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MHWl."
Nr. 13.
ruhig chicaniren, mißhandeln und morden lassen? Das
laut zu verlangen, wagt freilich Keiner. Aber der latente
Wunsch, daß das Pack doch lieber im Lande bleiben möchte,
lebt instinktiv in vielen Juden. Ist das nicht, gerade heraus¬
gesagt, eine Schmach? Verdient eine Nation oder meinet¬
wegen Secte, die sich nur mit Heulen und Zähneklappern
ihrer Angehörigen anzunehinen wagt, nicht im vollsten
Maße den Haß und Hohn des Gegners? Auch ist es eine
Gewissenlosigkeit, wie keine sonst, diese Unglücklichen mit
dem Reisebiller rasch irgendwohin zu expediren, ohne für ihre
Zukrmft die mindeste Sorge zu tragen. Oder sollen die Co-
lonieen in Argentinien das Hilfsmittel für alle Zukunft
sein? Nun, nach dem letzten Jahresbericht der leitenden
Gesellschaft ist dieser ganze Colonisationsversuch schon so
gut wie gescheitert. Würde er aber auch den wunderbarsten
Fortgang von der Welt nehme», man stünde gar bald doch
wieder auf dein alten Fleck. Mit tödtlicher Sicherheit läßt
sich vorauswetten, das; die steigende jüdische Bevölkerung
in Argentinien sofort auch, wie den Funken aus dem ge¬
schlagenen Stein, den Antisemitismus herauslockcn wird.
Daun dürfte sogleich ein Einwanderungsverbot folgen, und
als zweiter Streich, vielleicht eine brutale Mißhandlung
der schon ansäßigen, jüdische» Bevölkerung. Wie gesagt,
wir ständen ans dem alten Fleck, und es bleibt gar kein
anderes Mittel, als daß de/ Boden, welcher den ver-
triebenen Inden zur zweiten Heirnat werden soll, ihnen auch
von den Mächten garantirt wird, daß der „Judenstaat"
als ein staatsrechtlich anerkanntes Glied der Völkerfamilie
offen und ivürdig in die Erscheinung tritt. Der politische
Zionismus erstrebt nichts anderes, als eine Beeinflußung
der Mächte, um sie für eine solche Lösung der Judenfrage
günstig zu stimmen. Auch haben ja alle Staaten und Na¬
tionen das größte Sclbstinteresse an der Bewältigung dieses
Problems, da sie thatsüchlich alle unter der „Judennoth"
leiden. Der Antisemitismus der Völker bereitet auch den
Regierungen die ernsteste Verlegenheit und erschwert un¬
endlich die ganze innere Politik, die Lenkung der Parla¬
mente und Parteien. Sogar Czar Alexander III., der
sich in seinem Vorgehen gegen die Juden durch westeuro¬
päische Sentimentalitäten nicht beirren ließ, gestand am
Ende seiner Laufbahn in einer Marginalnote, das; es un¬
möglich wäre, die Juden loszuwerden, und das; mau sie
wohl als eine von Gott über Rußland verhängte Prüfung
anzusehen hätte. Sehr natürlich. Einen so großen Procent¬
satz der Bevölkerung konnte die russische Regierung »ich!
ohne weiteres, wenigstens nicht pur orclrv de moufti, todt-
schlage» lasse», und »och weniger ging es an, die Juden
auszuweisen — die anderen Staaten hätten sie mit bestem
Dank dem Herrscher aller Reußen wieder zurückgcschickt.
So konnte man wohl jüdische Ghettos schaffen, konnte die
Mißliebigen ans bestinmite Landestheile beschränken und
ihre Lage jammervoll verschlimmern — loswerden aber
konnte man sie nicht. Und man möchte es doch, ach so
gerne! Also werden die Staatsmänner Europas de» Zio
nisten gewiß ein geneigtes Ohr schenken, wenn sie ihre
Fordertingen zu begründen wissen und repräsentative Or¬
ganisationen schaffe», mit denen die Regierungen verhandeln
können.
Die deutschen Juden aber und auch die jüdischen
Socialdemokraten können den Zionismus ruhig gewähren
lassen oder mindestens wohlwollende Neutralität bewahren.
Keiner, noch einmal sei es gesagt, denkt daran, den deutschen
Jude» zu zwingen, das; er sein Deulschthuin aufgebe. In
Wahrheit ist er dann erst Deutscher, wenn die Gluth des
Judenhaßes nicht mehr emporflammt und die einströmenden
Inden des Ostens die Assimilation nicht mehr erschweren.
Vorläufig thun sie das rmd müssen das thun, ihrer be¬
drängten Lage wegen. Es wäre furchtbar unmenschlich rmd
zugleich, so lange der Antisemitisinus noch besteht, auch
absolut unnütz, wen» die deutschen Jude» ihre Solidarität
mit den osteuropäischen Stainmesgcnossen verleugnen wollten.
Das geht nicht, dafür sorgen schon die Antisemiten, Noch
weniger dürfen die deutschen Juden sich beruhigen, wenn
sie sich die lästigen Eindringlinge durch Wohlthätigkeitsacte
glücklich wieder vom Halse geschafft haben. Diese kurzsich¬
tige Methode, die nur an den Augenblick denkt, ist un¬
geheuer leichtfertig, sogar frivol, und kann noch ein Ende
mit Schrecken nehmen. Die thörichte Angst aber, daß die
Antisemiten das Bekenntnis; zum Zionismus in ihrem Sinne
auszubeuten wissen würden, verdient überhaupt keine ernst¬
hafte Discussion mehr. Der jüdische Staat wird für die
Üeberzahl von Juden, die die Staaten und Nationen nicht
verschlucken können, einen legitimen Abstuß schaffen. Die
Juden aber, die zurückbleiben, können sich vollständig assi-
miliren und brauchen unliebsame Emigrationen weiter nicht
zu fürchten. Der Judenhaß verlischt dann in sich selbst, wie
ein Feuer, dem der Brennstoff ausgegangen ist. Dieses End¬
ziel. wenn wir es erreichen, wäre ein so enorm hoher Ge¬
winn, daß wir wohl die Gefahr einer vorübergehenden
Stärkung des Antisemitismus ruhig mit in den Kauf
nehemen könnte». Besteht aber überhaupt diese Gefahr?
Wer den Antisemitismus für ein Product des Unterbewußt¬
seins unb dunkler Instinkte hält, die nicht nach Gründen
lind Gegengründen fragen, der glaubt überhaupt nicht, daß
irgend ein äußeres Ereigniß den Judenhaß zu stärken oder
zu schwächen verniag Jedenfalls hoffen wir, daß in der
deutsch-jüdischen Jugend noch reichlich Stolz und Ehrgefühl
vorhanden ist, um von diesem Appell an ihre Feigheit
gänzlich unberührt zu bleiben. Und ferner hoffen nur, das;
der jüdische Socialdcmokrat, dessen Herz für die ganze,
unterdrückte Menschheit glüht, darüber auch seine nächsten
Angehörigen nicht ganz vergißt. Er braucht keinen Conflict
der Pflichten zu befürchten, da ja, ivie mehrfach schon er-
wähnt, die Socialdemokratie nur gciviniien kann, wenn die
leidige Judenfrage von der Bildfläche verschwindet. Der
jüdische Socialdeniokrat kann also Zionist sein, eben so
gut, wie ein Genosse, der seinen Beitrag für die Partei-
casse spendet, daneben auch für Eltern und Geschwister
sorgen darf.
Der: Soirgrrotz.
Die vorbereitende Commission hat bereits einen Secre-
tär des Congreßbureaus von Wie» nach Basel geschickt.
Alle Zuschriften und Telegramme wolle man einfach
adressiren:
Zi oni sten -C on gre s;
Basel.
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Diejenigen Delegirten, welche bisher ihre Mitglieds¬
karten nicht erhalten haben, brauchen ihre Abreise darum
nicht zu verschieben. Sie werden die Duplikate in Basel
vom Congrcßburea» erhalten.
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Das unter Aufsicht des Rabbiners Cohn stehende jüdi¬
sche Restaurant ist das „Hotel Braunschweig", Basel,
Spolenvorstadt.
Folgende Hotels in Basel empfehlen sich den Con-
greßbesuchern: Basler Hof, Wilder Mann, Deritscher Hof
und Hotel Krafft.
Der Lemberger Zionverein „Jvria" sendet Herrn
Schiller als Delegirten nach Basel.
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5Yr Verein „Bnai ^>wn" in ^ n v o $ l ei it und die „Akademische
Verbindung" in diesen'. Vereine werden durch Herrn Tr. Blumen
seid ans dem (5ougreü vertreten sein.
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Die akademische Verbindung Jüdischer Hochschülcr
aus Schlesien „Jvria" hat Herrn Emil F r i e d, Ingenieur,
zum Cougreßdelegirteu gewählt.
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