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Nr. 14.
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Diejenigen unserer Leser, deren Abonnement Ende
August ablief, werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie
die nächste Nummer nicht mehr zugeschickt erhalten, wenn
bis zu deren Erscheinen der Betrag für die Erneuerung
des Abonnements nicht in unseren Händen ist.
Die Administration.
Von W. Okonski. Deutsch von F. Landesberge r.
3 . Fortsetzung.)
Du würdest Dich, lieber Leser, in einem großen Jrr-
rhnm befinden, wenn Dn glaubtest, daß Chava, in Folge
dieser Begegnung an die Zufälle dachte, welche das Schicksal
der Korrespondenz beeinflussen wird; nicht im Mindesten,
sie sagte sich nur, wie glücklich dieser Franek sei, der Briefe
austragen darf und in Polanowka einen Rubel für den
Weg bekommt. . . .
Als sie das Licht im Fenster ihres Hauses erblickte,
durchströmte ein angenehmes Gefühl ihren Leib. Lange schon
u>ar sie nicht mit einem so reichlichen Verdienste heimgekehrt,
seit Langem konnte sie kein solches Festmahl ausrichten. Sie
freute sich besonders, daß der zehnmonatliche Jcek, der den
ganzen Tag nur Kartoffeln befallt, endlich eine seinem Alter
entsprechendere Nahrung erhalten werde. Um die Zeit nicht
zu verlieren lies sie sofort auf den Markt, kaufte ein halbes
Pfund Mehl, für drei Groschen Butter, einen Viertelliter
Milch und eine Feige. Von Weitem schon hörte sie das
Weinen ihrer Kinder. Eine einer anderen Lebenssphäre an-
gehörende Mutier würde entsetzt geglaubt haben, daß sich
in ihrer Familie ein Unglück ereignet habe. Chava aber
wußte, daß es blos der Chorgesang von vier hungrigen
Mägen sei.
„Na, still, still mein Kleines", ries sie in's Zimmer
stürzend; die beiden Jungen schluchzten in den Winkeln, das
Mädchen bemühte sich, den am lautesten schreienden Jcek zu
beruhigen.
Chava küßte ihn, steckte ihm die Feige in den Mund,
unter die Anderen vertheilte sie den Rest des Placek's und
die Ruhe kehrte wieder.
„Wo ist der Vater?" frag sie die älteste Tochter.
„Er traut den Schmul und wird bei der Hochzeit
bleiben."
„Hat er nichts gekocht?"
„Er hat selbst nichts gegessen "
bloch war keine Stunde vergangen, als sich die rührige
Chava bereits mit ihren Kindern zum Festmahl setzte, —
cv gab Erdüpselnockerln für die Anderen mir Butter begossen,,
für Jcek in Milch gekocht. Nockerln bildeten die Haupt-
deticatcsfe des Mahles in dieser Wirthschast, wo das täg¬
liche Budget von kb Groschen, keinen Luxus gestattete.
Kartoffeln, Hirse, Birnen waren die Hauptnahrungsmittel
der Famile Rubin.
Ten wonnigen Schlaf Chava's in jener Nacht, ver¬
mag ich nicht zu schildern. Es war der Schlaf eines Glück¬
lichen, der das große Los gezogen, eines Bettlers, der einen
Sack voll Geldes gefunden, oder der Wölfin, die eine
ganze Ochsenkeule in der Nähe ihrer Höhle vergraben
hatte.
„Wo schleppst Dn Dich herum", brummte Symche am
nächsten Tage: „Du hast keine Kinder, Du hast keinen
Mann, Du gehst spazieren? Hast Du was verdient?"
Chava schwieg; ihr bangte für ihren Reichthum, hegte
doch ihr Mann schon seit drei Jahren den heißen Wunsch
sich einen neuen Kaftan zu kaufen, ohne den er angeblich
seine Hausherrenwürde nicht länger repräsentiren konnte:
auch sein Lieblingsplan, die Renovirung seines Hauses,
flößte ihr Angst ein.
„Du bist eine Gnädige", redete er weiter: „Du kaufst
Störe für Dich. Was wird mit der Hälfte sein, wer
wird sie nehmen?"
„Ich werde sie verkaufen" fertigte ihn Chava kurz ab,
nahm den Rest des Fisches und ging. Wohin? Sie war
ja schon gestern in allen Häusern gewesen; an die Ereignisse
des gestrigen Tages zurückdenkend, erinnerte sie sich an den
Vorfall mit Franek und dabei fiel ihr das Postamt ein.
Herr Chrzastkiewicz ließ zwar seine Frau den Hausgebrauch
von seinem Credit bestreiten, auch zahlte er seine Schulden
für gewöhnlich nicht, aber wenn er gerade bei Cassa war,
besonders wenn irgend eine Bäuerin ihrem beim Militär
dienenden Manne Geld sandte, kargte der Herr Posthalter
nicht mit dem Gelde und zahlte baar. Chava fürchtete sich
zwar vor Franek, aber dann dachte sie, daß Franek in
Gegenwart des Posthallers ein ganz Anderer sei, als wenn
er allein nach Pulaw fahre. So ging sie denn hin.
Das Postamt lag auf einer Anhöhe und iveim der
Passagier in die Kissen der Extrapost gelehnt rasch'den
Berg herabsanste, so konnte er sich dem Wahne hingeben,
die elenden Klepper seien plötzlich zu feuerigen Rennern ge¬
worden. Schon am Fuße des Berges horte Chava die
donnernde, fluchende Stimme des Posthalters. Es war
nicht gerathen in einem solchen Moment mit dem Stör
daherzukommen, aber nicht zu erfahren, um was es sich
handle, war — unangenehm. Chava verkroch sich in's Ge¬
büsch, und begann so den Berg hinauf zu klettern. Bei
jedem Schritt vernahm sie die Ursache des Schreiens
genauer.
„Ich werd' Dich in Ketten legen lassen", schrie Chrzast-
kiewicz: „Verbrecher, wo hast Tn die zwei Briefe hin-
gethan? Warum ist der hier ausgeschnitten? Wo hast Du
Dich die ganze Nacht Herumgetrieben? Glaubst Du, elender
Hallunke, daß ich für Dich die Verantwortung tragen
werde? Du wirst im Cuminal verfaulen, wirst die Sonne
nicht mehr sehen, ja, verfaulen Tn Hund". . . . Schallende
Schläge fielen, denen entsetzliches Gebrüll folgte, gleich
darauf flog ein schwerer Köper knapp an Chava vorbei.
Es war Franek, welcher auf diese etwas gewaltsame Weise
dem Postmeister entkommen war.
„Ach, der Dieb", rief Chrzastkiewicz keuchend, als er
Chava bemerkte, „ich werd' ihn noch erwischen". . . .
„Was hat er denn angestellt?" frug Chava ängstlich.
„Die Post hat er bestohlen, die Briefe hat er auf¬
geschnitten, verloren, oder vernichtet. Oh! das schenk' ich
ihm nicht", schrie Chrzastkiewicz und schlug mit dem Stock
auf die Erde. „Gregor! Geh' in die Stadt, und bring'
mir ein Buch Papier, gleich schreib' ich den Rapport."
Während Gregor um Papier in die Stadt lief, und
sein Herr, um über den Rapport nachzndenken, sich in die
Kanzlei zurückzog, begab sich Chava in die Küche. Die
durch den Vorfall erregte Postmeisterin konnte erst von
nichts Anderem rede», als von dem Diebstahl, dann aber
ging sie ans Chava's Vorschlag ein.
„Ich würde es schon gerne kaufen, wenn mir Fercio
Geld gäbe. Aber ich zweifle daran, dieser Gauner hat die
Post beraubt, vielleicht war auch für uns etwas dabei, so
ein Verlust. ..."
„Er hat geraubt", tröstete Chava, „wird er dafür ein¬
gesperrt werden, Nu, eine Kränkung ist es, aber ist denn
die Herrschast daran schuld?"
„Wie viel Pfund wiegt der Fisch?"
„Fünfundzwanzig, oder noch mehr. Ich werd's nicht
theuer rechnen. -
In diesem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen,
und Chrzastkiewicz stürzte herein.
tFortsepung folgt.)
Herausgeber: gtafdianfi*. Verantwortlicher Nedacteur: Dr. S. R Karrdair. Druck von Franz Schüler, Wien-Döbling.