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„Die A Welt“
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Die gleichen Bedingungen, die in den Reihen der
Deutsch- und Czechischnationalen zum Antisemitismus
geführt haben, sind jetzt auch für die nichtjüdischen
Anhänger der österreichischen Socialdemokratie ge¬
geben. Mit dem Momente, wo man die eigene Natio¬
nalität kräftig betont, sieht man sich in einem Gegen¬
sätze zu den „Fremden“, und dieser Gegensatz entwickelt
sich nur allzu leicht zur Feindschaft. Dem Antisemitismus
ist jetzt Thür und Thor ins Lager der Socialdemokratie
geöffnet. Die jüdischen Arbeiterführer hätten klüger sein
sollen. Die national fühlenden organisierten Arbeiter
werden gegen den Judenhass widerstandsfähig sein?
Das ist schwer zu glauben. Sie waren ja auch nicht
widerstandsfähig gegen den Nationalismus. Sie waren
nicht mehr zu zähmen, sie wollten ihre nationale Fahne
nicht länger in die Tasche stecken, und die Führer mussten
nachgeben und ‘das nationale Bekenntnis auf dem
Parteitag formulieren. Sie haben es gewiss nicht gerne
gethan.
Die Führer der österreichischen Socialdemokratie
glaubten allerdings, den Arbeiter unbesorgt den Ge¬
fahren des Nationalismus und Chauvinismus aussetzen
zu können. Es wurden ja gleichzeitig gegen den jetzigen
und jeden zukünftigen Chauvinismus die entsprechenden
Dämme aufgerichtet und dem nationalen Hader durch
die gesonderten Verwaltungskörper ein Halt zugerufen.
Gegen das Princip ist nichts einzuwenden. Wenn zwei
sich nicht vertragen können, so ist das vernünftigste
die Trennung. Das sagt ja auch der Zionismus. Der
Brunner Parteitag hat sich auch bestrebt, für alle ge¬
drückten Volksminoritäten in diesem Sinne Sorge zu
tragen — nur an die Juden hat er vergessen. Können
sich die österreichischen Juden von der geplanten Neu-
eintheilung Oesterreichs eine Besserung ihrer Lage ver¬
sprechen ? Nein! Sie würden infolge ihrer sporadischen
Siedelung die einzige Volksminorität ohne Verwaltungs¬
centrale und ohne den von dieser ausgehenden Schutz
sein. Jedes Volk würde in Oesterreich sein besonderes
Heim haben, nur die Juden nicht. Schon jetzt schilt
man sie heimatlos, man würde sie dann mit ungleich
grösserer Berechtigung Fremdlinge nennen dürfen. Ihre
nationale Sonderart wäre von den verschiedenen nationalen
Gruppen Oesterreichs, die noch durch die national
fühlende Arbeiterschaft verstärkt wären, in sehr
empfindlicher Weise anerkannt, und der Ringwall gegen
diese wenig annehmliche Anerkennung, der gesonderte
Verwaltungskörper, wäre nicht da.
Glücklicherweise ist Hoffnung vorhanden, dass
dieser österreichische Zukunftsstaatsgedanke nicht
morgen oder übermorgen verwirklicht werden wird.
Die Juden haben die Hoffnung, dass sie noch für
längere Zeit nicht unter der Traufe, sondern im Regen
stehen werden.
Der sociale Geist des Judenthums und das jüdische
Volk.
Von Bernard Lazare.
(Autorisierte Uebersetzung.)
IE.
Ebenso will ich, wenn ich von den Juden spreche, von
der Masse der galizischen, rumänischen, russischen und
orientalischen Juden sprechen und nicht von den wenigen
christianisierten und hellenisierten Juden des Westens —
obwohl die höheren Typen derselben doch ihre jüdischen
Charaktermerkmale beibehalten haben. Bei dieser Masse tritt
eine besondere Geistesrichtung zutage, die ihre Ursachen in
der gleichen Erziehung und der gleichen materiellen, religiösen
und moralischen Lebensführung hat. In dreifacher
Hinsicht, in Bezug auf Ethnologie, Ethik und Intellectualität,
sind die Juden unleugbar ein Volk, bei dem es, wie bei
anderen Völkern einzelne gibt, die die Eignung besitzen, 11
sich vollständig zu naturalisieren. Wenn man die Juden in
ökonomischer Hinsicht betrachtet, so sieht man sie, wie
jede andere Nation, in verschiedene Classen getheilt; so war
es immer bei ihnen. Es hat bei ihnen jederzeit eine bürger¬
liche haute finance — deren Rolle übrigens sehr überschätzt
worden ist — eine mittlere bürgerliche Classe von
Intellektuellen und Kaufleuten gegeben, und man hat nur nicht
genug gut bemerkt, dass die ökonomische Geschichte der
Juden nicht die Geschichte der Kämpfe zwischen christlichen
und jüdischen Geldmännern ist, sondern die Geschichte der
Kämpfe zwischen den jüdischen und christlichen Klein¬
bürgern, die vom Handel leben. Endlich hat es bei den
Juden immer ein ungemein grosses Proletariat gegeben.
Dass man unter ihnen keine Ackerbauer findet — es
gibt übrigens solche, wenn auch vereinzelt — das kann
unmöglich überraschen. Die Juden wanderten in die Staaten
des Alterthums ein; nun ist ein Einwanderer niemals ein
Ackerbauer, es sei denn, dass er ein unbewohntes Land
urbar macht; wenn er unter Völker kommt, die einen
Landstrich besetzt halten, so widmet er sich wie der Grieche
oder der Phönicier dem Handel oder er ist wohl auch
Handwerker.
So war es auch bei den Juden. Ob es sich um
Alexandrien handelte oder um Rom, sie hatten dort, wo sie
zahlreich zusammenwohnten, sehr reiche Handelsleute,
Speculanten und Financiers in ihrer Mitte, ihre Masse aber
war armes Volk. In Alexandrien war die Synagoge in
Logen getheilt, deren jede von einer der jüdischen Hand-
werker-Corporationen besetzt war. Und wenn auch in Rom
viele unter ihnen einen Einfluss besassen, den sie ihrem
Reichthume verdankten — das Einzige, was man in Rom
haben konnte — und wenn diese die Apostrophen Ciceros
oder das Wohlwollen Cäsars verdienten, so setzte sich doch
die Mehrheit aus kleinen Leuten zusammen, die um die
Porta Capena herum ihre Wohnstätten hatten und die
niedrigsten Beschäftigungen betrieben.
Alle jüdischen Gemeinden waren solcher Art. Ein
Kern von reichen Leuten, eine Gruppe von Handelsleuten,
die sich mit dem Kleinhandel beschäftigten, eine grosse
Anzahl von Handwerkern, endlich ein ganzer „Stamm“ von
armen Leuten, die in der Nähe der Synagoge von frommen
Spenden und von den Abgaben lebten, die durch die Ver¬
waltung der Gemeinde von dem Einkommen derer ein¬
gehoben wurden, die für die Kosten des Cultus und für den
Unterhalt der Bedürftigen aufkommen konnten.
In den Urkunden, in den Archiven kamen diese Hand¬
werker und diese Armen nicht zum Vorschein und können
auch nicht zum Vorschein kommen, sie verhandeln ja nicht
mit den Städten und religiösen Corporationen, sei es wegen
des Besitzes von Grundstücken oder wegen Erlangung von
Handelsprivilegien ; sie figurieren auch nicht auf der Liste
der Steuerzahler; die Gemeinde musste für sie zahlen, denn
ihre Verwaltung war für sie verantwortlich. Anderseits spricht
eine Reihe von Chronisten und Geschichtsschreibern, die so
nebenbei auch von den Juden berichten, von ihnen nach
Art der Antisemiten, und man ist, wenn man sie liest, genau so
gut unterrichtet, wie man über die Juden des XIX. Jahrhunderts
unterrichtet ist, wenn man etwa Drumont liest, der, ohne eine
Miene zu verziehen, schreibt, der Jude sei kein Arbeiter. Die
Leute wie Ajobard und Rigord sehen in dem Juden nur
den Menschen, der Geld gegen Zinsen zu leihen oder die
Bankgeschäfte zu betreiben versteht. Man muss die Zahl
der Steuerzahler mit der Gesammtzahl der jüdischen Be¬
völkerung vergleichen, damit man den kleinen Handwerker
und den Armen nicht übersehe. Documente dafür wird man
in den Schriften zahlreicher Reisender finden, welche die
jüdischen Gemeinden besucht haben. Diese Männer, wie
Benjamin von Tudela, Petachjah von Ratisbonne, Jean
Belon etc. haben überall den jüdischen Arbeiter gefunden.
Die jüdischen Chronisten machten genügend genaue An¬
gaben in der Aufzählung der bei den Völkern üblichen
Martern oder bei Erwähnung der Discussionen, die überall
der Austreibung der Juden vorangiengen. „Wer hat die
Türken so stark gemacht,“ sagte Lorenzo zum Senat von
Venedig und zu Louis Mocenigo, der die Juden vertreiben
wollte. „Wo hätten sie so geschickte Künstler für die Her¬
stellung der Kanonen und Bogen, der Kugeln und Schwerter,
der Schilde und Tartschen gefunden, die es ihnen er¬
möglichen, sich mit den anderen Völkern zu messen» wenn
nicht unter den Juden, welche die Könige Spaniers ver¬
trieben hatten !“ *) Schliesslich werden auch die Grabsteine
der jüdischen Friedhöfe und die Archive der jüdischen
Gemeinden oder die Documente, die von ihnen herrühren,
wertvolle Thatsachen und Angaben liefern. Durch ihr
*) Emek Habbakah, Pag. 181. (Nach der Sde’schen
Uebersetzung).