Page
Nr. S
„Die A Welt 4 *
Seite 1&
seiner Geliebten mit dem Duft von gekochten, noch warmen,
geschälten, süßen Mandeln, Salomo mit Aepfelduft, Altenberg
denkt au - sonnige Berggipfel, Salomo an den Gipfel des
Palmbaumes. Außerdem will ich noch verrathen, dass die
„Primitive" gerne Roquefort-Käse, Branzin und Aspik isst, die
schöne Schulamit aber süße Früchte. Ueberhaupt hat Alten¬
berg alles, was sich in der Speisekarte der Gasthäuser an
Fremdwörtern findet, sorgfältig gesammelt und in seine Poesien
verwebt. Das ist eine Errungenschaft, die er vor dem
biblischen Sänger voraus hat.
Er hat, wie alle modernen jüdischen Lyriker, auf die
stärksten Wirkungen freiwillig verzichtet, indem er sich von dem
National-Bolksthümlichen entfernte, dem einzigen Hintergründe,
der den Werken eines Dichters Kraft und Farbe verleiht. In
dieser Beziehung ist Altenberg ein. elastisches Beispiel für
viele. — —
Alle echt dentschen Lieder sind auf das Engste ver¬
knüpft mit den Schönheiten des germanischen Bolkscharakters.,
Das germanische Lied singt von der Treue der hehren Helden,
vom Sausen der Baumriesen des deutschen Waldes und von
dem sanften Ernste der deutschen Frau. So ist's bei allen
Völkern, bei den slavischen und romanischen, bei dem kleinen
Magyarenvolke mit seinen charakteristischen Poesien und bei den
skandinavischen Völkern. Sogar das kleine Island hat seine
eigenen Dichter und singt von dem starken Nordwinter, der
dem Lenz nicht entflieht und sich nur auf die Berge zurückzieht.
Wenn aber der Jude von heute von seinem herrlichen Gotte
oder von seinen herrlichen Frauen sprechen will, so verkleidet
er erst sich selbst, dann seinen Gott und seine Geliebte als
Christen.
W
Die Goldschilds.
Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts
von Friedrich Fürst Wrede.
(37. Fortsetzung.)
Dieser fast wunderbare Umschwung der Dinge hatte sich
auf die einfachste und natürlichste Art vollzogen.
Die Arbeitercolonie des Goldschild'schen Besitzes lag noch
im Seelsorgersprengel der Pfarre Siegling. Eine dienstliche
Angelegenheit hatte den Geistlichen in die byzantinische Billa
geführt, wo Baron Jsak gerade seinem Enkel einen Besuch
abstattete.
Der kleine Jonathan hatte für die Sache, die den
Geistlichen hergeführt, Interesse gefasst und ihn gebeten, ihm
über ihren weiteren Verlauf zu berichten.
So war dem ersten Besuche ein zweiter und diesem
wieder viele andere gefolgt.
Seitdem Dr. David das Paramentengeschäft gemieden,
waren sich Oheim und Neffe nicht wieder begegnet.
Aber obgleich der Zeitraum der Trennung erst einige
Wochen gedauert, standen sich die zwei Männer heute ganz
entfremdet gegenüber.
Die Schuld lag freilich auf Seite des alten Arztes.
Dieser hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, in Josef den
Zerstörer des guten Einvernehmens mit dem Karl-Raphael'schen
Ehepaare zu sehen und war ihm mit derart schneidender
Bitterkeit begegnet, dass der Priester selbst wider seinen
Willen eine feindselige Stellung hatte einnehmen müssen.
Die letzten Wochen, in denen die beiden Parteien nichts
von einander gehört schienen dieses Verhältnis nicht nur nicht
gemildert, sondern vielmehr auf die Spitze getrieben zu haben.
Denn wie sie sich jetzt unvermuthet an- Jonathans Bahre
begegneten, maßen sie sich mit so feindseligen Blicken, dass der
Ausbruch eines Streites unvermeidlich schien.
Indessen legte die Gegenwart des Kranken den erhitzten
Gemüthern einen wohlthätigett Zwang aüf. Sie begnügten sich
damit, gegenseitig, einander so wenig Beachtung als möglich zu
schenken. Nach einer' Viertelstunde machte der Pfarrer der
peinlichen Lage ein Ende und rüstete zum Aufbruch.
Kaum dass sich die Thüre hinter ihm geschlossen hatte,
platzte Dr. David unmuthig heraus: „Du — Jonathan —
was sucht dem der Schwarze eigentlich hier?"
Aber der sieche Knabe gieng auf den angeschlagenen
spöttischen Ton nicht ein.
Mit der wohlthuenden, warmen Begeisterung der Jugend
erzählte er, wie gut und sanft der Pfarrer von Siegling sei
und wie er trotz der schier erdrückenden Last seiner Berufs-
geschäfte noch immer Zeit finde, fast täglich ein Stündchen
dem Kranken das „Festungsspiel" zu lehren.
„So, so — das Festungsspiel lehrt Dich der fromme
Herr !" meinte Dr. David sarkastisch. „Das ist allerdings ein
hübsches Vergnügen!" Und im Gedanken fügte er hinzu: „Na
warte — Hochwürdiger ----- den Spass werde ich Dir gründlich
verderben!" Denn dass es Pfarrer Goldschild auf nichts
Geringeres als auf die Seele des kranken reichen Erben
abgesehen hatte, war dem schlauen Greise sofort klar.
Schon im Laufe des Abends erkannte er, dass der Priester
seine Zeit gut benützt hatte. Manche Frage aus dem Munde
des klugen Kindes verrieth, wie, während die kleinen Soldaten
auf dem papierenen Schlachtfelde ihre Manöver ausgeführt,
der Same der christlichen Lehre in das junge Herz des
Feldherrn gesäet worden war.
Dr. David dagegen waren die Hände gebunden.
Was sollte er dem dreizehnjährigen, siechen Jonathan auf
sein Forschen erwidern?
Sollte er etwa diesem Kinde mit kalten, ätzenden Worten
die Lehre des atheistischen Materialismus verkünden?
Diesem Siechem — dem weder die Wissenschaft, noch die
Bildung des Geistes Ersatz für die blauen Träume zu bieten
vermochte!
Durfte er die Verantwortung auf sich nehmen, einem
Sterbenden den winkenden Himmel zu entgöttern und den Tod
zu ernüchtern?
Nicht nur das banale Mitleid, auch die Ehrfurcht, die
jeder sittliche Mensch den gewaltigen, weltbewegenden Ideen
zollt, hinderten den Arzt an solchem Beginnen.
Aber der alte Priesterhass spornte David mächtig an,
dem Pfarrer seine Beute abzujagen.
Auch sah er klar, wie im gleichen Maße, als Josefs
Einfluss auf Jonathan erstarken, der eigene schwinden würde.
Wozu dies führen musste, war leicht ersichtlich. Derselbe
Vorgang, der sich in den ersten Wochen nach Josefs Eintreffen
im Paramentengeschäfte abgespielt, drohte sich auch hier zu
wiederholen. Gleichwie das warme Plätzchen in der Mariahilfer-
straße dem alten Arzte durch das maßlose Agitieren des
Geistlichen verleidet worden war, würde sich bald auch in der
byzantinischen Billa auf dem Kahlenberge kein Stuhl mehr für
ihn finden.
Aber hier wollte sich Dr. David doch zur Wehre setzen.
In diesem Hanse hatte er zum mindesten ein ebensogutes,
wenn kein besseres Recht zu sitzen, als der herrschsüchtige Pfarrer
von Siegling.
Es galt, seinem bestrickenden Einflüsse von allem Anfänge
au energisch entgegenzuarbeiten.
In einem erregten Augenblicke hatte David Dr. Geist
gegenüber seinem erbitterten Herzen Luft gemacht. Der junge
College hatte nur die Achseln gezuckt und den Rath ertheilt, dem
Einflüsse des Geistlichen den des Rabbiners entgegenzustellen.
Dr. David war so ergrimmt, dass er diesen Plan
ernstlich überlegte.
Zuletzt beschloss er jedoch, den Kampf lieber allein auf-
zunehmeu.
Selbst den Beistand Geists wies er ab.
Von einer Bertheidigung theologischer Sätze konnte bei
der großen Jugend des Knaben natürlich keine Rede sein. Es
kam vielmehr nur darauf an, der kindlichen Phantasie des
Kranken Nahrung und Beschäftigung zuzuführen, um sie gegen
die verlockenden Bilder der christlichen Lehre widerstandsfähig
zu gestalten. Der Aufgabe fühlte er sich gewachsen!