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Nr. I.
Wien, 4. Jänner 1901.
5. Jahrgang
Das Jahr 1900.
Von Berthold Feiwel.
I.
Das Jahr 1900 der allgemeinen Zeitrechnung war
ein trübes Jahr für die Juden. Man wird es neben die
traurigsten Jahre des Golus setzen müssen.
Diejenigen, die die Dinge an sich vorüberziehen
lassen, ohne über die Ürsachen der Geschehnisse und
die treibenden Kräfte nachzudenken — und solcher
gibt es leider unter den Juden noch viele — werden
sich unschwer über das Unglück von 1900 hinweg¬
setzen, so ehrlich sie es auch beklagen mögen. „Wir
wollen hoffen, dass es im kommenden Jahre be-ser
werden wird .. . Der Judenhass wird wieder vorüber¬
gehen . .. Das Licht der Aufklärung muss endlich
siegen . . . Unsere Sache ist die Sache der Menschheit. . .
u. s. w." Der Leitartikler der jüdischen Blätter, der den
Kinnoth des Jahres dieses Gebet an die Sonne folgen
lässt, lebt sicherlich in dem Wahne, mit derartigem
Trost genug für die Aufrichtung der gebeugten und
verzagten Juden gethan zu haben. Und es ist erstaun¬
lich und bezeichnend, wie gut er seine Juden kennt.
Mit solch leerem Pathos und kindischem Geschwätze
lässt sich wirklich ein nicht geringer Th eil der Juden
zufriedenstellen. Dieses Phrasentlium — unglückliche
Piirasen haben immer mehr Schaden gestiftet als un¬
glückliche Thaten — das zu allem Ueberfluss noch
frömmelnd daher kommt und sich als den Ausfluss von
Gottergebenheit und religiöser Empfindung geben möchte,
hat das politische Denkvermögen der Juden immer mehr
und mehr eingeengt und auf der einen Seite die be-
trübendste Passivität und Resignation, auf der anderen
Seite den gefährlichsten Optimismus und eine thörichte
Ueberschätzung der eigenen Kraft grossgezogen. Mit
diesem Eiapopeia, das beinahe unser Grabgesang hätte
werden können, hat man die Verschüchterten und
Schwachen in einen lebenslangen Schlaf gelullt, die
kräftigen Juden aber werden zu immer neuen zweck¬
losen Kämpfen angespornt, immer neuen Enttäuschungen
zugetrieben. Und so sehr hat sich ein Theil der Juden
an diese Art der Behandlung jüdischer Angelegenheiten
gewöhnt, dass man die als Friedensbrecher und Ruhe¬
störer betrachtet, die es wjgt-n, aus den traurigen
Prämissen einen anderen als den gewohnten tröstlichen
Schluss zu ziehen.
Der europäische Judenhass, der seit ungefähr
zwei Jahrzehnten wieder jäh aufsteigt, nachdem er
zuvor für einige Zeit beinahe latent war, hat im Jahre
1900 einen erschreckenden Hochstand erreicht. So sehr
man auch das Beste wünschen möchte, so wäre es
doch sündhaft, wollte man die europäischen Juden
glauben machen, dass sie in den kommenden Jahren
. ein Abfliessen der antisemitischen Strömung zu er¬
warten hiben. Nicht nur dass man es nicht wagen
darf, mit derartigen Unwahrheiten zu kommen, man
hat leider nicht einmal Grund, diejenigen mit Ent¬
schiedenheit für Schwarzscher zu erklären, die die
Ansicht vertreten, der Hochstand des Judenhasses
könne in den kommenden Jahren noch leicht überboten
werden.
Was den Antisemitismus so gefährlich macht und
von Tag zu Tag seine Ausdehnung und seine Macht
steigert, das ist, dass er nicht allein die instinctiye
Aeusserung unserer arischen Gegner ist, sondern in
immer neuen und grösseren Mengen in den Kämpfen
erzeugt wird, die unsere Zeit beherrschen. Man hat das
abgeschiedene Jahrhundert, das ja so viele Namen be¬
kommen hat, nicht, mit Unrecht das Jahrhundert des
Sturmes und Dranges genannt. Aber das Stürmen und
Drängen ist noch lange nicht zu Ende. Die Haupt¬
schlachten werden eist im neuen Jahrhundert geschlagen
werden.
Die Kämpfe um nationale, wirtschaftliche und
religiöse Güter, von denen unser Tag widerhallt^ sind
nichts Neues. Sie wurden immer gekämpft und waren
in barbarischeren Zeiten, als es die unseren sind, un¬
vergleichlich brutaler. Aber in keiner Epoche des euro¬
päischen Tölkerlebens wurden diese Kämpfe zu gleicher
Zeit mit einem solchen Aufgebot der Massen und der
Kräfte und einer so unbeugsamen Energie geführt, wie
in derjenigen, in der wir leben. Die ganze Persönlich¬
keit des Einzelnen, der Fanatismus der Parteien, die
Leidenschaft der Völker und die gewaltige Stosskraft
der Menge werden in diesen Kämpfen voll ausgenützt
und zielbevvusst verwendet. Diese grössten Kämpfe aller
Zeiten können wir genau mit eigenen Augen verfolgen.
Aber was diejenigen zu sehen bekommen, die die Be-