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Nr. 14.
Wien, 3. April 1901.
5. Jahrgang
Elihu hanuvi.
Eine Pessach-Phantasie von Heinrich York-Steiner (Wien).
Mit stockender Stimme, unendlich ernsthaft und
doch freudig bewegt, recitierte ich meine Aufgabe, die
grosse Frage: „Ma nistano halajlo haze mikol halejlos ? u
Ich that so, als ob ich die Sätze aus dem Buche
hole, und wusste sie doch wortwörtlich auswendig,
den hebräischen Text und die deutsche Uebersetzung.
Ich traf auch den Ton der Frage ganz vortrefflich.
Vater lächelte, es war ein verhaltenes Gefühl der
Freude, das aus seinen Augen leuchtete; man lacht
nicht laut im weissen Kittel mit der goldbetressten
Kappe auf dem Haupte. Die Stimmung des Versöhnungs¬
tages und der ewig langen Nacht wirft ihren Schatten
in das festliche Gefühl. Die erste Erregung war von
mir gewichen und mit voller Stimme, stellte ich die
letzte Frage: „Warum sitzen wir in anderen Nächten
frei öder angelehnt, in diesor Nacht nur angelehnt?"
Die anderen fielen mit sonoren Stimmen ein. Sie
antworteten meinen Fragen.
„Knechte waren wir dem Pharao in Aegypten,
doch der Ewige, unser Gott, zog uns mit starker Hand
Ii er aus !"
Ach, wir wussten Frage und Antwort im vor¬
hinein, wir lachten heimlich der harmlosen Verstellung,
und wir fühlten doch tief die Weihe des Augenblickes,
die Bedeutung der schlichten Worte.
Die gespielte Rolle erlebten wir, und wir erzählten
eine uralte Geschichte, die uns gestern geschehen war.
Es bedurfte gar nicht der ausdrücklichen Ver¬
sicherung der Agada, dass unsere Feinde in jedem
Zeitalter wider uns aufstünden, das erfuhr ich fast
alltäglich nach der Schule.
Nach der Schule gab es Kämpfe wildester Art.
Und da der liebe Gott zumeist mit den stärkeren
Bataillonen ist, musste manche jüdische Mutter mit
dem flachen Messer eine Beule drücken, damit das
Söhnchen nicht dauernde Spuren christlicher Ueber-
macht auf der Stirne trage. Solche Kämpfe wurden
zumeist im Herbste ausgetragen; im Frühling über-
liessen wir es dem lieben Gott, unsere Feinde zu
züchtigen. Um die Zeit der ersten Tag- und Nacht¬
gleiche nahten sich die sagenhaften Gestalten der
Agada. Die alte Leidensgeschichte der Juden sammt
ihrer mirakelhaften Bcfieiung umgaukelte unsere Sinne.
Auch wir hofften dem grossen Wunder entgegen,
dem befreienden Geschehnis. Uns lebte der alte Jehova
noch immer. Ihm, der vor Jahrtausenden die Aegypter im
Rothen Meere, ertränkt hatte, konnte es morgen
gelüsten, den grossen Mischko, meinen Special-Pharao,
in den Bach zu werfen mitsammt seinem Hunde, den
er so oft auf mich gehetzt hatte.
Als Vater diesen unfrommen Wunsch hörte,
wurde er böse. Wir giengen in dämmeriger Fi ühe zum
Morgengebet, als ich ihm diese meine Hoffnung
vortrug.
„Bete, mein Kind," sagte er mir eindringlich vor,
„bete, dass in diesen Tagen* keinem Cliristenkindc
Unheil widerfahre." Ich war damals sechs Jahre alt,
aber Vater hatte nicht viel Mühe, mir begreiflich zu
machen, welch ein grosses Unglück es für die Juden
sei, wenn um Ostern ein Christenkiud verunglücke.
Wer spottet der Frühreife von Judenkindern?
. Ich betete für meines Pharao Wohlergehen, sogar
für seinen Hund legte ich ein gutes Wort ein. Und siehe
da,. Mischko gedieh vortrefflich.
So oft er an mir vorbeikam, schrie er mir er¬
lesene. .Schimpfworte mit solcher Kraft zu, dass ich an
seinem Wohlergehen nicht zweifeln konnte. Gerne hätte
ich ihm gesagt, dass .er nur meiner Sorge um das
Wohl der Judenheit seine Kraft verdanke, dass der
alte Jehova noch lebe und dass schliesslich der Oster-
friede bald zu Ende sein würde.
Seither habe ich es erlebt, dass gar mancher
Hallunke aus Rücksicht für das Wohl der Gemeinde
verschont wurde.
Aber weder die Herren Gegner noch ihre
hündischen Kläffer wussten uns je Dank dafür.
Je weiter wir in der Agada fortschritten, desto
mehr schwand meine versöhnliche Gesinnung.
Es steckt etwas Aufreizendes in diesem dünnen
Büchlein, es erinnert an alte, unsagbar harte Leiden,
an unzählbar viele Schmerzen.
Ausgestandene Leiden von Menschenhand erduldet,
sie machen nicht demüthig.