Seite
Seite 12
Nr. 40
„Die H Welt"
Glanz verleiht, ist ein Aufsatz von Max Nordau, „Praktischer
und politischer Zionismus“ überschrieben.
Nordau führt in diesem Aufsatz alle diejenigen
ad absurdum, die — vermuthlich im besten Glauben, aber
aus einer haarspalterischen Denkweise heraus — Gegen¬
sätze im Zionismus construieren möchten, Gegensätze, die
lediglich in der Einbildungskraft ihrer Erfinder vorhanden
sind. Die Bezeichnung „praktischer Zionismus“ sei einfach
ein Pleonasmus. Der Zionismus könne gar nicht
anders sein als praktisch, was aber den p o 1 iti¬
sch e n Charakter der Bewegung nicht nur nicht aus-
schliesst, sondern direct zur Voraussetzung hat.
Ohne Zweifel: Dieser Aufsatz wird sehr viel zur Klärung
der Meinungen, namentlich in Galizien, beitragen. — Einen
Beweis ihrer Objectivität liefert übrigens die Redaction, in¬
dem sie im Kalender auch zwei Aufsätzen Raum gibt, in
denen Anschauungen verfochten werden, die in vielfacher
Beziehung von den Erörterungen Nordau s abweichen.
Wir meinen die Aufsätze von J. A. Lubetzlcy und
Dr. A. Salz.
Von den literarischen Arbeiten des Kalenders
wären in erster Reihe „Die Abbrändler“, eine Skizze aus
dem Leben der Juden in Russland, zu erwähnen, deren
Verfasser M e n d e le Mocher-Sforim ist. Mendele
Mocher-Sforim versteht es wie kein Zweiter, die
jüdischen Volksmassen, ihr Leben und Treiben zu schildern.
Dabei schreibt er eine Prosa vor einem wunderbaren
Wohllaut, die alle Kenner des Jargons geradezu entzücken
muss. Diese Skizze müsste ins Deutsche übertragen werden.
— In seinen „Liebesbriefen mit fremder Hand“ beschwört
A. S. Fried b erg Erinnerungen aus weiland der Auf-
klärungsepoche in Russland herauf. Er versteht es, dem
damaligen jüdischen Leben humoristische Seiten ab¬
zugewinnen. — R. B rainin ist mit 2 Beiträgen vertreten.
In der Plauderei „Bei Professor Trockmann“ schildert er
den Eindruck, den die neue national-jüdische Bewegung
auf einen ganz in seine Bücher und Forschungen ver¬
senkten jüdischen Professor der semitischen Sprachen
macht, der die neuen Strömungen im jüdischen Volke, das
er todt, glaubt, nicht zu begreifen vermag. Die Zeichnung,
die er von dem pedantisch-steifen Gelehrten entwirft, ist
meisterhaft. In der kleinen Skizze „Vom Congress“ be¬
schreibt Brainin den mächtigen Eindruck, den ein eigens
zum Congress nach Basel gereistes christliches
Mädchen aus Amerika auf ihn machte, mit dem er
hebräisch conversierte. Unsere jüdischen Mädchen —
und auch Männer — könnten sich an dieser Amerikanerin
ein Beispiel nehmen ....
Auch des actuellen und lesenswerten Aufsatzes von
Jos. Klausner: „Die Erziehung des Volkes“ soll hier
Erwähnung geschehen. — Der Redacteur des Kalenders,
G. Bade r, gibt eine kritische Uebersicht der Neu¬
erscheinungen in der Jargonliteratur und wirft einen Rück¬
blick auf die Ereignisse des verflossenen Jahres. — Auch
zwei Illustrationen enthält der Kalender: ein Gruppenbild
der Colonisten von „Machnajim“ und ein Porträt Max
Nor da us. Zu letzterem hat G. Bader einen kleinen
Essay über Nordau als Schriftsteller und Zionist (aus
Anlass seines 50jährigen Geburtstages) geschrieben.
Alles in allem: ein Volkskalender in des
Wortes vollster Bedeutung, der sehr geeignet ist, auf
unsere Volksmassen belehrend und auf klärend einzuwirken
und dem deshalb die weiteste Verbreitung zu wünschen ist.
Sein billiger Preis — 50 kr. — ermöglicht es unseren
Gesinnungsgenossen, ihn zu Agitationszwecken zu ver¬
wenden. J. Z.
Dorf und Ghetto.
Von Wilhelm 6 o I d b a u m.
An einem dunkeln Herbstabend passierte Albert
Tr a eg er, der bekannte deutsche Lyriker und Parla¬
mentarier, die Hohenzollernstrasse im Berliner Westend. Er
beschleunigte seinen Gang, denn es wehte ein scharfer Wind,
der ihm dicke, kalte Regentropfen ins Gesicht trieb. Da
gewahrte er im Laternenschein vor sich einen untersetzten,
breitschultrigen Mann, der, des schlimmen Wetters nicht
achtend, langsam und in sich versunken auf dem Trottoir
dahinschlich. Als er ihm näher kam, erkannte er ihn; es
war Berthold A u e r b a c h. Verwundert fragte er ihn, ob
er bei der unglücklichen Witterung nicht furchte, an seiner
Gesundheit Schaden zu nehmen. Da lehnte sich der Acht-
undsechzigjährige wie hilfesuchend an seine Schulter, und
vom Munde kam ihm herzzerreissende Klage. Er gehe mit
sich zu Rathe, stöhnte er, ob er nicht eine Audienz bei dem
alten Kaiser erbitten, und ihn namens seiner Glaubens¬
genossen um Schutz gegen den Antisemitismus anflehen
solle. Es war die Blütezeit der Stöcke Eschen Agitation,
und wie eine persönliche Schmach empfand der Dichter
der „Schwarz wälder Dorfgeschichten“ die wüsten Aus¬
schreitungen, zu denen der Hofprediger seine Anhänger
aufreizte. Traeger beschwichtigte den Tiefgebeugten, der
noch wenige Jahre vorher so frisch und mannhaft gewesen
war und nun seines Lebens nicht mehr froh werden konnte,
weil er es nicht verwand, als Deutscher verleugnet zu werden.
Siech und traurig schleppte sich Auerbach wenig später
nach Nizza, um an Sonnenschein und Seeluft sich aufzu¬
richten, aber die Energie war zerbrochen, und als er sich
im Angesichte des südlichen Meeres zum Sterben nieder¬
legte, waren seine letzten Phantasien ergreifende Klagen
über die grausame Zerstörung seiner Ideale.
Nach zwanzig Jahren noch war Traeger tief bewegt-,
als er mir von jener Begegnung in der Hohenzollernstrasse
erzählte. Und allerdings wie ein Trauerspiel mit der
tödtlichen Empfindung des Schiffbruchs endete Auerbachs
Leben. Eine lange, glückliche Fahrt hatte er hinter sich
gehabt, und plötzlich, knapp vor dem Haien, war an einer
jähen Welle sein Boot zerschellt. Nichts hatte der Sohn des
jüdischen Lehrers aus Nordstetten im schwäbischen Schwarz¬
walde heisser erstrebt, als den Ruhm, ein deutscher Dichter
zu sein, und die Gewissheit, sein Deutschthum von niemandem
angezweifelt zu sehen. Von der Erzählung jüdischer Schick¬
sale („Spinoza“, „Dichter und Kaufman“) hatte er sich schon
in jungen Jahren mit bewusster nationaler Tendenz der
Darstellung des Bauernlebens zugewendet und überraschenden
Erfolg geerntet. Ferdinand Freiligrath hatte ihn stürmisch
begrüsst und ihm dafür gedankt, dass er gekommen,
Für ein Jahrhundert den Beweis zu führen,
Dass nicht erstorben deutsche Treu’ und Sitte.
Jakob Grimm, der deutscheste aller Deutschen, hatte
ihm die Ehre erwiesen, seine „Schwarzwäl der Dorfgeschichten“
und sein „Neues Leben“ unter die Sprachquellen des grossen
Wörterbuches einzureihen. Er selbst hatte in seinen Romanen
„Das Landhaus am Rhein“ und „Waldfrierl“ volle nationale
Accorde angeschlagen, während des Krieges mit Frankreich
mit allen Fibern dem nationalen Triumphe entgegen geharrt,
und in einem rührenden Liede den Elsässern, den „lieben
Brüdern mein“, den Willkommgruss zugerufen. Seinem
Wesen, das immer durch ein wunderbares Gemisch von
naiven und selbstgefälligen Impulsen bewegt war, hatte sich
etwas von der freudigen Gemüthsruhe eines Dichterpatri-
archen zugesellt, nachdem die deutsche Kaiserin ihn zu
ihrem Vorleser auserkoren hatte und ihm durch diese Aus¬
zeichnung der Beweis geliefert war, dass er als deutscher
Dichter der Festigkeit seines nationalen Piedestals vertrauen
durfte.
Da plötzlich, wie wenn ein Orkan an den Mauern
eines hochragenden Hauses rüttelt, schien alles unter ihm
zusammenzubrechen, alles zumal, was er in anderthalb
Men sehen altern wie einen Schatz aufgehäuft und behütet
hatte. Wo er gieng und stand, hörte er den gellenden Hep-
Hep-Buf, ward er daran erinnert, dass Ahasvers Leidensweg
noch nicht zu Ende. Und vergebens blickte er nach Schutz
aus, denn mit kaum verhehltem Liebäugeln Hessen di»’
Obrigkeiten die wilde Meute gewähren.
Und der Dichter, der für die Literatur das deutsch»’
Bauernthum entdeckt hatte, sah die Mauern des Ghetto sich
von neuem erheben, sah sich selbst schon in das Ghetto
zu rückgeschleudert. Er starb, ohne von dieser Furcht
befreit zu sein.
In diesem tragischen Geschick liegt ein Zusammen¬
hang zwischen Dorf und Ghetto verborgen, der d»‘i’