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„Die A Welt“
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Kritik an ganzen Epochen geübt. Man denke an den Rausch,
der von Offenbach ausgegangen ist, an jenen Taumel der
Selbstironie, der das zweite Kaiserreich unter dieser
höhnischen Musik erfasste. Gegen die zeitliche
Gerechtigkeit haben die Juden eine begreifliche Skepsis. Zu
lange mussten sie sich geschmäht und preisgegeben sehen
an Peiniger, denen sie sich ethisch und geistig überlege»
fühlten. Deshalb ist ihr Respect schwer zu erregen, und
man hat sie, wie sie sich mit ihrer Satire so oft als un¬
bequeme Eespectsverweigerer erwiesen,, begeisterungsunfähig
gescholten. Nichts kann falscher sein bei einem Volke,
welches so sehr zu Excentricit-äten aufgelegt ist, wie die
Juden, nichts ungerechter hei einer Nation, welche immer
bereit war, sich für ihre Sache aufzuopfern. Aber der
oigenthümliche Humor, mit welchem die Juden in lächer¬
liche Feierlichkeiten einbrechen, ist aus dieser steten Ucbung
in Gefahren entsprungen, und er waltet gelegentlich mit der
suggestiven Macht, die nur ganz grossen Dingen zueigen
ist. Mit diesem Humor haben es die Juden rasch ver¬
standen, auf den Grund der Zeitströmungen zu tauchen und
von dort, von unten herauf den Sinn einzelner Epochen zu
hohen, den sie dann lachend hin warfen, wie .einen zappeln¬
den Fisch auf den Sand. Sie sind Versteher aus Intuition.
Gewundene und verborgene Gedankenlabyrinthe durchjagen
sie blitzartig mit diesem Verständnis. Dass ich liier von
allen Juden spreche, muss man nicht denken. Ich meine
natürlich nur die Dichter unter ihnen. Wo sie sich nicht
in einer gewaltsamen Bodenständigkeit gefallen, gleichsam
in einer absichtlichen Maskierung ihrer Rasse, wo sie nicht
mit einer eingedeutschten Manier künstlerische Falsch¬
meldungen begehen, da kommt jene andere Bodenständig¬
keit hervor, jene, die ihnen gemäss ist. Es ist kein
Wurzeln in einem festen Erdreich, aber es ist ein Empor¬
wachsen aus den Schicksalen dieses misshandelten, leidens-
lähigen, elastischen Volkes. Es ist eine productiv ge¬
wordene Empfindlichkeit, eine ins Allgemeine gerückte,
i! tätige Theilnahme an der grossen Welt, Regungen der
Messias-Seele sind in diesen Dichtern erwacht, frische Spuren
der alten Verheissung vom „Auserwähltsein“.
Die atavistische Erinnerung an grosse Katastrophen,
die unter ' der Schwelle des Bewusstseins in den jüdischen
Dichtern schlummert, gibt ihnen das Vermögen der grossen
Geberden, der heftigen Wirkungen. Ihre formale Geschick¬
lichkeit lässt sie mit den schwierigsten Problemen der
Technik fertig werden. Wohl üben sie sich darin zu sehr,
mul ihre Menschenkenntnis, diese Wissenschaft aller zur
Wachsamkeit Gezwungenen, hilft ihnen überall. Mit grossen
Vhritten ist das Judentlmm in der dramatischen Literatur
vorwärts gekommen. Nach flachen Anfängen haben wir ver¬
liehe, wirklich bedeutende und bewegende Werke von ihnen
gesehen, von ungefälschter Wesenheit und von mitreissend er
Macht. Was diesen Werken anhaftet, ist eine frische Schärfe,
ine Ueberkraft des Intellectes, bei welcher die Temperatur
licht die höchsten Grade zu erreichen vermag. Aber im
.modernen Theater haben sie sich eine Stellung erobert, die
dir den Anfang bedeutend genannt werden kann. Wie weit
ie es noch bringen werden, lässt sich heute noch gar nicht
"stimmen. Doch liegen weite Perspectiven frei, wenn man
hi ran denkt, was für eine Stufe die Juden in der kurzen
Tut ihrer Emanzipation erreicht haben. Die Leistungen, auf
■reiche sie jetzt zurückschauen, sind ein unleugbarer Beweis
Dfür, wie durch und durch künstlerisch die Veranlagung
iieser Rasse ist. Wie ein lange eingedämmter, durch ver¬
borgene Quellen geschwellter Strom, bricht ihre Productivität
Mzt hervor und führt ungeheure Massen von Erlebnissen,
on aufgewühlten Grundgedanken als Geschiebe mit. Welch
ino Summe von künstlerischer Arbeit haben zwei Genera¬
tionen nicht schon bewältigt, zwei Generationen, deren
Täter von dem Vorhandensein einer Kunst noch sehr wenig
' wusst haben. Und diese Nachkommen sind vorerst noch
ganz beladen mit fremden Eindrücken, sie haben sich bepackt
mit Problemen aus anderer Leute Weisheit, mit Conf liefen
und Katastrophen aus anderen Seelen. Wer kann die fol¬
genden Geschlechter Voraussagen? Liessen sich die Kinder
solcher Väter heute schon kennen, dann wüsste man, wohin
die Entwicklung des jüdischen Dramas führt. Dieses aber
ist ihr Weg: Die Enkel werden nicht mehr ohne Erbgut
geboren, sie empfangen ihr künstlerisch Tlieil von den heute
Lebenden, sie werden in Traditionen aufwachsen, die uns
gefehlt haben. Und in ihnen worden dann die tragischen
Elemente frei werden, welche uns heute noch im Blute
liegen, wie schwere Träume. Die tragischen Elemente, an
welchen die Geschichte des Judenthums so überreich ist.
und die einen schwellenden Humus bilden für alle Künste.
Wenn dann der grosse Mann erscheint, dessen wir gewärtig
sein dürfen, wird er sein Volk finden. Daran arbeiten wir
heute alle, bewusst oder unbewusst, willig oder gegen unseren
Willen, doch nach den unentrinnbaren Gesetzen unserer Art,
F. S.
G
Die Goldschilds.
Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts
von Friedrich Fürst Wrede.
(4L Fortsetzung.)
Vor allem und jedem hatte er darauf bedacht zu sein,
seine Wissenschaft zur Linderung der Schmerzen des kleinen
Jonathan zu verwenden.
Jede Empfindlichkeit, jede Abneigung sollte in Zukunft
seinem Berufe zum Opfer gebracht werden.
Er durfte in der byzantinischen Villa nunmehr nur
der Arzt des Körpers sein, da die Seele das ausschliessliche
Reich des Pfarrers geworden.
Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, erschienen
die vielen Concessionen, die er dem neuen Geiste ein¬
räumte, nicht als ein schmählicher Verrath seiner Uober-
zeugungen, sondern als ein verdienstvolles Werk der
Humanität.
Eine derartige Unterordnung bedeutete jedoch bei der
streitbaren, leidenschaftlichen Natur des Greises kein
geringes Opfer, und nur allzubald sollte er sich seinem ein¬
mal gefassten Entschlüsse gemäss zu handeln gezwungen
sehen.
Denn urplötzlich stellte sich bei Jonathan eine arge
Athemnoth ein, wie sie das- arme Kind noch nie er¬
litten hatte.
Seine schmalen Hände krallten sich in die knisternde
Seide der Decke, und jeder Athemzug musste durch einen
entsetzlichen Kampf errungen werden.
Die dunklen Augen irrten verzweifelt wie die eines
Erstickenden im weiten. Gemache umher, die Lippen be¬
wegten sich, ohne einen Laut hervorzubringen, und das
blonde Haar fiel, vom Angstschweiss gebadet, in Strähnen
in die weisse Stirne.
Der Kammerdiener stand rathlos zu Füssen des
Lagers. Der brave Mensch war tödlich erschrocken und
vermochte nur die Worte zu stammeln : „Das ist ja ent¬
setzlich — der arme junge Herr — das ist ja entsetz lieb —
so leiden zu müssen !“
Jetzt bewährte sich das Wissen des Arztes.
Mit jener kaltblütigen, anscheinend herzlosen Ueber-
legung, die sich nur durch langjährigen Aufenthalt in
Krankensälen erlernt und die für den Leidenden eine
grössereWohlthat ist als das heissesteMitgefühl, stand er auf
seinem Posten und versuchte dem Knaben beruhigende
Tropfen trotz seines Widerstrebens einzuflössen.
Dann —als sich der Krampf allmählich verlor, und der
junge Körper zitternd und bebend in seinen Armen lag —
trocknete er ihm mit einem Tuche die tkränennasson Angen