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„Die Welt 44
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Juden zum Ziele hat, den wohlhabenden Verwandten jener
Armen. Ein edles Gefühl, das auch bei Gelegenheit einer
Bankgründung von ehrlichen Leuten nicht verspottet wird,
beseelt und treibt die Gründer der Bank. Der Pfad für
grossartige Entwicklungen liegt frei, sobald die Bank ins
Leben gerufen ist.“
In Angelegeheit der J tidischen Coloialbanlc
bringt „Hazefirati“ in einer ihrer letzten Nummern ein ihr aus
London zugegangenes Schreiben, das gegen gewisse
widerlich-pilpulistische Qengeleien unserer sattsam bekannten
Stets-Verneiner und Ueberall-Mäkler in vortrefflich ge¬
lungener, äusserst verständiger Weise polemisiert. Unter
anderem heisst es in der beachtenswerten Zuschrift:
„Sieh da, ein nagelneues Thema für unsere Disputanten.
Colonialhank, Shares, Gründershares etc. etc. — Hei, wie
wonnig lässt slch's da nörgeln und kritteln, umherdeuteln
und hineingeheimnissen, dass es seine Art hat! Warum
haben die Besitzer der hundert Gründershares das Anrecht
auf ebensoviele Stimmen, wie die Inhaber der übrigen Actien
zusammengenommen ? Die Antwort liegt auf der Hand :
Um die Leitung der Bank in gut-zionistischem Sinne zu
gewährleisten, damit dieses Unternehmen nicht zum Spiel¬
ball in der Hand der Actionäre werde. Ja, aber wozu ist
denn der „Pi!pul", da, wenn nicht zur Verdrehung einfacher
Thafcsachen ? Man macht also wacker das Gerade krumm,
versucht Kameele durch ein Nadelöhr zu ziehen, und was
das Schlimmste und Anwiderndste ist, man bietet eine
bizarre Phraseologie auf, einen Schwall von Worten, die an
sich recht schön, in ihrer Beziehung zum Gegenstände der
Bede jedoch gänzlich widersinnig und unheimlich hohl¬
tönend sind. Da faseln gewisse Leute von Volksrechten
und deren Wahrung, blasen Lärm wegen der Herrschaft,
die sich „einzelne“ angeblich anmassen — allein all diese
Verschwendung von Lun gen kraft hat keinen anderen Zweck,
als die Luft mit Geschrei zu erfüllen, eine theatralische
Entrüstung laut werden zu lassen, die absolut grundlos ist.
Was soJl das für eine Herrschaft sein, die sich einzelne
Leute anmassen? Dieses Gerede ist gar nicht wert, dass
man darauf ein gehe. Die Beschränkung mancher Rechte
auf die Gründer war im Interesse der Idee und zum Wohle
des Volkes unbedingt nothwendig und durchaus unver¬
meidlich. Ueberhaupt ist jede einzelne Bestimmung die
Frucht gründlicher Berathungen, das Ergebnis zahlreicher
Vorschläge, die eingebracht, angenommen und mannigfach
modifieiert wurden. Und nun kommen ein paar sach-
unkundige Tadler, sind mit ihrem abfälligen Urtheile flugs
zur Hand und glauben, ein neues Amerika entdeckt zu
haben, wenn ihnen irgend ein lächerliches grillenhaftes Be¬
denken aufsteigt. Mögen diese Herren zur Kenntnis nehmen,
dass das Comite, welches sich mit dieser Angelegenheit
Jahr und Tag eingehend beschäftigte, nicht das winzigste
I-Tüpfelchen unberathen und ausseracht liess, sondern sein
Möglichstes that, um dieses Werk unter Berücksichtigung
der herrschenden Gesetze auf eine feste, durchaus einwand¬
freie Grundlage zu stellen, nachdem es das Für und Wider
eines jeden Punktes sorgsam erwogen hatte. Es gibt Dinge,
deren Aufnahme in das Statut wünschenswert "gewesen wäre,
die aber doch nicht aufgenommen werden konnten, da sich
ihnen andere Nothwendigkeiten in den Weg stellten. Der
Prospect in seiner gegenwärtigen Gestalt ist so abgefasst,
dass ihm. nicht das Mindeste hinzugefügt, nicht das Geringste
davon ausgemerzt werden kann. Der Zionismus’ beansprucht
keinen blinden Glauben, er verträgt sehr wohl eine ver¬
nünftige Kritik. Allein es gibt eine Art von Kritik, die
nichts anderes ist, als anmassende Vordringlichkeit und un¬
berufene Meinungsabgabe. Jedermann, der nicht ganz von
krankhaftem Eigendünkel verblendet ist, muss ein sehen, dass
ein Collegium von Sachverständigen, unter denen es Rechts¬
anwälte, Finanzleute und Politiker gibt, die alle treue
Zionisten sind und die Frage auf das denkbar Tiefgründigste
gemeinsam studiert und durchberathen haben, dass ein solches
Collegium, sage ich, jedenfalls zuständiger ist, als selbst die
scharfsinnigste Einzelperson, die nicht in der Lage war,
einen tiefen Einblick in sämmtliche Einzelheiten der An¬
gelegenheit zu gewinnen, von denen manche nicht in die
O Öffentlichkeit gehört. Um dies zu begreifen, muss man
kein Gläubiger sein, sondern lediglich die Fähigkeit besitzen,
logisch zu denken und keine überstürzten Urtheile zu fällen.
Im allgemeinen irren die Tadelsüchtigen ungemein, wenn
sie sich auch in dieser Sache an Dr. H er zl reiben und ihm
vorwerfen, er dehne seine Herrschaft überallhin aus und
ordne seiner Person alles unter. Die Ausarbeitung der
Bankstatuten war einem speciellen Comite an vertraut, und
Dr. Herzl nahm sich nicht nur keinen Einfluss auf dessen
Berathungen heraus, sondern sprach auch keine Ansicht
über Dinge ;ius, in denen er sich nicht genügende Sach¬
kenntnis zutraute. Alles, was bestimmt und festgesetzt
wurde, ist durch das gewählte Bankcomite geschehen; es
ist daher so, als hätten alle Zionisten diese Bestimmungen
getroffen, da doch der Vertretungskörper der Zionisten das
Bankcomite gewählt hat. Diejenigen Klopffechter, die
immerfort die Demokratie und die Volksrechte im Munde
führen und im Namen dieser Principien gegen jede ge¬
ordnete Leitung einer gemeinnützigen Institution Einspruch
erheben, haben nicht die leiseste Ahnung von den Gesetzen,
nach denen eine freie, ordnungsliebende Nation ihre An¬
gelegenheiten selbst verwaltet. Zu unserem Glücke ver¬
schwinden derartige zersetzende Elemente in der grossen,
kerngesunden Volksmasse. Sie können wohl geschwollene
Leitartikel schreiben, immer neue Phrasen und Unter¬
stellungen fabrieieren und was dergleichen mehr ist, sind
aber zu unbedeutend, um irgendwelchen Schaden an¬
zustiften. M. Z.
Stimmungsbilder aus London.
Der erste Wochentag nach den jüdischen Schluss¬
feiertagen war auch in der Londoner Gesellschaft „Isru-
chag“, denn am Ostermontag wird hier in Bankkreisen
„par ordre du Roi“ oder vielmehr „du Banquier“ streng-
gefeiert; ist doch die gesetzlich obligatorische Einführung
von 4 Montagen im Jahre als Extra-Feiertage für den über¬
bürdeten Bank Clerk dem Banquier Sir John Lubbock,
Chef der bekannten Firma Roberts Lubbock & Co. zuzu¬
schreiben.
In den Bankräumen des Jewish Colonial Trust war
auch Ruhe von aussenher eingetreten, denn Brief- und
Paketpost blieben aus ; aber dem hinter der offiziellen
Sperre arbeitenden Personale war keine Athmungszeit ge¬
gönnt, und es hiess nun, in den auf Tischen und Bänken
haufenweise herumlagernden Paketen und Zeichen form ularen
Ordnung schaffen.
Das Exterieur der Bureaux ist ganz in dem ernsten,
würdigen Stile einer englischen Bank gehalten, auch die
Möblierung nüchtern, schlicht, compact, in einem Worte
englisch. Hinter dieser Convention eilen Oberfläche aber
beginnt der Unterschied. Die Postpakete, die in der Bank
sackweise abgeliefert worden waren, sie bringen nicht die
Zeichnungen der „haute finance“ in schweren Blocks, die
mit ein paar dutzend Namen die Subscriptionssurmne ent¬
haltenkönnten ; einzeln, wie die Tropfen eines befruchtenden
Regens, kommen die Zeichnungen, sie kommen von dem
Volke, das sich selbst befreien will. Die rührendsten Briefe
und Postkarten, so voll Pathos und glühendsten Enthusias¬
mus, dass man darob das verdorbene Deutsch vergisst,
kommen zu hunderten; jede enthält neben einem Aufschrei
für die leidenden Brüder die Bitte um vermehrte Prospect-
sendungeu und mit Stolz die Aufzählung der Subscribenten,
die die ein zahl! gen Actien zeichnen. Dann wieder der im
gemessenen Tone gehaltene Brief eines christlichen Advocaten
aus der Grafschaft Kent mit Cheque-Einlage für 100 voll¬
bezahlte Actien. Mit knappen und darum eindrucks¬
volleren Worten, motiviert er seine Zeichnung als Christ,
mit dem wannen Interesse, das er diesem in seiner Art
einzig dastehenden Unternehmen entgegenbringt. Ein eng¬
lisches Arbeiterpaar, von . Juden immer gütig behandelt,
bittet um vollgezahlte Actien; und so fort und A ort. Bei
dem Oeffnen eines jeden Briefes tritt einem mehr und mehr
die Sonderart der Bank klar vor Augen. Das Personal,
von dem Enthusiasmus des Schreibenden angefeuert, arbeitet
mit Lust und Liebe an der hundertfach vermehrten und
verwickelten Arbeit.
Die Vereinsberichte aus allen Ecken und Enden der
Welt sind hochinteressant; sie bringen aus beiden Hemi¬
sphären und aus allen Himmelsrichtungen, aus Klondyke
und Hindostan dasselbe Bild: die rührende Freude unserer
Volksmassen an den Fortschritten der Bewegung ; immer
und immer das Verlangen nach neuen Prospecten. Eine
Abtheilung des Bureaus, welches sonst der Routinearbeit
gewidmet ist, musste diesem ungestümen Drängen voll-