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MHVrlk?
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b ä c r allen anderen Menschen du r ch h c r o i s ch e s
Beispiel und erhabene Opfer gelehrt haben,
w i e m a n sein Vaterland lieben soll.....
Dr. dl. M a r nt orek, Paris.
Gustav Maie». „Aus Syrien." Meiseskizzen.
Bamberg. Verlag der Handelsdruckerei. (Preis elegant ge¬
bunden l Mark.)
Es liegt uns ein kleines Büchlein vor, das dem Leser
und besonders dem Zionisten in mancher Hinsicht Anregung
bietet. Wir wollen hier einiges aus der Maier'schen
Schrift anführen:
Gustav Maier war in Jaffa, an der syrischen Küste,
im Libanon und in Damaskus. Das Land findet er, sobald
es nur bearbeitet wird, fruchtbar. „Hier wird der Wein
nicht an Stocken oder Spalieren gezogen, sondern wuchert
am Boden gleich den Gurken." Das Land ist auch nicht so
klein, wie der nur die kleinen geographischen Karten kennende
Europäer denkt. „Die syrische Küste vom Ost-Ende Aegyp¬
tens an bis zur Bai von Alexandrien bildet eine Linie un¬
gefähr so lang, wie der Weg von Basel bis Hamburg —
der Libanon hat die dreifache Länge des Bodensees und er¬
hebt sich bis 3000 Meter über den Meeresspiegel"
Das Land wäre eines der glücklichsten, wenn nicht die
dortige „Wirthschaft" wäre. Vor Allem fehlt es an Verkehrs¬
wegen. Es gibt nur eiue von einer französischen Gesellschaft
von Beirut nach Damaskus gebaute Straße, die der Gesell¬
schaft eine Dividende von IS — 18°/ 0 einbringt. Dann kom¬
men die niederträchtigen Münz-, Steuer-, Bachschisch- und
Justizverhnltnisse. Ein Unterrichter bezieht 60 Mark, ein
Oberrichter 140 Mark monatlich und „natürlich sind diese
Beamten auf Bachschisch angewiesen und die Gerechtigkeit
muß käuflich sein."
Besser sind die Verhältnisse im Libanon, den» der
Pascha-Gouverneur des Libanon ist kein gewöhnlicher Pascha.
Der Libanon hat seit den Christenmetzeleien im Jahre 1860
eine „besondere Negierung". Der Pascha wird alle 5 Jahre
unter Zustimmung der Großmächte eingesetzt. Das Land im
Libanon ist auch viel besser gepflegt.
Das Urtheil Meier's über die dortigen Christen ist
kein günstiges. Den Muselmann findet er dagegen „gast¬
freundlich, bescheiden, uneigennützig und offen" und den ge¬
bildeten Mohaniedaner sogar sehr tolerant. Das Verhält¬
nis zwischen Christen und Juden ist dort „ausnahmsweise
einmal ein gutes — weil beide Theile unterdrückt sind."
F.
Indischer Uolkskalender für das Jahr 5658
(1897—98)/)
Unermüdlich und unerschrocken kämpfen sie fiir ihre gute Sache,
unsere wackeren Gesinnungsgenossen in Deutschland. Sie haben einen
schweren Kampf. Den Kampf gegen Brüder, gegen Stammesgenossen.
Aber die innere Ueberzeugung, eine gute Sache zu verfechten, lagt sie
muthig über offene und versteckte Hindernisse wegschreiten. Allwöchentlich
bringt uns die Post ein kräftiges Lebenszeichen dieses Kampfes für eine
Ueberzeugung. Und jetzt liegt das erste Exemplar des „Jüdischen Volkse
kalenders" vor uns. Offen, mit anfgeschlagenem Bisir, treten die Kötner
Gesinnungsgenossen vor die Welt hin. „Was wir wollen", das ist das
erste Wort, das uns aus diesem Fehdebrief gegen äußeren Druck und
inneren Jrrthum entgegentönt. „Was wir wollen", und die Antwort:
„Klarheit und Wahrheit. Wir wollen die Vornrtheile, die gegen unsere
junge Bewegung herrschen, beseitigen und Diejenigen, die belehrt sein
wollen, belehren." Und was ist die Wahrheit und die Klarheit? Das
sagt der erste Artikel. Er ist überschrieben: Der Zionismus".
„D er Z i o n i s m ns erstrebt eine bau e r tt d e
L ö s u n g der Judenfrage d u r ch die Gr ii n d u n g
e i n e r Volks r e ch t l i ch gesichert e n Z u f l u ch t s-
st ä 1 t e für s o l ch e I n d e n, die i m Lande ihre r G e-
Int rt nicht bleiben k ö n n e n oder wolle n.
D e r Z i o n i s m n s e r st r e b 1 die R i't ck kehr eine s
großen T h e i l e s v o n Inden zum A ck c r bau aus
dem historisch g e w e i h t e n B o d e n Pal ü st i n a s.
Der .3 tont s m u s e r st r e b t die Neubel e b u n g
des jüdischen S e l b st b e w u ß t s e i n s, d i e H o ch h a l-
t u n g der j n d i s ch e n Ideale, die Pflege der j ü-
d i s ch e n Literatur und der G e s ch i ch t e, die Er¬
ziehung der Jugend im Geiste des jüdischen
Volkes!
Alles in uns empört^ sich gegen die Stellung, die Staat und Ge¬
sellschaft uns anweisen. Und wenn die Neichen unter uns nur moralisch
leiden, die sociale Lage der armen jüdischen Bevölkerung wird durch den
schleichenden Antisemitsmus, dessen Lauf Niemand aufzuhalten vermag,
geradezu verzweifelt. Hunderte von jüdischen Existenzen gehen jährlich zu
Grunde und die Aussicht für die Zukunst gestaltet sich innrer trauriger.
Was philosophirt ihr, ob die antisemitische Bewegung culturell
und moralisch berechtigt ist? Nein, tausendmal nein! Sie ist nicht be¬
rechtigt, sie ist ein Hohn ans die Enltur, sie ist der Ruin jeder Moral,
sie ist die Erzfeindin der Idee der Menschlichkeit! Aber — jtc i ft d a,
s i e lebt, das ist eine traurige, bittere Thatsache, mit der wir einmal
rechnen tnüssen. Ja, sie lebt, diese menschenfeindliche Bewegung, sie feiert
jeden Tag ihre traurigen Triumphe, schaart die bösen Elemente um sich
und schürt das Feuer der wilden Leidenschaften im Volke.
Wir haben alle Sitten und Gebräuche der Völker, ohne sie aus
ihren Werth zu prüfen, nachgeahmt, wir haben unsere eigenen Sitten
verspottet, unsere eigene Enltur vernachlässigt. Was hat uns das genützt?
Wir sind in den Augen der Völker Juden geblieben, d. h. nicht Be
kenner des jüdischen Glauben, sonder tt S ö h tt e e i tt e s a n d e r e u
'S t a m nt e s. Wir haben uns tticht von der Genteinschaft der Völker
losgesngt, sondern s i e haben uns nie als voll und ganz zu ihnen ge¬
hörig betrachtet.
Aber wohin mit alt diesen jüdischen Proletariern, deren Elend
himntelschreiend ist? Wo gibt es ein Land, das int Staude lväre, diese
Armen in großen Massen aufzttuehutett mtd ihnen eine sichere Zukunft
zu bieten? Wie soll diesen Leuten daiterud geholfen werden, daß sie
wieder in Ruhe und Frieden arbeiten lernen, daß sie physisch und mora¬
lisch gesunden?"....
„Was wir wollen", das ist der Kern des gattzen Büchleins. Alle
übrigen Beiträge gruppiren sich wie Stützen, wie laut tönende Beweise
nur diesen Kern. Was das Herz sagt, ntuß der Verstand begründen. Da
kontmt die Statistik herbei mit ihren trockenen Zahlen und erzählt That-
sachen und Thalsachen in dürren ungeschminkten Worten, an denen sich
nicht riitteln läßt. „Zur Statistik der Judett" lautet eilt Artikel und
„Das Handwerk unter den Inden". Befähigungsnachweise des Zionismus
für eine helle Zukunft, Befähigungsnachweise der Judett für einen mis¬
st chtssrohen Ziouisnttts.
Und wieder Zahlen. Aber diesmal keine freudige Perspective in
die Zukunft, sottdern ein schmerzlicher Blick in die Vergangenheit.
„Geschichtstabelle." Ein trübes Wort, wenn es die Inden betrifft. Eine
unheimlich klingende Kette:
27. April 1615 Die Inden ans Worms vertrieben.
13. Mai 1298 Die Inden in Nöttingen erschlagen.
14. „ 1096 Die Judett in Speyer von den Kreuzfahrern ermordet.
23. „ 1536 Die Inquisition in Portugal eingesührt.
29. „ 1> 96 Die Inden in Worms von beit Kreuzfahrern ermordet.
6. Juni 1391 4000 Juden in Sevilla erschlagen.
7. „ 1096 Die Mainzer Gemeittde von den Kreuzfahrern ermordet.
Und so fort, und so fort. Das ist eine gewaltige Stütze für den
Hauptkern. Denn die Kette hat noch kein Ende; sie ist etwas lockerer,
sie schneidet weniger ins Fleisch, und das Nasjeln klingt etwas moderner,
aber sie ist noch da, überall in alten Ländern. Vertrieben, eriitvrdet, er¬
schlagen -- der Lebensinhalt der Vergangenheit. Doch wie ivir tu dem
vortrefflichen Büchlein weilerbtättern, hellt sich unser Auge ans. Die
Worte, die wir da vernehmen, klingelt wie Hammerschall, unter dein die
Kettenringe zerspritlgen und zerbröckeln. Wir lesen von der Zions¬
organisation.
Dann ein Verzeichniß der zionistischen Schriften ttnd Zeitschriften.**)
Das ist der Blick in die Gegenwart. Er sott die zerrissenen Gefühle, die
jene nnheiinlichen Zahlen in uns hinlerließeu, wegwischen. Das ist ein
Verzeichnis; gedruckter Proteste gegen ein regungsloses Leiden. Die Pro¬
teste sollen die Brücke bildert vom Leiden zur krustigen Thai. Auch von
der Thal lesen wir schon. Sie ist da, an minature, zierliche wohllynende
Schnitzarbeit: Ein Bericht über die „Eolonisation der Juden in Palä
stina". Aus dent zierlichen Schnitzwerk tvill ein gewaltiges Niesenwerk
entstehen. Figürchen und Figürchen, nebeneinander und übereinattder
der gothische Niesenthurm ist ja auch so zusammengetragert. Wentt nur
das Material gut ist. Und das sieht man schott an den Figürchen.
In den Ernst dieses Büchleins ist manches heitere Körnchen ein
gestreut. Der Ernst erntüdet. Vielleicht auch sind die Scherze mit be
wußter, tieferer Absicht artgebracht. Der Ernst rvird durch den munteren
Gegensatz rtoch ernster, uttd der dunkle Flor erscheint schwärzer, wenn er
einen rveißert Saum hat. Unter die Scherze haben sich auch nnsreiwitlig
zwei Narrten in Anführungszeichen verirrt. Jrt das Verzeichnis; der
zionislischett Zeitschristeit haben sich nämlich durch irgend ein Versehen
die „Oesterreichische Wochenschrift" mtd die „Jüdische Presse" einge¬
schlichen. Der dunkle Saunt ant lichten Flor der zionistischen Zeitschriften
ist ein gelungener Scherz. Der Zufall hat wieder einmal seinen nrwüch
sigen Humor bewiesen und dürste einen 8 19 rtach sich ziehen.
Der belletristische Theil des Büchleins ist vortrefflich durch Prosa¬
beiträge von I. Zangwill, B. Leiser tt. A. ausgesültt. Auch gute Verse
sittd da.
Der Kölner jüdische Bolkskalender hat unter den zionistischen
Agitationsschriften eilte Büchlein anzuführen vergessen, das sich mit
gutem Nechte den bestett Agitalionsmilteln an die Seite stellen fennt ttnd
gewiß viele werthvolle Anhänger der guten Sache zuführen wird - er
hat den Kölner „Jüdischen Volkskalender" anzuführen vergessen.
**) Leider vermissen wir die Anführung der vortrefflichen Schrift:
„Die nationale Wiedergeburt der Inden" von Jaffa.
*) Druck und Verlag von S t e l t e r & Eo. in Köln.