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Nr. 14.
Congreß ins Leben rief. Die geschichtliche Bedeutung für
das Judenthuui selbst steht jetzt schon fest, und nur von
unserer Arbeit und frohen Hoffnung hängt es ab, ob der
Congreßgedanke auch für die Welt und die kommenden Ge¬
schlechter eine ähnliche Bedeutung haben wird. Wir hoffen
es, und fast scheint es, als ob auch in nichtjüdischen Kreisen
solche Ahnungen heimlich leben. Wenigstens hat die Basler
Presse mit auffallender Wärme und erfreulichem Ernste
den Congreß begrüßt und die Behörden bewiesen ein Ent¬
gegenkommen, für das wir ihnen aufrichtig dankbar sein
können. Jedenfalls vereinigt sich alles, um uns »och einmal
das stolze Wort von vorhin aussprechen zu lassen. Und wir
erklären laut und stolz: Es ist ein geschichtlicher Augen¬
blick, den wir hier in Basel verlebt haben.
Nach Sasel.
Von ernsten Gedanken bewegt, das Herz erfüllt von
freudigen Erwartungen, fahren wir nach Basel. Die Fahrt
ist eine hübsche Einführung in den Congreß. Es ist ein
Congreß im Eisenbahnwaggon, vom Zufall improvisirt, ein
Congreß en miniature. Gleich bei der Abfahrt lugten wir
nach Zionisten aus. Und schon hatten wir einen entdeckt.
Wir waren eine kleine Gesellschaft, als wir abreisten. Als
wir anlangten, waren wir eine recht stattliche Versammlung.
War das jedesmal eine Freude, wenn wir einen „Baseler"
herausgefunden und uns gegenseitig bekannt gemacht hatten!
Ein herzliches, brüderliches Händeschütteln und ein freudiges
Sich-Kennen-Lernen. Die meisten haben bereits von ein¬
ander gehört: von beiderseitigen Freunden oder aus unseren
Blättern. Der Zionismus macht sie in wenigen Minuten
so befreundet, als hätten sie einander durch Jahre gekannt.
Wovon wir sprachen? Wovon Zionisten immer sprechen,
wenn sie miteinander znsammenkoinmen. Das erste Wort
gilt natürlich de!» Congreß. Wir wollen einander nicht
einmal verrathen, mit welcher Spannung, mit wieviel Hoff¬
nungen wir ihm entgegensehen. Dann fliegt die Rede hin¬
über und herüber: Wie es da und dort um die Sache
steht, was man gethan hat und was man später thun
wird. Es gibt ja soviel zu erzählen. Man hört alle mög¬
lichen Sprachen. Doch mir verstehen uns. Alle Denn alle
Sprachen enthalten das gemeinsame Wort: „Zion". Die
Zeit verfliegt uns schnell, daß wir es kaum glauben
möchten. Draußen strahlt Alles im wunderbaren Glanz
der Abendsonne. Ueber der Alpenlandschaft liegt eine weihe¬
volle Stimmung. Etwas davon zieht ein in unsere Herzen.
So fahren wir dein Congreß entgegen. B. F.
Uor dem Goirgreß.
Ein Märchen! Ist es denn Wirklichkeit und kein
Traum! Seit Titus die erste Judenversammlung, keine
jüdische, sondern eine Versammlung der Juden. Diese
braven Schiveizer, die uns eine so prächtige Gastfreund¬
schaft gewähren, kennen die Freiheit, sie ist ihnen
nicht neu. Darum gehen sie im Bewußtsein ihres Glückes
ruhig und gemessen dahin, und eine stille Glückseligkeit und
anmuthige Beschaulichkeit spricht aus ihrem Wesen. Sie
sind freundlich und ihr Dialekt ist freundlich. Sie dehnen
das Wort ins Breite und damit ihre Mienen. Sie sind
keine Freiheitsprotzen, sonder» Freiheitsbürger. Und darum
können sie uns nicht ganz begreifen und staunen über die
fremden Zionisten mit den fremden Sprachen Sie stehen
auf den Gassen und stecken die Köpfe zusammen. Nicht
müßige Neugier unnützer Pflastertreter hält sie auf. Aber
die Ahnung großer Dinge, die da werden sollen, über-
konnnt sie, und aus ihren Gesichtern spricht die Neugier
des Kindes, das ein Märchen hört.
„Se woll worschili zum Congresse der Jude? Kimme
Se, isch werde Ena zeige?" Ich werde sanft gefaßt und
unter den musternden Blicken des Baseler Volkes ins
Congreßbureau geführt.
„Zionisten-Congreß" leuchtet es auf weißem Schilde
den Kommenden weithin entgegen und leuchtet hinaus in
die Welt. Ich danke meinem Begleiter und gehe hinauf.
Das Herz klopft etwas stürinischer — vielleicht sind die
Treppen daran schuld — und wir treten in die Stube.
Wir umarmen uns und küssen uns. Wir kennen uns noch
mcht. Oh doch, wir kennen uns schon, wir sind Brüder.
Und nachdem wir uns umarmt und geküßt, sagen wir uns
wie wir heißen. Und da mir die 'Namen erfahren, küssen
wir uns nochmals, denn sie sind uns bekannt. Freunde
und Genossen, die sich noch nicht gesehen, lernen sich per¬
sönlich kennen und schließen Freundschaft. Wie ein elektrischer
Funke springt es von Herz zu Herz und entzündet sie. So
leuchtete die erste Sonne über das Weltall und erfüllte und
erwärmte es bis in die tiefsten Winkel. Es ist merkwürdig,
wie stark die Jdeengemeinschaft ist und wie stark sie
»nacht. Auf einmal verstehen wir alle Sprachen. Aus dein
vieltönigen Gewirr der modernen Sprachen klingt nur ein
Ruf uns entgegen: Uvri onochi!
Die Uorconferenzen.
Schon am Mittwoch und Donnerstag fanden sich in
Basel die ersten Delegirlen ein. Alle lenkten ,.uerst ihre
Schritte zum Comitelokale, Freie Straße 17, das die Ba¬
seler Stadtvertretung den: Congresse ohne jedes Entgelt
bereitwilligst zur Verfügung gestellt Dort waltete das
Sekretariat bereits fleißig seines l{n { ^ Die Mitglieder
erhielten alle erwünschten Auskünfte, besonders in Woh¬
nungsangelegenheiten. Hier erledigten ^ lhre Korrespon¬
denz, hier nahmen sie ihre Briefe in Empfang. Die Dele-
girten und Mitglieder trugen ihre Namen in eine Liste ein,
die immer mehr anschwoll. Am Donnerstag war bereits das
Hundert erreicht Die ersten unter den Erschienenen waren
Sachs (Dünaburg), Rechtsanwalt Adam Rosenberg (New-
-Bork) und Kaufmann Groß (Jaffa), Rüben Brainin und
Dr. Birn ba» m (Berlin), Pin eles und Dr. Lippe
(Rumänien), Stboocnt Dr. Selig in a n n (Stokholm) zahl¬
reiche russische Delegirte aus Bialrfftok, Kischinew, Char¬
kow, ^^Brest, Pultawa, Krementschuk, Pinsk, Marinpoe,
Josefka, Warschau, u. A. Auch die große Nachfrage nach
Theilnehmerkarten gab dem Secretariat viel zu schaffen.
Die Ankunft unseres wackeren Freundes, Rev. Hechler
aus Wien, bot eine angenehme Ueberraschung.
Am Freitag begann die auf speciell geladene Congreß-
mitglieder beschränkte Vorconferenz ihre Thätigkeit. Ihre
Ausgabe war, die Erledigung verschiedener Förmlichkeiten,
eine allgemeine Erörterung der aus die Tagesordnung ge¬
stellten Fragen im engeren Kreise, sowie die Schaffung einer
festen Basis für die Discuffion. Die Sitzungen wurden
über allgemeines Verlangen von Dr. H e r z l geleitet.
Während sich sonst alles glatt erledigte, bot der Punkt
2. (Programm) einige Schwierigkeiten. Man war sich da¬
rüber klar, daß, nachdem sich die beiden Referenten lediglich
auf die Begründung der zionistischen Idee beschränkt hatten,
auch ein zionistisches Programm dem Congreß zur An¬
nahme unterbreitet werden müsse. Der Congreß sollte einen
fertigen Entwurf vorfinden.
Dr. La nd au —R os en berg stellten einen Antrag,
zum Zwecke der Ausarbeitung dieses Entwurfes eiy.e.Com-
mission aus 5 Mitgliedern zu ernennen. Nach längerer
Discuffion wurde dieser Antrag angenommeir, doch mit der
Modisication, daß die Commission aus 7 Mitgliedern zu
bestehen habe. In die Commission wurden gewählt: Dr.
Birnbaum, Dr. Bodenheim er, Dr. Mintz, Prof.
Dr. Schapira, Rosenberg, Dr. Landau und vor
Allen Dr. Max Nord au, der aus der Normandie einge¬
langt mar. Die Commission schritt unter dem Vorsitze Dr.
Nordaus sofort an die Arbeit.
In zwei Sitzungen wurden die bekannten zionistischen
Grundsätze in ein Programm zusammengefaßt. Das Plenum
hat darüber zu entscheiden. Aber die Commission, in der
die verschiedenen Schattirungen vertreten waren, hat durch