenen Grenzen, noch in den nachchristlichen
Jahrhunderten als der Zeit der Verfolgungen zu erwarten. Aber warum
sollten die jüdischen Zeitgenossen der letzten römischen Republikaner,
der ganz glaubenslosen Griechen, nicht die Sehnsucht gefühlt haben, der
haltlosen antiken Menschheit Stab und Stütze in ihrem starken, jugend-
frischen Glauben zu geben? Die Proselytenmacherei ist bei uns modernen
Menschen aus guten Gründen ein verdächtiges Geschäft. Aber es ist
doch ein Unterschied zwischen Bekehrung und Bekehrung. Man hat ja
nicht immer die Leute mit dem Messer an der Kehle überzeugt.
In Wahrheit haben die Juden auch der übrigen Menschheit
Missionsdienste geleistet, und zwar in einem Umfange, den die wenigen
in die Urgeschichte des Christenthums eingeweihten Gelehrten wohl
ahnten, aber selbst kaum zu glauben vermochten. Durch die Forschungen
M. Friedländer's, welche den großen Vortheil haben, „in der Sprache
der Menschen zu reden" (um das talmudische Wort von der gemein¬
verständlichen Bibel zu gebrauchen) ist die angebliche Thatsache von der
Proselytenfeindlichkeit der Juden in das Gebiet des Legendarischen ver¬
wiesen, und wir sehen mit Staunen, wie die heidnische Welt Europas,
Asiens und Afrikas lange vor den: Auftreten des Christenthnms für
das Christenthum vorbereitet war — durch die jüdische Mission. Was
Friedländer in einem früheren Werke (Zur Entstehungsgeschichte des
Christenthums. Ein Excurs von der Septuaginta zum Evangelium.
Wien, Holder 1894) in streng fachmännischer Weise begründet, aber
vielfach auch nur angedeutet hat, das ist in seiner jüngsten Schrift in
populärer Weise klar angeführt. Alle die segensreichen Elemente kosmo¬
politischer Natur, welche das Judenthum der heidnischen Welt als
Samen einer neuen Cultur abgab, wurden Griechen und Römern nicht
erst durch das Christenthum, sondern durch alexandrische Juden von
kosmopolitischer Bildung vermittelt. Nach diesen Forschungen ist der
Ursprung des Christenthums außerhalb Palästinas zu suchen und um
volle hundert Jahre — mindestens — zurückzudatieren. Der Sabbath
war um die Zeit des Augustus in der ganzen christlichen
Welt ein eingebürgerter Feiertag. Das war der Kern, um den
sich eine neue Welt krystallisirte. Der Sabbath war schon damals bei
den Juden der Mittelpunkt alles geistigen Lebens. Am Sabbath wurde
die Bibel in griechischer Sprache — es ist, wie gesagt, von den Juden
außerhalb Palästinas die Rede — vorgelesen; daran schlossen sich Er¬
klärungen, später auch Meinungsaustausch an, die Synagoge wurde so
eine Hochschule für jüdische Religion. Und die Heiden strömten in
Schaaren hin, um die' neue Lehre sich zueigen zu machen. In diesen
Vorträgen liegt der Keim, aus dem die Weltreligion entstand. Fried¬
länder citirt eine ganze Menge von Stellen aus griechischen und
lateinischen Schriftstellern aus denen es hervorgeht, welch eine gemein-
giltige Institution der Sabbath geworden war, und wie sehr die Sabbath-
vortrüge zur Nachahmung reizten. Als der Kaiser Tiberius gelegentlich
seiner Anwesenheit auf Rhodus den Wunsch hatte, einen Vortrag des
Grammatikers Diogenes zu hören, wurde dem hohen Herrn bedeutet,
am „Sabbath" zu kommen. So erzählt der unparteiische Sueton.
Wir haben dann keinen Gnrnd, die Berichte eines Philo und Josephus
über die Verbreitung jüdischer Gebräuche für Uebertreibung zu halten.
Das jüdische Gesetz, sagt Philo unterwirft sich alle Menschen und er¬
mahnt sie zur Tugend; Barbaren und Hellenen, die Bewohner des
Festlandes und der Inseln, die Nationen des Ostens und des Westens,
Europa und Asien, alle Völker der Erde. Wie Gott durch die ganze
Welt sich ergießt, sagt Josephus, so ist das Gesetz durch die ganze
Menschheit geschritten.
Strauß und Renan sammt ihren Nachfolgern auf dem Gebiete
der neutestamentlichen Geschichte unterscheiden sehr scharf zwischen Heiden¬
christen und Judenchristeu, und zwar wird die Scheidung auf Paulus
zurückgeführt. Auch das ist im Keime lange vor dem Auftreten des
Apostels vorhanden; schon die jüdische Mission in vorchristlicher Zeit
zerfällt, wie Friedländer nachweist, in zwei von einander grundsätzlich
verschiedene Richtungen, welche später die zwei feindlichen Parteien
innerhalb des Nrchristenthums ergaben.