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an der vollständigen Assimilation hinderten. Nun scheint
es, als ob die Vorsehung gerade dieses Reservoir für
ihre besonderen Zwecke eonserviert habe. Nur jene
der europäischen Cultur noch ganz unzugänglichen, treu
in ihren Traditionen lebenden osteuropäischen Juden
könnten das Gros der Colonisten stellen, die das alte
Heimatland wieder zur Blüte brächten und auch für
die in älterer Cultur lebenden Stanmiesgenosseii an¬
ziehend machen würden. Die kleine Schar der amal-
gamierten Juden ist unvermögend, das Gros sich nach
in die europäische Cultur hineinzuziehen; umgekehrt
aber könnte das Gros, sobald es sich erst wohnlich
eingerichtet hätte, die noch nicht ganz amalgamierten,
nicht ihres Lebens froh werdenden westlichen Juden
zu sich hinüberziehen, für sich damit Gulturträger ge¬
winnen und Europa entlasten.
Wie immer man die Sache ansieht, die friedliche
Uebersiedlung einiger Millionen zunächst östlicher Juden
nach Palästina wäre ein Segen beider Theile. Es möge
demnach gestattet sein, in nicht officieller Weise bei
Seiner Majestät dem Sultan die Gewährung eines
Charter an das zionistische Gomite zu befürworten
So spräche ich, wenn ich einer Majestät leitender
Staatsminister wäre. () u i d a in.
Tribüne.
(Au dieser Stelle geben wir gerne Zuschriften Kaum, die in
schickiiehemToneAngelegenheiten von allgemeinem Interesse
oder gerechtfertigte Beschwerden enthalten. Die Redaetion.)
Ein Nothschrei.
Wissen Sie, geehrter Herr, was Judennoth ist? Wissen
es die Juden Wiens? Hierher kommet, und Ihr werdet lernen,
was Judenelend heisst, aber auch Juden Verzweiflung. Auf
die „bedrängten und verfolgten'- russischen und rumänischen
■luden lenkt sich Euer Auge, unser gedenkt aber keiner»
Und doch haben diese, was zum Leben noththut. Wir aber
haben nur die Constitution und gemessen nur die Segnungen
eines cultivierten Staatswesens. Was haben wir? Haben
wir Strassen ? Nein ! Brücken ? Nein ! Schulen ? Nein ! Eine
Möglichkeit zum ehrlichen Erwerbe ? Nein ! Was ist uns
die Cultur? Der Gendarm und der Sfeuercommissär! Man
muss Ostgalizien kennen und seine Juden. In den Meier¬
höfen, Dörfern und Ortschaften Ostgaliziens leben tausende
Juden vom Ein- und Verkauf von Hülsenfrüchten. Eiern,
von Trägerarbeiten. Lohn- und Botendiensten. Tausende
von Juden, die nichts besitzen, als ihre zehn Finger an der
Hand und ihre zehn Kinder in der Stube, ohne Brot, ohne
Verdienst. Leben! Schändlicher ward dies Wort nirgends
parodiert als hier. Und unsere sogenannte Intelligenz, die
üekonomen, Feldaufseher, Propinations - Subpächter. Wie
leicht Fallt ihnen die Intelligenz und wie schwer kommt ihnen
das Brot. Ueberau" nichts als Elend. Jammer. Armut! Die
Noth ist gross, Herr! Von der Regierung verlassen, von
J u d und Christ verachtet und zu Boden getreten, kennen
wir die Freude nicht mehr, haben wir das Lachen verlernt,
aber auch das Weinen. Und doch zahlen wir unsere Blut¬
steuer und doch sind wir die bescheidensten, ruhigsten und
folgsamsten Juden, beugen wir uns vor jedem, der einen
guten Rock an hat und einen Spazierstock in der Hand,
nennen ihn demüthig und ergeben „Herr". Unsere Nahrung
ist das gröbste trockene Broch unsere Kleider Lumpen,
unsere Wohnungen verfallene Hütten, unsere Feiertage
Kummertage, unsere Kinder ohne jegliche Erziehung. In
den ruthenischen Gemeindeschulen lernen die Kinder nichts
mehr als das Vaterunser. In die Stadt können wir sie nicht
schicken, dazu haben wir kein Geld, und die Erlangung
eines Arm Utazeugnisses ohne Protection igt unmöglich, und
die Protection ist unmöglich ohne .... Wir kennen nicht
die Freude, unsere Kranken nicht den Arzt und unsere
Todteti nicht die Klage. Wer soll uns helfen ? Die reichen
Juden in Lemberg oder in den anderen Städten? die mit
dem Adel Hazard spielen und dessen Geschäfte besorgen,
die von uns nichts wissen wollen und uns verachten, wie
das Vieh im Stalle'.' Denn wir sind ja „die polnischen
Juden". Ehei hat der ruthenische Bauer Mitleid mit uns
und erschlägt uns. Und der kleine Mittelstand ? Tausende
sind brotlos geworden durch die Einführung der neuen
Brantwein- und Consumsteuer. durch Entziehung des Salz¬
handels und durch Errichtung der polnischen Consumvereine
haben sich unsere Bettler vermehrt! Die Noth hat uns
schlecht gemacht und dumm. Bei den letzten Reichsraths¬
wahlen leisteten diese Juden die unglaublichsten Wahl¬
dienste. Für zwei Gulden entrissen sie den zur Urne
schreitenden Bauern die Stimmzettel und vernichteten diese,
für fünf Gulden prügelten sie unter dem Schutze der
polnischen Agitatoren die Bauern und liessen sich mit
diesen einsperren. So theuer ist den Juden der Gulden
geworden. Und Ostern war vor der Thür! Wir haben die
Ostern überdauert, aber wir haben uns den ruthenischen
Bauer, diesen ruhigen, friedfertigen Melancholiker, zum Tod¬
feinde gemacht. Die Lage ist kritisch, denn die Regierung
kennt uns nicht mehr. Hier muss geholfen werden ! Wir
wollen keine Zionsvereine mit Purimfeiern und Makkabäer-
festen, wir wollm nach Palästina, in unser heiliges Land,
um Weingärten zu pflanzen und den Acker zu bebauen,
wir wollen den theuren Boden mit unseren Thränen netzen,
dass er eine gute Saat gibt. Wir sind stark. Schwere Arbeit
hat uns gekräftigt und gestählt, wir sind Feldarbeiter und
Ackerbauer von Beruf, und wir haben gelernt, zu entbehren
und -zu darben. Im Namen von tausend Juden, die nicht
schreiben können, aber mich umstehen und mir ihre Ver¬
zweiflung und ihre Sehnsucht in die Seele giessen, bitte ich
Sie, flehe ich Sie an : Geben Sie uns ein Stückchen Erde,
wir wollen arbeiten, schwer arbeiten, es wird uns glücklich
machen, arbeiten zu dürfen.
Niwra, Post; Krzywize, Galizien. J osef Feldmann.
Weltchronik.
Juden in Athen. Man sehreibt aus Athen : In einer der
rechtsseitigen Ausstrahlungen der Hermesstrasse. Ldie sich
vom königlichen Schlosse bis in die Nähe des Thesous-
Tempels in gerader Linie hinzieht, haben sich die Juden
Athens angesiedelt. Die Männer sind zumeist kleine Händler,
die mit Stoffen und Bändern die Strassen durchziehen und
sieh mühselig ihr Brod verdienen. Wer schon etwas erübrigt
hat, schreitet wohl auch hieben einem Maulthiere einher,
auf dessen Rücken allerlei aus Kasten und Schachteln
hervorblickende Herrlichkeiten schwanken. Andere haben
dem unsteten Hausiererleben eine beschaulichere Wirksam¬
keit vorgezogen und verkaufen in dunkelfeuchten Läden
alte Kleider und ähnliche Gegenstände. Am] lebhaftesten
geht es des Abends zu. Da sitzen die Familien auf der
Haustreppe, die Kinder spielen, fröhlich lärmend; die Väter
überrechnen den Gewitin des Tages, und die Mütter sehen
nach den Kochtöpfen, die über winzigen, mit Holzkohle
gefüllten Oefen im Freien brodeln. Die meisten alten
Frauen sind den Costümen treu geblieben, die. sie in ihrer
Jugend trugen, dem kurzen, die Knöchel freilassenden
Kleide, dessen Ränder mit Fransen besetzt sind, und das
in zwei voneinander geschiedene Theile, den Vorder- und
Hinterrock, zerfällt, sowie dem dunklen, schweren Mantel.
Das Haar tragen sie zusammengeknotet unter einem grünen
Tuche. Aber unter den Juden wohnen auch friedlich zahl¬
reiche christliche Familien, und gerade in dieser Gegend
trifft man auch mehrere griechische Kirchlein und Kapellen.
Auch die Israeliten Athens haben ihr Gotteshaus, das sich
von den übrigen nur durch eine über dem Thore befindliche
Laterne unterscheidet. Ein enger, durch ein breites Holz¬
gitter vom Hauptsaale abgeschiedener Raum4 war Jür die
Frauen reserviert. Dort traf ich auch den Rabbiner der
Gemeinde an. Ein röthlicher, theilweise ergrauter Vollbart,
umrahmte ein sympathisches, von lebhaften grossen Augen