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Nr. 13.
Mn zisnistisches Inbiliium.
Bor einigen Tagen hat der Zionismus ein beachtens-
werthes Jubiläum gestiert.
Bor 15 Jahren, nämlich am 15. Ab des Jahres
5642 (1882), zogen über die von Jaffa nach Jerusalem
führende Straße fünf Männer auf Eseln reitend und mit
zusammenlegbaren Reifezeiten ausgerüstet dahin. Nach einer
halbstündigen Reise machten sie eine Schwenkung nach Norden
und ritten ungefähr eine halbe Stunde weiter. Zu ihrer
Rechten lag eine ausgedehnte Sandebene, die sich längs des
Meeres westwärts erstreckte und in einiger Entfernung er¬
hoben sich vor ihnen die düsteren Spitzen des Judäischen
Gebirges, an dessen Fuße sich ein weites, ihnen bisher
unbekanntes Thal ausbreitete, wo Araber, Scharen von
Felachen, nach ihrer Vorstellung „fürchterliche" Beduinen auf
häßlichen Kameelhöckern, kleinen E)elinnen und wilden Pferden
aus den arabischen Steppen herumzogen. Auf der felsigen,
von allerlei wildem Gestrüppe bedeckten Anhöhe machten die
Pionniere Halt; „Hier soll der Grund gelegt werden zu
unserem Unternehmen — sagte einer der Männer mit
bebender Stimme — dieser Ort heiße von nun an:
„Kischo» F Zion. — der (gifte für Zion!"
Bescheiden und armselig waren die materiellen Mittel
der ersten Pionniere, sie besaßen wenig von den Kenntnissen
und Erfahrungen, welche zur Colonisation erforderlich sind;
bei einiger Bedachtsamteit hätten sie diesen Ort gewiß auf¬
gegeben. Allein es scheint einer besonderen Vorsehung zu¬
geschrieben werden zu müssen, daß die Pionniere nicht erst
mit der zweifelnden Vernunft zu Rathe gingen, sondern,
wie wahre Helden, der Stimme ihres Herzens folgten.
Diese kündete ihnen laut und überzeugend, daß es ihnen
gelingen werde, die gewaltigen Hindernisse zu überwinden,
und den Grund zu legen zu einem ewigen, monumentalen
Baue im heiligen Lande.
Seither sind 15 Jahre verstrichen — int Leben eines
Volkes gewiß ein unansehnlicher Zeitabschnitt. Und wie
anders sieht es heute aus! Außer dem Boden von „Risclion
V Zion-, das jetzt mit Recht die Perle von Judäa genannt
wird, befinden sich hundcrttausende Dunams Erde in dem
Besitze von Juden. In Judäa, Galiläa und an den Jordan¬
ufern liegen reizende jüdische Besitzungen, und ihr Boden
versorgt mehrere tausend jüdische Familien mit eigenem
Brot und eigenem Wein — eine Erscheinung, die seit der
Austreibung Israels aus der alten Heimat nicht ihr Gleiches
hat. „Indischer Wein", eine Bezeichnung, die bisher als
Schimpf gegolten, da unsere Feinde darunter gefälschten
Wein verstehen wo llten — macht den Colo nisten heute
allerorts Ehre, und wird von Aerzten als vorzüglicher
Medicinalwein anerkannt. Die Sprache unserer Väter feierte
ihre Auferstehung und die herrlichen Klänge, in denen die
Propheten gesungen, tönen lebendig nach zweitausendjährigem
Schweigen in den jüdische» Colonieen. Selbst in Jerusalem,
das nach der Ansicht der modernen Zionisten — ebenso
wie die anderen Städte — erst in zweiter Linie in Betracht
kommt, ist der ivohlthuende Einfluß der neuen Colonisation
nicht zu verkennen. Der neue Geist schuf auch dort viel
"Neues und Gutes, so besonders die Grundlage zu einer
großen j ü d i s ch e n N a t i o u a l - B i b l i o (h e k.
Im ganzen Lande machen sich jüdische Gelehrte der ver¬
schiedensten Berufszweige bemerkbar. Wer die russische „Reise¬
beschreibung Palästinas 1.-80" von Modarczew oder das
bei Leroy-Beaulien in „Die Juden und der Antisemitismus"
über die Juden Palüstina's Angeführte gelesen hat, wird
mit Stolz aus die zahlreiche» glücklichen Veränderungen des
jüdischen Lebens im historischen Vaterlande Hinblicken, die
sich in der kurze» Zeitspanne von 15 Jahren vollzogen.
Und wie mächtig ist die Idee selbst, der Colonisations-
gedanke, in eben dieser kurzen Zeitspanne geworden, und
wie gewaltig hat er sich in allen Ländern des Exils ver¬
breitet! Vereinzelt standen sie da vor 15 Jahren, an den
Fingern konnte man sie zählen die Hitzköpfe im kalten
Norden, man verhöhnte sie als unglückselige Träumer und
in den verschiedensten Parteilagern des Judenthums sahen
sie nichts als bedauerliches Kopfschütteln, hörten sie nichts,
als den entrüsteten Ruf: „Was wollen denn diese unglück¬
lichen Juden mit ihren thörichten Träumen!"
Nun ist es ihnen gelungen, diesen einsamen Schwärmern,
Massen für ihr Ideal zu begeistern und dem modernen
Prophetenthum im Tempel der Assimilation Schweigen zu
gebieten. „Heute ist auch im Westen eine mächtige An¬
zahl begeisterter Zionisten erstanden, — ein enormer Fort¬
schritt, wenn man bedenkt, daß noch im Jahre 1891 die
Forderung, man möge auch die Auswanderer unterstützen,
die ihre Schritte nach Palästina wenden, daß diese Forde¬
rung im Schoße eines Berliner Wohlthätigkeitsvereines einen
Sturm der Entrüstung entfachen konnte, der dann in der
gesannnten jüdischen Presse des Westens ein getrenliches
Echo fand. Heute wagen es bei all ihren geharnischten
„Protesten" nicht einmal die ärgsten Feinde Zions, dem
Colonisationsgedanken nahezutreten. Die letzte Ausstellung
von Palästina-Producten in Berlin und anderen deutschen
Städten hat die Herren von der Lächerlichkeit ihrer An¬
sichten überzeugt. Die Zionsfeinde spüren, daß ihnen der
Boden unter den Füßen wankt, sie fühlen, daß sie von
jenen 5 P i o n n iere n, die am lö. Ab 5642 hinaus-
zogen, um ..Kischon 1’ Zion" zu gründen, besiegt
worden sind. . .
Der 15jährige Gedenktag der Gründung von „Risdion
F Zion", der Gedenktag an all' das harte und schwere
Ringen mit dem Boden, das endlich von solchem Erfolge
gekrönt war, ist für die Zionisten von feierlichem Werth
und hoher festlicher Bedeutung. Als Jubiläumskundgebung
für diesen Tag, muß der Z i o n i st c n - C o n g r e ß i »
Basel betrachtet werden, wo die Zionsfreunde aus allen
Ländern deS Exils einander kenne» lernen und sich die
Hände reichen werden, um so einträchtig und planmäßig
das große heilige Werk zu vollführen und die Colonisirung
der Juden im Lande der Väter aus eine würdige, gesicherte
Höhe emporzubeben.
Wir wollen hoffen, daß der 15. A b, der einst ein
glänzender Festtag war, als unsere Vorfahren noch in ihrer
Heimat waren, daß der Tag an welchem ..Kischon 1' Zion-
entstanden, einst zu einem Freudenfeste wird, wenn die
Verbannten wieder heimgekehrt sind nach Zion.
Aminadaw. („Htimcliz").
01 r tf.
Gegen die Einwaudeniiig nach England hat der Lo»
dotier Hilssvereiu jüdischer Armen (Board, of Guardia.il>
for tlit* relief of Jewisli Poor) eine „Warnung" erlasse»
Dieselbe bringt zur .Kenntnis: „daß allen solchen unbemil
teilen Frauen und .Kindern, welche unter falsche» Erwar
tuugen nutzloser Weise nach London kommen, in der Hoff
nung, seitens unseres Vorstandes mit Schiffsfahrkarten
versehen zu werden, um ihren Ehemännern nach Amerika
oder anderwärts nachzureisen, in keiner Weise Hilf»
geleistet werden kann. Es werde» daher alle mit der
artigen Absichten Durchreisende ernstlichst und feierlichst ge
warnt, sich nicht unnütz in Elend und Leiden zu stürzen,
da der Vorstand Ansuchen auf llnterstütznng irgend welchem
Art unter keiner Bedingung berücksichtigen kann. Die Mut
ter mögen ihrer selbst und ihrer Kinder wegen sich dies
Mittheilung zu Herzen nehmen, um sich vor Enttäuschung
zu behüten." — Was sollen also die unglücklichen Frauen
beginnen, wenn ihre Männer sie verlassen haben, um weck
in der Fremde Brod zu suchen?
Ercesse in Pilse». Das Sprichwort ..duobus certanti
lms tertius , Landet," erfährt eine gründliche Widerlegung,
wenn der Jude der teickins ist, der zwischen zivei feindlichen
Lagern eingekeilt ist. Das zeigt sich am besten auf dein
deutsch-tschechischen Kampfplätze in Böhmen. Wo die Deut
schon einen Vorstoß gegen das Tschechenthum machen, fallen
auch einige wohlgezielte Seitenhiebe für die Juden ab, und