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Ar 11.
der ersten Gelegenheit einen entscheidenden Schritt zu
wagen. Eines Tages ging sie an die Weichsel, um einige
Aale zu kausen. Als sie sich den Fischern näherte, bemerkte
sie eine ungewöhnliche Bewegung unter ihnen. Die Veran¬
lassung bildeten vier frisch gefangene Stöhre. Sofort blitzte
in Chavas Hirn der kühne Gedanke auf: Soll ich's
kaufen? Mit zitternder Stimme frug sie um den Preis.
„Wenn Du Alles nimmst, kostet das Pfund fünf
Groschen," antwortete einer der Fischer. „Es werden
hundertundfünfzig Pfund sein." Leidenschaftlich fing Chava
zu handeln an.
„Was gibt's da zu reden," sprach der Fischer, schon
einen Monat haben wir keinen Stöhr gefangen. Ihr werdet
das Pfund zu Gulden verkaufen."
Chava war von der Hoffnung auf den Gewinn so
geblendet, daß sie den Preis zugestand und „daweil" drei
Rubel gab. Den Rest hoffte sie beim sofortigen Verkaufe
auszahlen zu können. Als sie mit den Fischern in die Stadt
ging, recapitulirte sie, glühend vor Aufregung, alle Häuser,
wo sie ihre Waare absetzen konnte. Der Vicebezirksrichter,
der Gemeindeschreiber, der Viceschreiber, der Bürgermeister,
der Casfier, der Gerbermeister .... fünfzehn, zwanzig
Groschen, einen Gulden per Pfund . . . vielleicht gar . . .
Bei dieseni Gedanken erglänzten Chavas Augen in jugend¬
lichem Feuer, ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen.
Sie setzte sich die Haube zurecht und fing so rasch zu
laufen an, daß ihr die Fischer kau>n zu folgen vermochten,
„Und wenn ihr Niemand was abkaufen wird? Hundert¬
undfünfzig Pfund Fische für Kazimierz, wo, an einem
Wochentage, kaum dreißig Menschen sich so einen Luxus
gönnen konnten . . . ." Entsetzt blieb sie stehen, der Athem
stockte ihr; rasch gefaßt, zog sie ihr Tuch zurecht und lief
weiter.
„Geht's in mein Häusel," sagte sie zu den Fischern,
indem sie ihnen einen Fisch entriß, „und wartet's dort, ich
komme gleich, ich werd' nur das Geld wechseln."
Sie wartete die Antwort nicht ab und stürmte durch
das enge Gäßchen an das entgegengesetzte Ende der Stadt.
Chava war in den Schlichen des Handels zu bewandert,
um nicht zu wissen, daß, um so eine Quantität Fische zu
verkaufen, sie zu allen Honoratioren der Stadt dem Range
nach laufen müsse. Trotzdem auf dem Wege nach Hause
einige ihrer Kundinnen wohnten, lief sie doch in entgegen¬
gesetzter Richtung zur Vicebezirksrichterin.
Die Rechnung stimmte. Die Vicebezirksrichterin kaufte
nach verhältnißmäßig kurzem Feilschen einen ganzen Fisch
um drei Rubeln, das ist über elf Groschen per Pfund.
Von der Hoffnung eines noch größeren Verdienstes be¬
rauscht, andererseits um den weiteren Verlauf des Ge¬
schäftes beunruhigt, eilte Chava, von den verschiedensten
Gefühlen bewegt, nach Hause.
„Na, was is's weiter," dachte sie, müde vorwärts
hastend, „einmal billig, das andere Mal theuer. Sie hat
den ganzen Fisch genommen, hat gleich gezahlt; ich könnt'
die anderen zwei verschenken und hätt' noch immer drei
Rubel."
„Meine drei Rubel," rief sie laut, das Papier in der
Tasche zusammendrückend. „Fünf Gulden kommt ihnen —
nun werd' ich zuzahlen, — sind zwei Fisch nicht fünf
Gulden werth? ..."
Von Weitem schon sah Chava ihren Mann, der mit
den Fischern verhandelte und mit dem Stock nach den
Fischen stieß, die Kinder sahen ängstlich zu.
„Was sind das für Fisch'," rief er verächtlich. „Wer
ißt das? wer hung'rig ist. Und wer wird's bezahlen? ein
Esel. Aj, aj, a Delicatess'! Hat sie keine Angabe gegeben?"
„Ja," sagte einer der Fischer, „aber sie kommt nicht
mit dem Rest."
„Großes Unglück, sie kommt nicht; Hab' ich kein Haus,
bin ich kein Hausbesitzer, ist niein Vermögen keine fünf
Gulden werth?"
Als er seine Frau ankommen sah, ertönte Symches
Stimme noch stolzer.
„Aus meine Hypothek ist nichts geschrieben, werden
die zwei Fisch' Platz finden.
„Ich handle nicht mit solchen Kleinigkeiten, ich bin
kein Hergelaufener, ich bin Hausherr."
Ihren Mann ärgerlich abwehrend, wandte sich Chava
an die Fischer.
„Drei Gulden Hab' ich zuzuzahlen . . . ."
„Fünf!" riefen die Fischer.
„Wie so; ein Rubel und ein Gulden das Stück."
Der Streit begann. Aus Gewohnheit und um den
nach ihrer Meinung billigen Verkauf des ersten Fisches
einzubringen, wollte sie durchaus etwas abhandeln. Ihre
Bemühungen blieben erfolglos.
Nachdem die Fischer weggegangen waren, setzte sie sich
auf die Bank vor dem Hause und wischte sich den Schweiß
vom Gesichte; die Kinder schrieen und zerrten von allen
Seiten an ihr herum, sie jedoch blieb unbeweglich. Endlich
nahm sie zwei Birnen aus der Tasche, zerlegte sie in vier
Theile und verstopfte damit den vier Kindern den Mund.
„Symche," rief sie ihren Mann an, welcher mit auf
den Rücken verschränkten Armen in den Anblick seines
Hauses versunken dastand. „Trag' die Fische ins Zimmer."
„Da wird ihnen auch nicht kalt sein — sollen sie liegen
bleiben . . . ." antwortete er phlegmatisch, und machte
sich auf den Weg in die Stadt.
Chava zitterte vor Wuth, in ihren Augen erglänzten
Thränen. Sie haßte ihren Mann für seine Faulheit und
Kränklichkeit, so viel ihr die schwere Arbeit dazu Zeit übrig
ließ. Wäre Symche gesund gewesen, so hätte sie eine ge¬
wisse Anhänglichkeit für ihn empfunden; hätte er seine Zeit
nur dem Gesetzesstudium gewidmet, sie würde die Last des
Erwerbes gerne getragen haben.
Aber Symche ging der geringsten Arbeit, aus Ge¬
wohnheit und Kränklichkeit, aus dem Wege. Eine kranke
Schmarotzerpflanze, die sich vermehrt — kann es etwas
Entsetzlicheres für das arme Weib geben, auf dessen
Schultern allein die ganze Last der Familie ruht?
Chava schwieg noch immer, sie war in Gedanken niit
den Fischen beschäftigt, die man rasch anbringen mußte,
sollten sie bei der Julihitze nicht verderben. So blieb sie
dem Schreien der Kinder gegenüber taub und lief in ein
nahe gelegenes Haus, zu einer ihrer Kundinnen, der Frau
Cassier, welche sie im Garten antraf.
„Aj, aj, gnädige Frau, Hab' ich was Feines für Sie,
Niemanden Hab' ich's noch angetragen .... Ein frischer,
schöner — ein sehr schöner Stöhr."
„Ein Stöhr," sagte die Frau Cassierin, „das ist kein
Fisch, das ist nichts. Voriges Jahr habe ich zwanzig Pfund
marinirt, und Hab' die Hälfte herausgeworfen, weil die
Kinder es nicht einmal essen wollten."
„Was Sie sagen, gnädige Frau . . . der selige Herr
Notar hat es lieber gehabt wie gedünstete Schwämme . . .
Die Frau Vicebezirksrichterin sagt immer: Symchowa, wann
bringst du schon einen Stöhr?"
„Na, übrigens wenn er billig ist . . ."
„No, für die gnädige Frau, ein Gulden das Pfund."
„Aber geh', für den Preis bekomm' ich einen Lachs."
„Mich kostet es fünfundzwanzig Groschen das Pfund,
ich muß doch was verdienen."
„Fünfzehn Groschen geb' ich und nehme dreißig
Pfund."
„Was mach' ich mit dem Rest? Ach, gnädige Frau,
so ein schmackhafter Fisch, 's ist schad', ihn zu essen. Ich
lauf' zur Bürgermeisterin, vielleicht nimmt sie die Hälfte."
Da kanl sie aber schön an. Als die Bürgermeisterin es
erfuhr, daß Chava dies eine Mal die standesgemäße Reihen¬
folge außer Acht gelassen und früher zur Cassierin gegangen
war, warf sie die arme Jüdin zur Thüre hinaus.
„Freche Person," rief sie, die Thür zuschlagend, „ich
werd' das nehmen, was irgend eine Cassierin übrig läßt.
Wart', das werd' ich Dir gedenken!"
Herausgeber: Parrl Uascharrev. Verantwortlicher Redakteur: Dr. S. K. Kandare. Druck von Franz Schüler, Wien-Döbling.