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Organisation ist der Beweis des Vernünftigen in einer
Bewegung. Hier ist aber ein Punkt, der nich? deutlich und
energisch genug herausgearbeitet werden kann. Wir Zio¬
nisten wünschen zur Lösung der Judenfrage nicht etwa einen
internationalen Verein, sondern nur die internationale Dis¬
kussion. Der Unterschied ist für uns von der höchsten Wich¬
tigkeit, wie ich Ihnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche.
Dieser Unterschied legitimirt auch die Einberufung unseres
Congreßes. Es kann sich bei uns nicht um Bündeleien,
geheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern
nur uni eine freimüthige Erörterung unter der beständigen und
vollständigen Controle der öffentlichen Meinung. Es wird
einer der nächsten, schon jetzt in großen Umrissen wahr¬
nehmbaren Erfolge unserer Bewegung sein, daß wir die
Judensrage in die Zionsfrage umwandeln werden.
Eine so große Volksbewegung muß von vielen Seiten
angepackt werden. Der Congreß wird sich daher auch mit den
geistigen Mitteln zur Wiederbelebung und Pflege des jü¬
dischen Nationalbewußtseins beschäftigen. Auch auf diesem
Punkte Haben wir mit Mißverständnissen zu kämpfen. Wir
denken nicht daran, auch nur eines Fußes Breite von er¬
worbener Cultur auszugeben, sondern denken an ein weiteres
Vertiefen der Cultur, wie es jedes Wissen bedeutet.
Uebrigens ließ das geistige Leben der Juden von jeher
bekanntlich weniger zu wünschen übrig, als das ihrer kör¬
perlichen Bethätigung. Dies haben die praktischen Vorläufer
des jetzigen Zionismus eingesehen, als sie anfingen, einen
jüdischen Ackerbau hervorzurufen. Von diesen Colonisations-
versuchen in Palästina und Argentinien können und werden
wir Alle nie anders als mit aufrichtiger Dankbarkeit
sprechen. Aber sie waren nur das erste, sie sind nicht das
letzte W ort der zionistischen Bewegung. Diese muß größer
sein, wenn sie überhaupt sein soll. Ein Volk kann sich nur
selbst helfen; kann es das nicht, so ist ihm eben nicht zu
helfen. Wir Zionisten wollen aber das Volk zur Selbsthilfe
anregen. Dabei sollen keine verfrühten, ungesunden Hoff¬
nungen erweckt werden. Auch aus diesem Grunde ist eine
Oeffentlichkeit der Behandlung, wie sie unser Congreß be¬
zweckt, von hohem Werth. Wer die Sache ruhig bedenkt,
wird sich doch sagen müssen, daß der Zionismus auf andere
Weise, als durch eine rückhaltlose Auseinandersetzung mit
den betheiligten, politischen Factoren sein Ziel nicht erreichen
kann. Die Schwierigkeiten der Colonisationsbefugniß wurden
bekanntlich nicht erst durch den Zionismus in seiner gegen¬
wärtigen Gestalt geschaffen. Man muß sich fragen, welches
Interesse die Erzähler solcher Märchen denn eigentlich haben.
Das Vertrauen der Regierung, mit der man über eine An¬
siedelung jüdischer Volksmassen im großen Maßstabe ver¬
handeln will, läßt sich nur durch eine offene Sprache, durch
ein loyales Vorgehen erreichen. Die Vortheile, die ein
ganzes Volk als Gegenleistung 3x1 bieten vermag, sind so
bedeutend, daß die Unterhandlungen von vorneherein mit
genügendem Ernst ausgestattet sind. In welcher rechtlichen
Form die Einigung schließlich stattfinden soll, darüber
heute viel zu reden, wäre ein niüßiges Beginnen. Nur das
Eine ist unverbrüchlich festzuhalten: die Basis kann nur
ein Zustand des Rechtes mit) nicht der Duldung sein. Mit
der Toleranz und dem Schutzjudenthum auf Widerruf haben
wir nachgerade genug Erfahrungen gemacht.
Unsere Bewegung hat folglich nur dann einen ver¬
nünftigen Zug, wenn sie öffentlich rechtliche Bürgschaften
anstrebt. Die bisherige Colonisation hat das erreicht, was
sie nach ihrer Anlage erreichen konnte Sie hat die viel¬
bestrittene Tauglichkeit der Inden zur Landarbeit erhärtet.
Sie hat diesen Beweis, wie es in der Rechtssprache heißt,
zum ewigen Gedächtniß erbracht. Aber die Lösung der Jnden-
frage ist sie nicht und kann sie in der bisherigen Form
nicht sein. Sie hat auch, gestehen wir es uns offen, einen
bedeutenden Anklang nicht gefunden. Warum? Weil die
Juden rechnen können, es wird ja sogar behauptet, daß sie
es zu gut können. Wenn wir nun annehmen, daß es neun
Millionen Juden gibt und daß es der Colonisation gelänge,
jährlich zehntausend Personen in Palästina anzusiedeln, so
würde die Lösung der Judensrage neunhundert Jahre in
Anspruch nehnien. Das sieht unpraktisch aus.
Nun wissen Sie aber, daß die Ziffer von zehntausend
Ansiedlern jährlich geradezu phantastisch ist, unter den
jetzigen Verhältnissen nämlich. Die türkische Regierung würde
bei einer solchen Ziffer sofort die alten Einwanderungs¬
verbote auffrischen — und das wäre uns gerade recht.
Denn wer da glaubt, daß die Juden sich in das Land der
Väter gleichsam einschmuggeln könnten, der täuscht sich oder
täuscht Andere. Nirgends wird das Auftauchen von Juden
so schnell signalisirt, wie in der historischen Heimat des
Volkes, eben weil es die historische Heimat ist. Und es
wäre auch gar nicht in unserem Interesse gelegen, verfrüht
dahin zu gehen. Die Einwanderung der Juden bedeutet
einen Krästezufluß von unverhoffter Fülle für das jetzt
arme Land, ja für das ganze osmanische Reich. Seine
Majestät der Sultan hat übrigens mit seinen jüdischen
Unterthanen nur die besten Erfahrungen gemacht, gleichwie
auch er ihnen ein gütiger Souverän ist. Es liegen also
Bedingungen vor, die bei einer klugen und glücklichen Be¬
handlung der ganzen Sache zum Ziele führen können. Die
financielle Hilfe, welche die Juden der Türkei bieten können,
ist nicht unbeträchtlich und würde zur Beseitigung manches
inneren Uebels dienen, an dem dieses Land jetzt leidet.
Wenn ein Stück Orientfrage mit der Judenfrage zugleich
gelöst wird, so ist dies gewiß im Interesse aller Cultur-
völker. Die Ansiedelung der Juden wäre wohl auch eine
Besserung der Lage der Christen im Orient.
Aber nicht nur von dieser Seite her darf der Zio¬
nismus auf die Sympathien der Völker rechnen. Sie wissen,
daß der Judenstreit in manchen Ländern zur Calamität
für die Regierung geworden ist. • Ergreift man für die Juden
Partei, so hat man die aufgewühlten Massen gegen sich.
Ergreift nian gegen die Juden Partei, so hat dies beim
eigenthümlichen Einfluß der Juden auf den Weltverkehr
oft schwere wirthschaftliche Folgen. Es gibt ja dafür genug
Beispiele. Verhält sich endlich die Regierung neutral,
so sehen sich die Juden ohne Schutz in der bestehenden
Ordnung und flüchten in den Umsturz. Der Zionismus,
die Selbsthilfe der Juden, eröffnet nun den Ausweg aus
diesen mannigfachen und sonderbaren Schwierigkeiten. Der
Zionismus ist einfach der Friedensstifter. Es geht^ ihm
freilich dabei, wie Friedensstiftern gewöhlich: er muß sich
am Meisten herumschlagen. Nur wenn unter den mehr oder
minder ehrlichen Argumenten gegen unsere Bewegung auch
das vorkommt, daß man uns des Mangels an Patriotismus
zeihen werde, so richtet sich dieser verdächtige Einwurf von
selbst. Von einem vollständigen Auszug der Juden kann
wohl nirgends die Rede sein. Die sich assimiliren können
oder wollen, bleiben zurück und werden resorbirt. Wenn
nach einem gehörigen Abkommen mit den betheiligten,
politischen Factoren die Judenwanderung in aller Ordnung
beginnt, so wird sie für jedes Land doch nur so lange
dauern, als dieses Juden abgeben will. Wie der Abfluß
zum Stillstände kommen soll? Einfach durch das allmählige
Abschwellen und endliche Aufhören des Antisemitisnms. So
verstehen, so erwarten wir die Lösung der Judenfrage.
DaS Alles haben nieine Freunde und ich oft gesagt.
Wir wollen uns die Mühe nicht verdrießen lassen, es
immer und immer wieder zu sagen, bis man uns versteht.
Bei dieser feierlichen Gelegenheit, wo sich Juden aus so
vielen Ländern zusammen gefunden haben, auf einen Ruf,
auf den alten Ruf der Nation, heute sei. unser Bekenntniß
feierlich wiederholt. Muß uns nicht eine Ahnung großen
Geschehens überfliegen, wenn wir denken, daß in diesem
Augenblick die Hoffnungen und Erwartungen von vielen
Hunderttausenden unseres Volkes auf unserer Versammlung
ruhen. Nach fernen Ländern, ja über das Weltmeer wird
in der nächsten Stunde die Nachricht von unseren Be¬
rathungen und Beschlüssen eilen.
Darum soll Aufklärung und Beruhigung von diesem
Congreß ausgehen. Ueberall soll man erfahren, was der
Zionismus, den man für eine Art von chiliastischem