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„Die <x Welt"
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todten Meere sind zahlreiche Städte, darunter Jerusalem
verzeichnet Der historische Wert dieser historischen Karte
besteht hauptsächlich darin, dass neben jeder Stadt der
alte und der neue Name — der Urnatne und die gräkisierte
Bezeichnung ..... steht, und dass wir Kenntnis von ganz un¬
bekannten Städten erhalten. Ausserdem sieht man die Berge
von Moab, das Arenthal, das Thal von Kerak. einen Theil
von Aegypten mit mehreren Städten, darunter .lanis, einige
Nilmündungen, das Sinaigebirge und einen Theil der Wüste
Tih. Im allgemeinen gibt die Karte eine Darstellung von
Palästina zur Zeit der Römer und dürfte etwa :!.">() nach
Christi angefertigt worden sein. In den Kreisen der l'aiästina-
l''orscher wird der Entdeckung ein grosses Interesse ent¬
gegengebracht.
Gesammtzahl der Juden. Nach den Berechnungen des
Professors L e x i s von der «iöttinger Universität beträgt die
i iesammt/.ahl der Juden 7,tn:ut00. Ihr Percentsatz stellt sich
auf HUXlO Einwohner: In Rumänien 7!4 Juden, in Oester¬
reich 178 ('.'), in Ungarn 418, in liussiaud 317. in den
Niederlanden -.'Ki, in der Türkei 11.!. im Deutschen Reiche
11 —. in Bulgarien 7<i, in Frankreich Iii. in Italien V.l. in
England 1-2. Diese Berechnung bedarf jedenfalls noch einer
Controle.
Die Juden in Siam. Auch in Siam gibt es Juden, wenn
auch sehr wenige und erst seit kurzem. Der vor mehreren
Jahren in London verstorbene galizische Jude G o 1 d in a n n
darf wohl als erster Jude batlachtet werden, der in das
Land der weissen Elephanten kam. Zu grösstem Ansehen
und Reichthum brachte es jedoch Angelo L u z z a t o. ein
Ingenieur aus Oberitalien, der, mit Empfehlungen des Lord
Duf'fer in ausgerüstet, nach Bangkok kam und sich bald
die Sympathien des Königs und des Ministers des Aus¬
wärtigen zu verschaffen wussie. Ihm wurde die Aufgabe
zutheil, die Bergwerke auf der siamesischen Insel Malakka
zu untersuchen und darüber ein Memorandum auszuarbeiten.
Auch der Wiener siamesische Consul, Herr S c h ö ri¬
tt erge r, ist Jude.
1,010.000 jüdische Emigranten haben Russland in den
letzten 17 Jahren vei lassen. Wie viel von ihnen sind zu¬
grunde gegangen, wie viel ihrem Volke und Glauben ent¬
fremdet worden, wie viel wandern unstet und flüchtig in
der Welt herum, mit dem Kainsmal des Judenthums auf
der Stinte ? Doch das genügt der „Nowoje Wremja" noch
nicht. Sie meint: „Nur ein Exodus von noch weiteren
drei Millionen Juden könnte uns befriedigen.'*
Hebräische Altcrthümer in der Krim. Aus Feodossia be¬
richtet die St. Peterburger Zeitung : Am Kusse des Berges
Mithradnt in der Nähe von Keodossia befindet steh eine
bereits 13 Jahrhunderte alte hebräische Synagoge. In den
letzten Jahren der Herrschati der Chane wurde sie zerstört
und durch Sand und Schutt begraben. Nach der Ver¬
einigung der Krim mit Bussland tiefahl die Kaiserin
Katharina, die Synagoge zu restaurieren, und im Jahre 1888
wurde in derselben nach ianger Zeit wieder ein
hebräischer Gottesdienst abgehalten. Das Gewölbe der
Synagoge wird durch vier Säulen gestützt, deren zwei aus
Marmor und zwei aus Granit bestehen. Früher waren alle
vier Säulen aus Marmor, doch in den Vierzigerjahren
brachte Abraham F a I k o w i t s c h zwei Marmorsäulen, alte
Handschriften der Thora und eine Anzahl anderer alter
Pergamente nach St. Petersburg, wo dieselben der öffent¬
lichen Bibliothek übergeben wurden. An einer der Säulen
der Synagoge ist eine viereckige Tafel mit einer auf das
Alter der Synagoge hinweisenden Inschrift angebracht. Diese
Inschrift lautet: Durch Menschenweisheit ist dieses Haus
errichtet worden. Der Messias wird kommen und Dein Volk
sammeln, Israel im Jahre (>7Ü id. i. im Jahre Olli der christ¬
lichen Zeitrechnungl. Leber dem Altare beiludet sich eine
Inschrift, welche darauf hinweist, dass die Tbüre zum Aller-
heiligsten vor tiö-2 Jahren hergestellt worden ist. Im Hofe
der Synagoge ist ein zu Waschungen bestimmter Brunnen
vorhanden, auf dem folgende Inschrift zu lesen ist : „Der
erleuchtete, allgemein geachtete und weise Kabbi Meir
Ascliltcniis, die Zier und der Stolz Israels, ist im
Jahre 380 (d. i. 028) im Herrn verschieden. Die Thränen
der Nachkommen Abrahams. Isaaks und Jakobs benetzen
seine Asche.* Die Synagoge ist so klein, dass sie kaum für
7>0 Beter Platz bietet. Die jüdischen Einwohner von Feodossia
wollen sie durch einen Neubau vergrössem.
Die Zahl der Juden in Indien beträgt II.'»«i. davon wohnen
über 10,000 in Bombay. Es sind grösstentheils moderne
.Einwanderer, doch gibt es an der Westküste auch zwei
jüdische Colonien aus alter Zeit, die sogenannten „schwarzen
und weissen Juden".
Anton Rubinstein und der Zionismus. Unter den oft skeptisch
nüchternen Gedanken, die Anton Rubinstein in seinem
unlängst, kurz nach seinem Tode, veröffentlichten „Gedanken¬
korb" niedergelegt, lesen wir Seite 8!) Folgendes: „Bei der
jetzt herrsehenden allgemeinen antisemitischen Bewegung,
wo die Juden aus einem Lande vertrieben, in einem anderen
Lande nicht aufgenommen werden u. a. m., ist es mir unklar,
warum Europa sieh nicht bemüht» ihnen ihr Jerusalem
wieder zu gewinnen, die Türkei mit einem anderen Länder¬
gebiete entschädigend, und sie dort nach ihrem Belieben
schalten und walten lässt; können sie doch von dort ebenso
gut ihre geldlichen Beziehungen zu Europa behalten, wie in
Europa selbst. Die unleidliche Hetze gegen ein kleines,
winziges Volk, das ja eigentlich nichts verbrochen hat, als
dass es seine finanzielle Ueberlegenheit vor anderen Völkern
^tatsächlich bekundet, ist des neunzehnten Jahrhunderts so
absolut unwürdig! Hat doch Europa die Griechen.
Rumänen. Belgier. Holländer, Serben, Bulgaren u. s. w.
eingerichtet, warum denn nicht auch die Juden."
Correspondenzen.
Oesterreich-Ungarn.
Brünn. tOrig.-Corr.) Lei der in Müglitz zum Zwecke
der Abhaltung eines Festes stattgefundenen Sitzung der
Ortsgruppe iles „Deutschen Schulvereines" kam es zu einer
erregten Debatte aus dem Grunde, weil der Antrag gestellt
wurde, einen Juden ins Cotnite zu diesem Feste zu nehmen.
Lehrer Stänzl beantragte, wenigstens einen Juden ins
('omite aufzunehmen, mit der Begründung, das Geld der
Juden sei gewiss zu dem Zwecke der Erzielung eines mög¬
lichst grossen Reinertrages nöthig. Ein anderes Mitglied
sprach sich entschieden dagegen aus, dass überhaupt ein
Jude Mitglied des „Deutschen Schulvereines" sein solle
und stellte es als eine Sehmach hin, Juden überhaupt zu
einem Sehulvereinsfeste zu laden, da viele gute Deutsche
hierdurch von dem Feste fern bleiben würden. Ein zweiter
Jugendbildner sagte: „Wir sind ja alle hier Antisemiten,
mir dürfen wir es nicht offen zeigen, und es ist daher der
guten deutschen Sache wegen besser, wenn wir einenJuden,
den ..Michel", der einen Bajazzo abgeben wird, ins
Comtte aufnehmen." — Der „Deutsche Schulverein" ist
bekanntlich eine der wenigen Vereinigungen, in denen der
Jude noch geduldet wird. Mit welchen Demüthigungen für
die Juden diese „liberale" Duldsamkeit verbunden ist, beweist
die geschilderte Sitzung. Und wie das Deutschthum der
Juden aufgefasst wird, beweist folgende Bemerkung eines
Wiener antisemitischen Blattes : „Heute ist es opportun für
die Juden, als „Daitsehe* mit den Deutschnationalen in das
gleiche Horn zu stossen, den sonst kommt der „gelbe Fleck",
und vor diesem soll Herr v. Schönerer die pajesumlockten
Söhne Israels retten, Sie sehen sich schon förmlich im
vormärzlichen Kaltau hinschleichen durch ihr bescheidenes
< ihetto. mit den runden Lederkäppchen auf den ehrwürdigen
Häuptern; sie sehen sich auf der Militär-Polizeiwachstube,
in den vernewerten Schuld- beziehungsweise Cridathürmen :
sie sehen sich verspottet von der durch ihre Vermittlung
grossgezogenen Gassenbubensehaft ; sie seilen sich mit
den Daumenschrauben an den dürren, langen Fingern ; mit
einem Worte: sie sehen sieh schon auf der Nationalbank.
Bei der übergrossen Phantasie dieser Asiaten ist es kein
Wunder, wenn ihnen vor der kommenden Zeit zu bangen
anfangt, denn, aufrichtig gesagt, einer idealen Epoche gehen
wir gewiss nicht entgegen : aber wir können die Juden
trotzdem im vorhinein versichern, dass, wenn wirklich eine
solche böse Reaction im Anzüge wäre, dieHerren Schönerer
und Genossen ihnen gewiss nicht aus der Patsche helfen
werden/
Saaz. (Orig.-Gorr.) Unsere Stadl ist ganz anti¬
semitisch. Die Bevölkerung ist gesellschaftlich in zwei
Lager getrennt: Hie .luden! Hie Arier! Der Genieinde-
rath hat eine antiseiiiilisrhe Majoriläl. und von Zeit zu
Zeit wird , Wiener (iemeinderatlr gespielt. Es hat sich
liier ein antisemitisches Zeituiigspflänzehen angesiedelt,
das seinen zarlen Duft über die «ranze Hingebung ver-