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„Die H Welt 44
Nr. 15
Indes hat eine kleine Nachricht des Herrn Malach i,
deren absolute Unrichtigkeit für jeden Kenner der Verhält¬
nisse klar zutage liegt, berechtigte Zweifel an der Glaub¬
haftigkeit seiner übrigen Meldungen in mir wachgerufen.
Der Herr Specialcorrespondent theilt nämlich mit,
dass -las Centralcomite der „Chowewe Zion“ zur Unter¬
stützung der Colonie Castinie 300.000Francs ausgegeben
habe. Ich wiederhole: DieseNachricht ist eine ein-
f a c h e U n w ahr hei t. Das Odessas r Comite hat wohl
der Colonie Castinie Subventionen im Gesammtbetrage von
ungefähr 250.000 Franes gewährt, allein ich kann auf das
Bestimmteste versichern, dass dieses Comite mit dem Pariser
Centralcomite absolut nichts zu schaffen hat und mit dem¬
selben in keiner wie immer gearteten Verbindung steht.
Wenn sich .alle Mittheilungen des Herrn M a 1 a c h i,
hei Lichte besehen, so ausnehmen, wie die im Vorstehenden
beleuchtete Nachricht, dann dauert mich der Redacteur des
..Hamagid“. der sich von seinen Specialcorrespondenten der¬
artige „exaete“ Berichte aufbinden lässt.
Geradezu lächerlich ist auch eine andere Meldung
des wohlinformierten Herrn Specialcorrespondenten, wonach
sich die Einnahmen des Pariser Centralcomites mit denen
der „Jewish Colon ization Association“ zusammen auf
li Millionen Francs jährlich beziffern. Dies erinnert mich an
die ergötzliche Prahlerei des Schnorrers in der bekannten
Anekdote, der einem seiner Bekannten die überraschende
Eröffnung machte, er und Br'oclsky besässen ins-
gesammt ein Vermögen von so und soviel Millionen
Rubel. —
Ich d enke, jeder Redacteur muss wisse n,
\v a s e r d rucken lass t.
H o chacht u n gs v o 11
L. R o s e n t li a 1.
Spenden für die darbenden Arbeiter Boryslaws.
Von einer fröhlichen Tischgesellschaft in Brünn ; fl. 5.—
P
Weltchronik.
Wieder ein Ritualmord? Unter diesem perfiden, nieder¬
trächtigen Titel bringt das Wiener Leiborgan der deutsch-
nationalen Antisemiten folgende Nachricht: „Deutsch-
lirod, 11. April. In einem Walde bei Polna war am Char-
sonntag die arg verstümmelte Leiche der seit dem 27. v. M.
vermissten 19jährigen Näherin Agnes Iruza aufgefunden
worden. Alle Nachforschungen nach dem Thäter sind bis¬
her ohne Erfolg geblieben. Dagegen verbreitete sich in
Polna und Umgebung das Gerücht, welches Juden mit dieser
Mordthat in Verbindung brachte. Infolgedessen machte
sich in Polna eine bedeutende Gälirung geltend, so dass der
Bezirkshauptmann von Deutschbrod 10 Mann Gendarmerie
dahin absandte und umfassende Vorkehrungen traf, um et¬
waigen Ausschreitungen vorzubeugen. Auch die Gemeinde
wurde auf ihre Verpflichtung hinsichtlich der Aufrecht-
erhaltung der Ruhe und Ordnung aufmerksam gemacht.
Als muthmasslicher Mörder wurde der jüdische Schuh¬
macher Hülsner verhaftet.“
Judenauswanderung nach dem Sudan. Ahasver kann den
Wanderstab nicht loswerden. Kaum wird der Cultur ein
neues Landgebiet erschlossen, so erblickt man in der Vorhut
der Pionniere die wohlbekannte, bündeltragende Gestalt,
die noch immer nicht zur Ruhe kommen kann . . . Auch
der Sudan wird binnen kurzem seine Juden haben. Einige
hundert jüdische Familien aus Aegypten tragen sich mit
dem Plane, dahin auszinvalidem. Die englische Regierung
hat ihnen Unterstützung und mancherlei Begünstigungen
zugesagt.
Erwählung eines Juden zum Grossmeister. Die italienischen
Freimaurer, deren Zahl sich auf ungefähr 200.000 beläuft,
nahmen kürzlich die Wahl ihres höchsten Würdenträgers,
des Grossmeisters, vor. Der Jude Ernst. N at h a n wurde zu
dieser Würde mit grosser Majorität, erkoren.
Judenreine Gesangvereine. In der letzten PIenar-Ver¬
sammlung des St. PöltenerMänner-Gesangvereines wurde
von einem Mitgliede der Antrag gestellt, in Hinkunft nur
Arier in den Verein aufzunehmen. Der Antrag wurde an¬
genommen.
Der bekannle Antisemitenhäuptling und ehemalige Maire von
Algier, Max Regis, wurde wegen einer in einer Versammlung
gehaltenen Rede, in welcher er den Gouverneur von Algerien
überaus heftig an griff, verhaftet. Regis wurde bereits früher,
vor zwei Monaten, vom Schwurgerichte wegen seiner zu
Mord und Plünderung aufreizenden Reden, die er in seiner
Eigenschaft als Maire von Algier hielt, zu drei Jahren Ge¬
fängnis und 1000 Francs Geldstrafe verurtheilt.
Ein trauriges Recht wurde dieser Tage einem Theile der
jüdischen Frauen Russlands verliehen. Der russische Senat
fällte nämlich die Entscheidung, dass es den Gattinnen von
•Juden, die zur Deportation nach Sibirien verurtheilt sind,
entgegen der bisher geübten Praxis freisteht, ihren Männern
nach deren Verbannungsorte zu. folgen.
Einbruch in eine Synagoge. In der Synagoge von
J a e k son vi 11 e, Florida, wurde ein Einbruch verübt. In
Ermanglung von Geld — die Armenbüchsen waren tagszuvor
geleert worden — begnügten sich die Diebe mit dem
Paroches. das immerhin einen Wert von 150 Dollars re¬
präsentierte.
Der hohe Percentsatz der jüdischen Schüler an den'höheren
Lehranstalten zeigt sich auch recht auffällig an den Mädchen¬
schulen. Die Victoriaschule in Berlin hatte am I. Februar
.499 christliche und 200 jüdische Schülerinnen, die Luisen-
S' hule 473 christliche und 253 jüdische und die Margarethen-,
Schule 384 christliche und 310 jüdische Schülerinnen.
Arische Zahntechniker. In Oesterreich ist eine „Freie
Vereinigung nichtconcessionierter Zahntechniker“, die aus¬
schliesslich aus „Ariern“ besteht, in Bildung begriffen.
DeutschbÖfimen. Der deutschnationale Antisemitismus
treibt in Böhmen fortdauernd frische Blüten. Die Zahl der
„radicalen“ Blätter, in denen die Juden eines bestimmten
JJistrictes einmal oder zweimal wöchentlich besudelt werden,
nimmt munter zu. Mit dem 29. April erscheint in Karlsbad
ein neues deutschnational-antisemitisches Blatt die „Wacht
an der Eger“.
Berücksichtigung jüdischer Feiertage. Der Landtagsabgeord¬
nete für Berlin Dr. Max Hirsch hat dem Minister des
Innern Freiherrn v. d. Recke im Aufträge des deutsch-
israelitischen Gemeindebundes eine Petition um Berück¬
sichtigung der jüdischen Feiertage bei Festsetzung von
Messen und Märkten überreicht. Die Petition hat folgende
Vorgeschichte. Der Magistrat der Stadt Kottbus nahm in
früheren Jahren bei Festsetzung der Frühjahrs- und Herbst -
markte auf die jüdischen Feiertage Rücksicht und erfuhr
deshalb zahlreiche Angriffe. Im November vorigen Jahres
wurde der Herbstjahrinarkt 1899 auf einen Termin festgesetzt,
der mit dem jüdischen Neujahrsfeste zusammenfällt. Trotz
der von den Interessenten der jüdischen Synagogengemeinde
und deren Prediger beim Magistrate, sowie bei der Regierung
in Frankfurt a. d. O. unternommenen Schritte gelang es
nicht, eine Verlegung des Jahrmarktes zu erwirken. Endlich
legte sich der deutsch-israelitische Gemeinde!)und ins Mittel
und veranlasst die Abgeordneten Dr. Kirsch und Rickert
zur Abfassung der vorerwähnten Eingabe! Der Minister
nahm die Petition wohlwollend unter Zusage sorgfältiger
Prüfung entgegen. Sollte es, äusserte er, nach der Lage der
Sache in diesem Falle zu spät sein, eine Aenderung zu
treffen, so werde er gewiss für die Zukunft die Angelegen¬
heit im Sinne der Bittsteller regeln und den zuständigen
Behörden eine Berücksichtigung der hohen jüdischen Feiertage
anempfehlen.
Personalnachricht. Herr Meier Hübner (Nadworna) hat
sich mit Fräulein Pepi Wundermaim (Pasicezna) verlobt.
— Unser Gesinnungsgenosse und A. H. der „Kadi m all“
Herr Dr. Josef Burstyn, Rabbiner und k. lc. Feldprediger
in Ung.-Hradisch, Sohn des Herrn Oberrabbiners Pinkas
Burstyn in Sereth. hat sich mit Fräulein Camilla T a u b e r.
Tochter des Herrn Rabbiners Dr. Jakob Tauber in
Prerau, verlobt.
G
Correspondenzen.
England.
London, 31. März. Die vergangene Woche könnte man
die Bankwoche nennen, und eine richtige, tüchtige dazu. Im
Centrum eines riesigen Häuserblockes, in der Nähe eines
der grössten Bahnhöfe Englands und der Kreiizungsstelle
zweier Localbahnen, unmittelbar hinter einer, erst kürzlich
geschlossenen katholischen Kirche hat sich die Jüdische
Colonialbank etabliert. • In die fünf Sale, die das Bureau
der Bank ausmachen, hallt unablässig der monotone Lärm
der kommenden und abführenden Züge. Beim Eintreten
sieht man linker Hand den Archivraum, der zur Auf¬
bewahrung der Documenta dient, geradeaus steht, von einem
Messinggeländer ein gefriedet, der Zahltisch, hinter dem An-