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wenn die Tschechen auf die Deutschen eindringeu, unter¬
lassen sie es niemals, so nebenbei auch den Juden ver¬
schiedene Liebenswürdigkeiten zu verabreichen. So war es
auch jüngst in Pilsen. Aus einem Conflict zwischen einigen
deutschen Couleurstudenten und tschechischen Burschen ent¬
wickelte sich ein wüster Exceß, bei dem Tausende von
Tschechen johlend die Straßen durchzogen und die ärgsten
Ausschreitungen begingen. Sie demolirten das Hotel
„Pilsener Hof", sie kühlten ihr Müthchen an der Actien-
brauerei und schließlich zogen sie vor — die Synagoge,
Steine flogen gegen Thor und Mauern, die kostbaren
Scheiben wurden zertrümmert und es mußte Militär requi-
rirt iverden, um den Pöbel zu zerstreuen.
Es wird immer besser. Die Zahl der „christlichen"
Genossenschaften in Galizien, die darauf ausgehen, dem
armen Juden selbst das trockene Brot wegzunehn>en, häuft
sich immer mehr. In Gryböw, Tarnobrzeg und Myckenice
sind neue ,.Kölka rolnieze" gegründet worden, zusammen
also bisher in Galizien 1258. In Krakau ist eine „Christ¬
liche Genossenschaft für Holzmederlage" und eine „Christ¬
liche Schuhfabrik" entstanden. An der Spitze der letzteren
Genossenschaft steht Graf Mieroszowski. In der Bukowina
haben es die 20 christlich-socialen Vereine vorläufig nur bis
zu einem eigenen Blatte gebrockt, das unter dem Titel
„Bukowinaer Bote" demnächst erscheinen soll.
In drr Pariser Presse wird seit einigen Tagen ein Fall
von Antisemitismus erörtert, der einiges Aufsehen erregt,
weil ihm beinahe ein dortiger Journalist zum Opfer ge¬
fallen wäre. Dieser, ein vielgeschätzter Reporter, der bei
keiner Reise des Präsidenten der Republik fehlen darf
Ramens Laumann, ging auf die russische Botschaft um sich
seinen Paß visiren zu lassen. Ec glaubte schon mit allen
Formalitäten fertig zu sein, als einer der Kanzilisten seinen
Namen scharf in's Auge faßte und sagte: „Sie können
nicht mit dem Präsidenten nach Rußland fahren, denn Sie
find unzweifelhaft Jude." Laumann betheuerte umsonst, er
sei vor 85 'Jahren bei seiner Geburt im Elsaß katholisch
getauft worden. Man glaubte ihm nicht und verwies ihn,
da es zu spät war, uni den Taufschein kommen zu lassen,
an den Pfarrer von Sainte-Clotilde, in dessen Sprengel die
russische Botschaft liegt, zu einem religiösen Examen. Der
Pfarrer aber erklärte, er sei schon zu oft hintergangen
worden, um ohne unumstößliche Beweise ein Zeugniß aus¬
stellen zu können und so mußte sich Laumann anderswo
umthun, bis er einen geistlichen Gewährsmann fand, der
die Gewissensscrupel der russischen Kanzleibeamten be¬
schwichtigte.
Die fremden Inden an der Pariser Universität Es ist
längst bekannt, daß man in neuester Zeit in Paris sich der
Concurrenz durch ausländische Aerzte zu erwehren sucht.
Es sollen nun in Zukunft den fremden Studirenden wohl
alle Provinz-Universitäten, jedoch nicht mehr die Pariser
Fakultät zur Verfügung stehen, deren Glanz allein es war,
der die Blassen heranzog. Man motivirte diese rcactionäre
Blaßregel mit der Uebersüllung der Fakultät, die im vem
gangenen Jahre 5000 Hörer gezählt habe Doch ist der
wahre Grund die Scheu vor der späteren Ausübung der
ärztlichen Praxis durch ausländische Aerzte und auch ein
gut Stück Antisemitismus ist mit dabei. Schon i» der ver¬
gangenen Woche haben das Pariser medicinische Professoren¬
collegium, der Stadtrath und die Presse lebhaft gegen diese
Steuerung protestirt, von der dieselben eine empfindliche
Schädigung des Ansehens der Universität und selbst Frank¬
reichs befürchten, abgesehen von Repressalien, welche dieses
Vorgehen zur Folge haben müßte. Am schlimmsten ist diese
Maßregel für die zahlreichen jüdischen Studirenden aus
Rußland und Polen wie aus den Balkanländern, die sich
mit Vorliebe und aus naheliegenden Gründen zur Vollendung
ihrer Studien bisher nach Paris gewandt haben.
Dcr judciiftkittidlichc Schah. Der persische Gesandte in
London erhielt von seiner Regierung in Teheran die tele¬
graphische Mittheilung, daß auf eindringliche Vorstellungen
der Vertreter Englands und Frankreichs der Schah jede
weitere Verfolgung der Juden in strengster Form verboten
habe. Der betreffende Erlaß ist an die Gouverneure ge¬
richtet und bedroht jeden Beamten mit Amtsentsetzung,
welcher die Juden zwingen würde, eine besondere Kleidung
zu tragen, oder ihnen wegen ihres Glaubens eine höhere
Steuer auserlegen würde. Dieser Erlaß des Schah's leidet
jedoch an dem Fehler, daß er an die falsche Adresse ge¬
richtet ist. Die betreffenden Ausnahmsbestimmungen waren
von dem persischen Scheik ul Islam, dem Oberhaupts der
persischen Mohammedaner erlassen worden, und ihre Haupt¬
forderung ist die Zwangsbekehrung der Juden zum Islam.
Die mohammedanische Geistlichkeit in Persien ist aber von
den Gouverneuren ganz unabhängig, so daß der Schah
wohl erst den judenfeindlichen Erlaß des Oberpriesters in
aller Form aufheben müßte, ehe an eine Einstellung der
Judenverfolgungen geglaubt werden kann.
Vom Prager Kriegsschanplatzc. Nach einer aufge¬
lösten Protestversammlung des tschechischen Anlisemiten-
vereines, worin Haarsträubendes über die angebliche Be¬
drückung der tschechischen Minorität erzählt wurde, verur¬
sachten die erregten Theilnehmer unter Führung mehrerer
tschechischer Abgeordneter spät Nachts große Straßenexcesse,
so besonders vor dem deutschen Casino, in dessen Schank¬
local trotz der Sicherheitsbewachung etwa 00 Excedenten
eindrangen und voni Wirthe die Verabreichung von je ein
Glas Bier erzwangen.
Fciiersbriinskc. In der Stadt Mstißlawl l Rußland)
entstand bei heftigem Winde eine Feuersbrunst, die gegen
zweihundert Häuser, eine Synagoge und sechs jüdische Bct-
häuser einäscherte. Auch die russische Stadt Komarow ist
zur Hälfte niedergebrannt. Tausende von Bewohnern, zu¬
meist Inden, haben ihr Hab und Gut verloren und sind
obdachlos.
Eine „Merkwürdigkeit". In den „akademischen Monats¬
blättern", dem Organ der katholischen Studentenvereine
Deutschlands, bespricht ein „Philister", „den sein Amt seit
vielen Jahren in die engsten Beziehungen zum literarischen
und akademischen Leben gebracht hat," die Prüsungsresultate
der ersten juristischen Prüfung des Jahres 1895—90 in
den Rheinlanden. Da kommt eine Stelle vor: „Geradezu
verblüffend ist jedoch ein anderes Ergebniß dieses Jahres.
Von den Juden fiel keiner durch, von den Protestanten
1515 Percent, von den Katholiken 3157 Percent. Wie
ist die letztere Thatsache zu erklären? Voreingenommenheit
der Commissäre ist ausgeschlossen. An dem Mangel an
„Einpaukern" kann's allein nicht liegen. Auffällig bleibt es
auf jeden Fall."
L. A. Frankel über Jerusalem, d Gnglia bo)>rici)t in der
„M. 9t. st." die jüngst erfolgte Ausgabe der „Lammtnng von Briefen
und Aufzeichnungen ans dem neunzehnten Jahrhundert", die euch den
Briefwechsel 9. 91. Franlet's mit Anastasius Wriiit enthält. Frankel
nnhert sich da über die Eindrücke, die er bei seiner Reise ins heilig
Land empfing. Interessant ist sein Urtheit über die socialen Verhältnisse
der Inden in Jerusalem, die eine Folge des bekannten Wohlthiitigkeils
systemes find. „Dieses polnisch - russische Gesindel," schreibt Frankel, „sind
das die Wächter stivns? Diese am heiligen Grabe sich schlagenden
Christen, sind das die Hüter desselben. Einer erscheint nur achteniverth
hier der Mohammedaner, der glücklicherweise die Polizei rcpräsenlirl,
sie würden sich sonst untereinander erschlagen."
Die Zahl der Inden in Indien beträgt 14.000, davon
wohnen über 10.000 in Bombay. Es sind größtentheils
moderne Einwanderer, doch gibt es an der Westküste auch
zwei jüdische Colonien aus alter Zeit, die sogenannten
„schwarzen und weißen Juden."
Die jüdischen Arbeiter dcr Warschaner Bäckereien stellten
Samstag den 29. Juli, unzufrieden mit ihrem geringen
Lohne und ihrer langen Arbeitszeit die Arbeit ein. Es er¬
folgten einige Ausweisungen. Der Strike winde beigelegt.
822 Namciismagyarisiruiigen wurden im ersten Semester
1807 vorgenommen. Unter den Magyarisirten waren 175
Juden.