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„Die ^ Welt“
Nr. 8
Ohne zu zögern, gierig Dr. David Goldschild ans Werk.
Hatte er bisher dem Knaben durch Erzählung der
deutschen Heldensagen, der römischen und griechischen Kriegs-
thaten manche Stunde vertrieben, so kramte er jetzt alle die
alten, fast iu seinem Gedächtnisse verblassten Legenden aus,
die die welken Lippen der Apseljüdin einst ihren Jüngelchen in
Chiesch erzählten.
Von der Trauer, die der Abfall des reichen Vesons vor
-vielen Jahrhunderten der Pariser Gemeinde verursacht, von den
Königen Jzates und Monobaz, von den Leiden der Marranen
und nicht zum mindesten von jenem merkwürdigen Don Joseph
Nassi, der es vom einfachen Kaufmanne zum Herzog von Naxos
gebracht, wusste der greise Tr. David gar viel Wissenswertes
zu berichten.
Pfarrer Josef hatte es — sei es nun absichtlich oder
zufällig — unterlassen, den kleinen Jonathan über das nahe
verwandtschaftliche Band, das sie verknüpfte, aufzuklären, und
der Arzt war mit dieser Anordnung völlig einverstanden, da
eine Aufklärung des gespannten, feindlichen Verhältnisses
zwischen Jsak und Karl-Raphael nur schwer zu geben gewesen
wäre, ohne den Großvater dem Enkel gegenüber bloßzustellen.^
Stillschweigend kam man daher überein, dass der Geistliche
nach wie vor für Jonathan nur der Pfarrer von Siegling
und ein zufälliger Namensvetter bleiben solle.
Dieser Umstand gestaltete aber den Kampf, der nun in
der prunkvollen byzantinischen Villa zwischen David und
Josef Goldschild um die Seele des jüngsten Goldschild
entflammte, nur umso leidenschaftlicher und erbitterter.
VIII.
Der Herbst zog ins Land.
Dem Kalender nach wäre es längst an der Zeit gewesen,
das städtische Quartier zu beziehen. Aber der kleine Jonathan
bestand darauf, noch in der Billa zu bleiben, und da die Ruhe
des Landlebens dem Leidenden wirklich wohl that, fügte sich
Dr. David diesem Wunsche.
Es war dies allerdings kein geringes Opfer, das der alte Arzt
brachte. Denn obgleich die schnellen Pferde aus dem Goldschild-
schen Marstalle David zur Verfügung standen, bedeutete der
tägliche Besuch auf dem Kahlenberge immerhin für den viel¬
beschäftigten Mann einen großen Zeitverlust.
Dann wurde er den quälenden Gedanken nicht los, dass
Jonathans Neigung für den Landaufenthalt der immer
erstarkende Einfluss des Pfarrers von Siegling zugrunde liege.
Der Monat November brachte der Billa Goldschild einen
neuen, unerwarteten, ständigen Bewohner.
Und das war niemand geringerer, als Jonathans Vater
— Baron Moritz.
Die Veranlassung, die den Sohn Jsaks bewog, das
prächtige, byzantinische Asyl aufzusuchen, war allerdings gar
traurig und unfreiwillig.
Schon im Laufe des Sommers hatte der Charakter
des dicken, gutmüthige". Herrn eine ganz schlimme Wandlung
gezeigt. Eine ungewöhliche Erregtheit und Reizbarkeit stellte
sich ein, die sich anfangs iu heftigen Zornesausbrüchen der Diener¬
schaft gegenüber entlud.
Lange Zeit ließ sich die Sache geheimhalten. Als aber
Baron Jsak wieder einmal aus Paris in Wien eingetroffen war
und seiner Gewohnheit gemäß den Erben mit jener verletzenden
Geringschätzung behandelte, war es plötzlich zwischen Vater und
Sohn zu einem furchtbaren Auftritte gekommen. ;
Der Unterdrückte hatte sich jetzt gegen seinen hochmüthigen
Peiniger empört und diesen, das gezückte Messer in der Hand,
verfolgt, so dass Baron Jsak laut um Hilfe schreiend durch die
Prunkgemächer des Palastes hatte fliehen und sich schließlich in
dem kleinsten Raume seiner Wohnung verrammeln müssen.
Nilr mit Mühe war es gelungen, den Erbosten zu entwaffnen
und zu beruhigen.
Dieser Auftritt hatte auf Baron Jsak einen tiefen Ein¬
druck gemacht. Sich im eigenen Hause nicht mehr sicher
fühlend, war er auf der Stelle in ein Hotel gezogen und hatte
ein Consilium der bedeutendsten Aerzte berufen, um den Geistes¬
zustand seines ungerathenen Sohnes prüfen zu lassen.
Das Urtheil der weisen Herren bestätigte das, was sich
das Gesinde seit geraumer Zeit zuraunte.
Alle Anzeichen eines beginnenden Gehirnleidens ließen
sich an dem. beklagenswerten Baron Moritz feststellen.
Man brachte den Kranken schleunigst in eine nahe
Wasserheilanstalt.
Aber alle Hilfe erwies sich vergebens.
Das unheimliche Leiden machte so reißende Fortschritte,
dass die Aerzte bald die Hände in den Schoß legten und den
Zerstörungsprocesse ruhig seinen Lauf nehmen lassen mussten.
Da keine erneuerten Wuthausbrüche zu befürchten waren,
überführte man den ganz kindisch gewordenen Mann in die Villa
auf dem Kahlenberge.
Als er dort eintraf, hatte das Leiden bereits einen so
hohen Grad erreicht, dass er die Herrschaft über die Füße fast
gänzlich einbüßte. Das geringste Steinchen auf der Straße
vermochte den Unglückseligen zum Falle zu bringen.
Da leisteten denn die ebenen, gepflasterten Wege des
Parkes vortreffliche Dienste.
Ein schauerliches Familienleben entwickelte sich nun in
der byzantinischen Villa Jsak Goldschilds.
In sonnigen Nachmittagsstunden konnte man die Bahre
Jonathans von betressten Dienern durch den Garten tragen
sehen, während die unförmliche, iu auffallende Stoffe gekleidete
Gestalt des Baron Moritz, durch den Arm eines Wärters ge¬
stützt, in einiger Entfernung folgte.
(Fortsetzung folgt.)
Drikflmste» ta iUitartian.
Jüdischer Lesezirkel, Bielitz. Herzlichen Dank und
freundliche Grüße.
M. K., Wien ll. Nicht der Rede wert. Wenn Sie es
sich etwas kosten lassen wollen, schreiben diese Leute genau das
Entgegengesetzte.
Fr, Kolonien. Dem Gönnte übergeben.
Ziorristin, Wien. Solche Empfehlungen geben wir
prineipiell nicht.
Bialystoker Freunde. Besten Dank und herzlichen Glück¬
wunsch zur Constituierung.
Heidelberger Zionisten und Gäste: Herzlichen Dank
und Gruß.
N. Ch., Wien. Was hinter diesem Artikel steckt, dem Sie
die unverdiente Ehre einer Polemik widmen, wissen wir nicht.
Aber die Banken als Wohlthäter hinzustellen, ist jedenfalls nicht
ganz richtig.
Freunde in Neckarsteinach. Herzlichen Dank und Gruß.
ScheschanaS Jericho, Bialystok. Herzlichen Dank und
Grüße.
Dr. meä. M. O., Jassy. Wir danken für die freundliche
Gesinnung. Leider aber nicht zur Veröffentlichung geeignet.
Statt jeder besonderen Mittheilung.
Todesanzeige.
Am Abend des 17. Februar entschließ sanft
nach kurzem Leiden meine theure Mutter, Frau
Rosalie Schauer W fe -
Mainz, 20. Februar 1890.
Dr. Rudolf Schauer.
Herausgeber: K. Lafchaurr Berantw. Red.: Dr.^irgm. Wrrntt. Buchdruckerei »Industrie' (S. Bergmann). VMSchlöffe!« '11