Page
Seite 16.
Nr. 12.
ClnttKt HitXnn.
3>on W. CtonSti. Deutsch vo» F. L a n d e s b c r g c r.
(I. Fortsetzung.)
Chava hatte keine Zeit sich über diesen Zwischenfall
zu kränken, und jagte weiter. Gott Merkur hatte es jedoch
offenbar beschlossen, ihr kühnes Unterfangen zu bestrafen,
denn sie konnte weder einen halben noch einen ganzen Stöhr
anbringen. In einem Hause war die Herrschaft nicht da,
im andern gab's kein Geld, so daß Chava, nachdem sie die
ganze Stadt umsonst durchmessen, abgehärmt nach Hause
zurückkehrte.
Was nun? Diese Frage ist für den Kaufherrn, dem
ein mit Waaren vollbepacktes Schiff, auf dem Meere ge¬
scheitert, ebenso schrecklich, wie für die arme Hausirerin, der
Niemand zwei Stöhre abkaufen wollte. Im Augenblicke
solcher Gefahr ist die Rettung des gefährdeten Betriebs-
capitals der erste Gedanke. Chava fehlten zu der ausge¬
legten Summe, noch fünf Gulden. Rasch zerhackte sie einen
Stöhr und trug die Hälfte der Casfierin hin Hat sie das
einmal eincassirt, so bleiben ihr zwei Rubel Reingewinn.
Oh, süße Hoffnung, oh. Tag des Glückes! Zwei Rubel
Gewinn für einige Stunden Herumlaufens! Es würden sich
unter diesen Verhältniffen auch reichere Leute finden, die
gerne den Fischhandel betreiben möchten. Doch die Hoffnung
war trügerisch: sie sollte nicht zur Ruhe kommen. Die Frau
Casfierin erklärte nämlich, daß sie nur zehn Groschen per
Pfund geben, und erst am Morgen bezahlen werde. Chava
hatte also ihre drei Rubel noch nicht in der Tasche, baar
hatte sie den ganzen Tag, keinen Groschen verdient! Von
dieser Idee berückt — kehrte sie mit einem eigenthümlichen
Ausdruck des Trotzes im Gesicht zögernd nach Hause zurück.
Symche versuchte es umsonst di; Hühner mit Rübenblättern
zu füttern. Die Kinder kauerten in einem Haufen an der
Wand und nagten an Erbsenschalen, welche ihnen der
Vater aus der Stadt gebracht hatte. Als sie die Mutter
erblickten, singen sie heftig zu schreien an. Chava, hob den
Jüngsten aus, küßte ihn und trug ihn ins Zimmer.
„Kauf ihnen ein Brod", sagte sie zu ihrer Inwoh¬
nerin, und warf vier Groschen auf den Tisch; „ich muß
noch fort".
Sie achtete nicht auf das Weinen des Kindes, packte
einen vor dem Fenster liegenden Stöhr und eilte daiuit
auf die Straße zur Stadt.
„Wohin Symchowa?" srug eine alte Frau, die mit
dem Strickstrumpf vor ihrem Häuschen saß.
„Nach Pulaw, liebe gnädige Frau", sagte Chava, und
küßte der Alten die Hand.
„Dorthin trägst Du einen Stöhr, für wen denn?"
„Weiß ich für wen? Hier kann ich's nicht anbringen.
Ich Hab' noch eine Hälfte zu Hause."
„Die nehm' ich. Mein Enkel ist eben auf die Ferien
zu mir gekommen, er hat guten Appetit. Aber wirst Du
denn diese Last nach Pulaw erschleppen können?"
„Ach gnädige Frau, ich halt' mich. Ich Hab' heut' noch
nichts gegessen, ich weiß nicht einmal, ob ich noch was für
die Kinder werde kochen können. Aber was soll ich thun?
Ich kann die Fische nicht länger liegen lassen. Ich Hab'
drei Stöhre gekauft, einen hat die Frau Vicebezirksrichterin
um elf Groschen das Pfund genommen, eine Hälfte die
Frau Casfierin zu zehn Groschen, den Rest Hab' ich noch
und geh' damit nach Pulaw. Bis jetzt Hab' ich nichts ver¬
dient, nicht einmal die drei Rubel Hab' ich noch beisammen,
und wenn ich Ihr Geld verliere, gnädige Frau, so muß
ich in's Gras beißen." Die alte Frau, der Chava so Alles
beichtete, war die Witwe des Gärtners des Fürsten Char-
tonjski in Pulaw. Als ihre geliebte Herrschaft gestorben
war, konnte sie es an dem Orte, wo sie so viel Trauriges
durchlebt, nicht mehr aushalten; sie übersiedelte nach Kazi-
mierz, wo sie von einem kleinen Vermögen und den Unter¬
stützungen ihrer zahlreichen Familie, mit einer verkrlippelten
Tochter lebte. Sie war es, welche vor zwei Jahren Chava'n
jene drei Rubel vorgestreckt, mit denen sie ihre Handels¬
operationen ausführte, und die sie so krampfhaft zusammen¬
hielt. Die Aussicht auf den größten Gewinn vermochte sie
nicht zu beruhigen, so oft ihr die drei Rubel momentan
aus den Händen glitten. Eine namenlose Angst ergriff sie,
schon sah sie sich mit ihren Kindern am Rande des Ver¬
derbens. In dieser Aufregung mußte sie die drei Stöhre
sofort verkaufen. Zu den drei Rubeln fehlten ihr ja noch
fünf polnische Gulden.
Das charakeristische Merkmal, in dem Verhältniß Chava's
zu Mutter Wlostowicka, war ihre Aufrichtigkeit. Sie, die
beim Ein- und Verkauf auf Kosten der Wahrheit, ihren
Vortheil zu wahren suchte, hatte vor dieser Einen kein
Geheimniß.
„Um wie viel hast Du die Stöhre gekauft?" srug die
Greisin t
„Zu fünf Groschen das Pfund", antwortete Chava.
„So, hast Du etwas verdient."
„Bei der Frau Vicebezirksrichterin, denn die Casfierin
hat mir das Geld noch nicht abgegeben."
„Na so geh', meine Liebe, ich weiß zwar nicht, wer
jetzt in Pulaw wohnt, aber, wie ich höre, sollen viele Herr
schäften hingekommen sein."
Chava küßte der Greisin die Hand und eilte fort.
Die Entfernung zwischen Kazimierz und Pulaw beträgt
zehn Werst; es war nicht leicht, mit einer Last von fünfzig
Pfund, auf dem Rücken hinzukonnnen. Ost schien es Chava,
als ob der auf ihrer Schulter ruhende Stöhr höhnisch mit
dem Kopfe wackelte, über ihr kühnes Unternehmen. Trotz
dem sie hungrig und müde war, eilte sie rüstigen Schrittes
vorwärts. Bei der dritten Werst ruhte sie aus. Ein vorüber
fahrender Edelmann sah den Fisch zu ihren Füßen liegen,
und ließ halten.
„Was hast Du hier?" srug er.
„Einen Stöhr", sagte Chava mit klopfendem Herzen-
„Eh" murmelte er verächtlich und fuhr weiter.
Wenn es jeder in Pulaw so machen wird? Chava
sprang auf und machte sich auf den Weg.
Nach zwei Werst ruhte sie wieder. Ueber ihr Mißgeschic!
denkend, sah sie eine des Weges kommende Briczka, all'
der neben dem Fuhrmann ein Jude saß. Der in Kazi
mierz bekannte Briefausträger, ein von der Kanzel in Ban»
gethaner Säufer, der schon im Magistrat die Prügelstrafe
erlitten hatte, fuhr mit den Briefen nach Pulaw.
„Franek, Franek!" rief sie „warte!"
„Was gibt's?" srug der Fuhrmann, stehen bleibend.
„Nimm mich mit, nach Pulaw."
„Höchstens wenn Du Deinen Fisch oorspannst, den»
meine Mähre bringt uns nicht vorwärts".
„Ist denn das weit, ein Sprung".
„So spring".
„Red' nicht, red' nicht".
„Aber wo wirst Du sitzen, auf Moschko's Knieen?"
~ „Ich werd' schon Platz finden". Sie wartete die Ant¬
wort nicht ab, und kletterte hinauf.
„Gieb' nur erst einen Gulden her", schrie Franek.
„Dummer Kerl, ich werde Dir kein Unrecht thun".
„Warum fährst Du heut'mit der Post?" srug Chawa.
„Dem Gregor ist ein Kind gestorben" antworte Franc!
„so hat der Herr mich geschickt. — Hol' der Teufel so ein'
Arbeit!"
(Fortsetzung folgt.)
Urammleralions-Gintaduitg.
Wik laden diejenigen Abonnenten, deren Abannemen-
Ende August ablaust, ei», es rechtzeitig zn erneuern, da¬
mit in der Zustellung des Blattes keine Störung «intretc
Unser Vorrath au älteren Nummern geht zur Neige
und wir werden bald einzelne Nummern nicht mehr «ach
liesern können.
Die Administration.
Herausgeber: Uascharrev. Verantwortlicher Redacteur: Dr. S. R> Kandarr. Druck von Franz Schüler, Wien-Döbling.