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Ar. 13.
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Maffaere.
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Bon Salo Deutsch.
Frühlingsabend. Mitten im Dorf stehen die Bauern
zuhause». Jeder der Männer hält was in der Faust, das
ein Zeichen seines Berufes sein kann: eine Heugabel, eine
Sense, einen Dreschflegel. Aber die Miene, mit der jeder-
lnann blickt, der Griff, mit dem er's packt, macht das Ge-
rnth zum Todeswerkzeug.
„Wisst's, Männer, da lasst sich amal nix mehr thun.
— Die Dirn is hin. Der Jud hat Ostern auf d' Wochen.
— Aber die Leich soll er herausgeben, daß die List a christ-
lichs Begräbnis kriegt!"
Das ist der Krämer, der so spricht; ganz ruhig uud
als wollte er beruhigen. Aber er kennt seine Leute.
„Die Leich' — die Leich' soll er herausgeben!" schreit
gleich d'raus alles wild durcheinander. „A christlich's Be¬
gräbnis soll die Dirn krieg'n!" Und ein Stein fliegt gegen
das Fenster des Juden.
Frau und Kinder zittern vor Angst lind Kälte tief
unten im Keller. Und der Mann zählt die Schläge, die
gegen die Thür seines Ladens dröhnen. Aber die gibt nicht
so schnell nach, das weiß er.
„Im Keller hat er die Leich' versteckt!" hört er da
die Stimme des Krämers wieder. „Sprengt's die Hinter¬
thür !"
Im Keller! Herrgott, das Weib und die Kinder!
Aber — wenn diese Leute plündern können, vergessen
sie vielleicht, weshalb sie da sind.
Er drückt ein Fenster ein und steckt den Kopf hinaus.
— „Hoho, der Jud', der Jud'!" brüllt's von allen Seiten.
Und da sie, eng gedrängt, ihn mit den Prügeln nicht er¬
reichen können, spucken sie ihm in's Gesicht.
„Ich mach' euch a>>f — aber ihr müßt meine Leute
in Ruh' lassen" —
„'S Maul halten, Jud, und die Thür mach' auf! Die
Leich' woll'n wir haben."
„Na, so sucht's euch sie halt!" knirscht er und öffnet.
Und die Bauern finden Schnaps.
Sie stoßen ihn zur Thür hinaus. Er muß nicht wissen,
was jeder raubt.
Vom Krämer bekommt er de» ersten Schlag. Er ivill
alle Schlüssel des Hauses haben. Alle. Und die Schläge
folgen ohne Zahl.
Da kommt ein Knecht aus dem nächsten Dorf und fragt,
was es gäbe.
„Die Lisl hat er um'bracht und jetzt will der Lump
nicht sagen, wo's versteckt is."
„Wo d' Lisl versteckt is? Na, bei unfern Großknecht
halt! Mein Bauer schickt mich zu ihr Vätern. Sie hat sich
bei uns verdungen. — Aber jetzt laßt's auch den Hascher
los!" Und der Bursch will grob werden.
„Ah geh", murrte der Krämer. „Misch dich net d'rei»,
wo's dich doch nix angeht. — Weißt, Toni — jetzt — wo
wir'n amal haben — schau — es is ja nur der Jud —"
„Ah so — es is nur der Jud?!" —--
II.
„Also, wie war denn der Alte diesnial?"
„Aber, der ist ja ganz darnieder — kaum mehr zu¬
rechnungsfähig — wenn man auf die Tochter zu sprechen
kommt. Die Hauptsache übrigens: Achtzigtausend will er
schon geben."
„Thut mir leid — Ich bin unter hundert nicht zu
haben. Und wenn wir ihn noch ein par Tage zappeln lassen
— — und was ist's mit dem Mädel?"
Ich Hab' sie hinter der Portiöre schluchzen gehört. Sie
hat offenbar gehorcht. Du, Otto, das Mädel muß dich aber
wirklich furchtbar gern haben!"
„Ja, das will ich meinen. Aus bloßem Vergnügen
pflegt man sich doch nicht in's Wasser zu stürzen. Und so
ein kleines Nervenfieber —"
„Ja, die Krankheit der Tochter hat die Eltern außer¬
ordentlich hergenoinmeu. Der Alte scheint auch mit seinen
Kräften zu Ende zu sein. Im Vertrauen: Ich glaube, daß
er dir thatsächlich sein Letztes gibt, wenn du aus den Hun¬
derttausend bestehst —"
„Gewiß besteh' ich d'raus! Ich werd' mich doch nicht
wegmerfen!"
„Aber ich bitte, renommir' doch nicht! Im übrigen:
Dieser Alte, den vor Aufregung der Schlag zil rühren
droht und seine Frau, die ewig die Hände ringt und ihn
bittet, uachzugeben, wenn er das Mädel am Leben erhalten
will — weißt du, mein Lieber, besorg' dir gefälligst solche
Geschäfte nächstens wieder selber —"
„Ja freilich! ich soll mich wohl von meinen p. t.
Schwiegereltern vor der Hochzeit noch fressen lasse» ! Da ist
übrigens der kleine Doctor! O nein, lieber Doctor, sie
stören gar nicht, es ist nur vom Heirate» die Rede!"
„Äh, ist's also doch wahr, daß sie sich in ein reiches
Mädchen verliebt haben — ?"
„Na — mein Gott — ich — mich — in sie verliebt!
Es wird wohl umgekehrt sein! Na, und der Alte macht
eben Schwierigkeiten mit dem Geld — aber Gott sei Dank,
ich Hab' ihn in der Hand —"
„So? hat das Mädel — hm — Dummheiten ge¬
macht?" —
„Ja, es mag schon so was sein. — Der Alte ist
übrigens Fabrikant. Vielleicht kennen sie die Firma, Körner
und Freundlich, Schuhwaaren."
„Ah gewiß! Einer der Chefs war ja heut bei uns;
der andere hat ihm die Gesellschaft gekündigt, weil er Bar¬
geld braucht. Und das soll natürlich ein Proceß werden."
„Ja, das Geld braucht der alte Körner, nämlich für
mich. Ich hätte nicht geglaubt, daß es so weit ist —"
„Ah, den Mann haben sie aber gehörig hergenommen,
lieber Otto! Der scheint wirklich ausgesangt zu sein bis auf
die Knochen. Aufrichtig gesagt, lieber Freund: Er bezahlt's
wirklich etwas theuer, daß sie die Gnade hatten, ihm das
Mädel zu ver —"
„Aber, Doctor! — Sparen Sie doch diese mitleidige
Regung ihres weichen Advocatenherzeus. Er wird's schon
verwinden. Der Mann ist ja ein Jud!"
„Ah so — ein Jud?!"---
III.
„Excellenz, ich habe mir erlaubt, der Facultät unter
der Hand andeuten zu lassen, daß man höhererseits die phi¬
losophische Lehrkanzel mit einer Persönlichkeit von zweifel¬
los geiuäßigter politischer Richtung besetzt zu sehen wünsche.
Das Professorencollegium schlägt puimo st unico loco den
Professor Dr. Ludwig Steiner vor."
„Steiner? Den Mann kenn' ich ja nicht!"
„Er ist Gymnasiallehrer, Excellenz!"
„Ja, Herr Hosrath, will uns die Facultät zum besten
halten? Wie wird der Vorschlag begründet?"
„Excellenz, der Mann hat ein grundlegendes Werk
über griechische Philosophie geschrieben —"
„Ja, ein Werk, das kein Mensch kennt —"
„Excellenz, der Mann ist eben Gymnasiallehrer. Er ist
dabei einer der gründlichsten Kenner der gesammten päda¬
gogischen Literatur, auch ei» praktischer Pädagoge von
Ruf
„Nun, und politisch"—?