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Nr. 1.
Urtel Acosta
Erzählung von I. Zangwill.
Erster Theil. Gabriel da Costa.
I.
Gabriel da Costa spornte leicht sein Pferd und bemühte
sich, während er die lange Korkeichenalle entlang sauste, in
der heftigen körperlichen Bewegung die Qualen geistiger Probleme
zu vergessen und die Theologie sammt den Klöstern und
Kapellen Oportos hinter sich zu lassen. Der schöne Jüngling
mit den blitzenden Augen und dem dunklen Haar, das auf das
seidene Wams herabfloß, ritt mit Anmuch und Feuer dahin.
Ein Dichter hätte in ihm das Bild des leidenschaftlichen süd¬
lichen Frühlings sehen können; aber für seine eigene Seele
bildeten der warme, blaue Himmel Portugals, das Weiß der
Mandelblüthen, das Rosa der Pfirsichzweige, die zarten Düfte
der Knospen und das frohe Lärmen der Vögel, nur einen unklaren
Hintergrund für einen Wirbel von Gedanken.
Nein, er konnte unmöglich glauben, daß man durch das
Geständniß seiner Sünden, wie die Kirche es vorschrieb, voll¬
ständige Absolution erhalten könne. Wenn sich die Seligkeit nur
durch besondere Regeln erringen ließe — dann konnte man über¬
haupt an der Seligkeit verzweifeln. Vielleicht war die ewige
Verdammniß chatsächlich sein Los, wenn auch nur seiner Zweifel
wegen und trotz aller seiner pünktlichen, mechanischen Kirchlichkeit.
O, käme doch ein Befreier — ein Befreier von den Zweifeln,
die dem gefangenen Geiste das Prächtige Dunkel der Kathedralen
als eine Finsterniß erscheinen ließen! Diese verfluchten Jesuiten,
die mit dem Zelotenthum neuer Orden eiferten! Sein Blut
kochte, als er an ihre Machenschaften dachte, und die Hand in
den Halfter steckend, an dem ein paar silberbeschlagene, mit
seinem Anfangsbuchstaben geschmückte Pistolen hingen, zog er eine
heraus und zielte im Vorüberfliegen auf einen Vogel, der auf
einem Zweig saß, indem er sich der thörichten Einbildung hingab,
daß es Ignatius Loyola sei. Aber obwohl er ein sicherer Schütze
war, hatte er nicht das Herz, ein lebendes Wesen zu verletzen,
wechselte rasch wie der Blitz und schoß statt des Vogels den
Zweig ab.
Warum hatte sein verstorbener Vater ihn Kirchenrecht
studiren lassen? Freilich, für einen Jüngling der wohlhabenden
Mittelclasse, war dies der einzige Weg zur Auszeichnung, zur
socialen Gleichstellung mit den Adeligen — und war es nicht
seine eigene Schuld, daß er selbst nach den ersten fleptischen
Regungen ein halbpriesterliches Amt als Schätzmeister eines
geistlichen Collegiums angenommen hatte? Aber wie sollte er
voraussehen, daß diese Unsicherheit der Jugend durch tieferes
Studium, durch leidenschaftlichere Frömmigkeit eher verstärkt als
beruhigt werden würde? Seltsam, überall um ihn her, im Colle¬
gium oder in der Kathedrale herrschte Vertrauen und Frieden;
nur in seinem Geiste herrschte eine geheime Unruhe und ein
unterdrücktes Gähnen, das all' die süße Musik frischer Knaben¬
stimmen weder beruhigen noch stillen konnte.
Plötzlich fühlte er, daß sein Pferd langsamer ging, und
gebrauchte wüthend, aber wirkungslos die Sporen, ehe er sich
bewußt ward, daß er bei dem steilen, kreidigen Ufer einer
Schlucht angelangt war, durch welche ein einziges Flüßchen
rieselte, und daß die Flanken des Thieres mit Blut befleckt
waren. Seine Augen feuchteten sich sofort.
„Uodrs!" rief er aus dem Sattel springend und dem Pferde
die Nüstern streichelnd. „Beschämung vor Menschen habe ich immer
gefürchtet, aber sich vor sich selbst zu schämen ist noch ärger".
Und das Pferd beim Zügel führend, kehrte der junge
Reiter auf gewundenen, mit Purpurrothen Anemonen bestreuten
und von grauen Olivenbäumen begrenzten, grasigen Pfaden nach
Oporto zurück. Da und dort guckten zwischen dem tiefgrünen
Laub, das den Himmel in tausend hellblaue Flecken zerriß, die
hellschimmernden Orangen hervor.
II.
Als er sich dem Marktplatze näherte, von dem die Stadt
auswärts stieg, saß er wieder auf. Aber der Weg war ihm
versperrt; denn es war Markttag und der große Platz, der
gleich einem orientalischen Bazar von einer Säulenhalle begrenzt
Herausgeber: Paul Naschauer. — Verantwortlicher Redacteur ;
ward, war dicht mit Buden besetzt. Die weißen Leinenzelte
hoben sich in köstlicher Frische von dem brennenden blauen
Himmel und den leuchtenden Costümen der aus der Umgebung
hereingekommenen Bauern ab. Hinter einem Winkel der Praya
erblickte man Pappeln, Ulmen und das frische Glitzern des
Stromes. Das nasale Summen vieler Stimmen klang heiter
und geschäftig. Am Eingang des Bazars, wo alte Weiber
Blumen und Früchte verkauften, zügelte Gabriel sein Pferd.
„Wie glücklich sind doch diese einfachen Seelen!" dachte er
sinnend. „Wie sicher find sie ihrer Seligkeit! Ihren Rosen¬
kranz zählen und ihre Ave-Marias murmeln — das ist Alles,
was sie brauchen. Der Fischer dort, mit den großen, goldenen
Ohrringen, der seine Netze auswirft, seine Juanita umarmt
und mit seinen Kameraden zecht, hat mehr Grund den Heiligen
zu danken, als ich Unglücklicher, der mit Reichthum gesegnet
ist, aber den Fluch der Einsamkeit trägt, der seine Neben¬
menschen liebt, aber doch weiß, daß sie nichts anderes sind als
Schafe. Gottes Schafe, dumm und taub gegen den Ruf ihres
wahren Hirten, verführt von den Wölfen im Priesterkleidei"
Ein Krüppel unterbrach seine Betrachtungen durch ein
flehentliches Gewinsel. Gabriel erschauerte bei dem Anblick
seiner Wunden vor Mitleid und versank, nachdem er ihm ein
Silberstück gegeben, wieder in eine Träumerei über das Ge-
heimniß des Leidens.
„Wie, auch Du hast Deine Kräuter ausverkauft?" brummte
gutmüthig eine wohlbekannte Stimme, und als Gabriel den
Kopf wendete, sah er, daß der dicke, alte Herr, der das runzelige
Marktweib vom Rücken eines Maulthieres herab ansprach, Dom
Diego de Balthasar war, der ehemalige Professor der Logik an
der Universität Coimbra, seit Kurzem Arzt in Oporto.
„Ei wohl, noch Vormittag", murmelte das eingetrocknete
alte Weiblein. „Ganz Oporto scheint heute auf bittere Kräuter
erpicht zu sein. Aber das kommt gegen die Osterzeit öfter vor,
obwohl ich selbst solchen Salat nicht mag."
„Natürlich," lachte Dom Diego, als sein Blick den
Gabriels traf. „Sie sind gut fürs Blut und Du hast keines,
gute Frau."
Um die Augen des Professors schien beinahe ein Blinzeln
zu liegen und der junge Reiter belachte gutmüthig den Scherz
des Arztes,
„Dann sind die Leute, die sic essen, vernünftig," sagte er.
„Ei ja, die einzigen vernünftigen Leute in Oporto," ent¬
gegnet« Dom Diego jetzt auf lateinisch, aber noch immer lächelnd.
„Und das einzige gute Blut, da Costa," fügte er hinzu, indem
er nun ganz unverkennbar mit den Augen blinzelte. Aber dies¬
mal vermochte Gabriel die Pointe nicht zu verstehen.
„Das einzige gute Blut?" wiederholte er. „Hältst Du es
denn mit den Trappisten, daß Fleisch etwas Arges ist?"
Ein seltsam erschreckter Ausdruck blitzte über das Gesicht
des Arztes und nahm ihm seine gewohnte rothe Farbe; wohl
kehrte sein Lächeln augenblicklich wieder zurück, aber es war
gleichsam gezwungen.
(Fortsetzung folgt.)
Vereinsnachrichten.
Eittzelverein „Wien" des Verbandes Zion, ü, Rem-
brandtstraße 11. Der letzte Dienstagabend brachte nebst einem Re¬
ferate unseres Delegirten über seine Theilnahme am Tarnower Dele-
girtentag und den Berichten, die Dr. Herzl über die zionistische
Bewegung in Amerika vorlas, zwei interessante, liebe Gäste. Zwei
jüdische Colonisten aus der Colonie Rehoboth, die im Geschäftsauftrage
in Wien weilen, hatten sich im Vereinslocale eingefunden. Sie brachten
auch eine würdige Legitimation mit, denn sie zeigten den erstaunten
Wiener Zionisten, wie ihre Gerste, die vor vierzehn Tagen bereits ge¬
schnitten wurde, aussehe und wie ihr Weizen blühe. Allgemein über¬
raschte die Stärke des Halmes und die Größe des Kornes. Man sah
auch die Blüthen und Blätter der Weinstöcke. Die Rebenblüthen sind
so weit gediehen, daß man die Gärten bereits überwachen muß, die
Araber stehlen die Blüthen und kochen sie. Die eingemachten Obst-
conserven, die Feigen und Mandeln aus den Colonistengärten wurden
mit Begeisterung aufge—gessen. Schließlich übergaben die Gäste den
Herren des Vorstandes kleine Holzschnitzereien, Erzeugnisse der jüdischen
Hausindustrie, zum Zeichen ihres Vertrauens und ihrer Anerkennung.
Leb.
c. S. R. Landau — Druck der „Gesellschaft für graphische Industrie."