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Ahnen nach den Titeln ihrer Schriften auswendig, von
denen wir Nachgekommenen im Wechsel von kaum zwei
Generationen überhaupt keim; Ahnimg mehr haben. Ja noch
mehr, sie hatte fast geographische Kenntnisse, denn die
Namen von hundert Städten giengen ihr ganz geläufig'vom
Munde, aus denen an unsere gelehrten Ahnen Antragen
über strittige RitualVorschriften gekommen waren, um von
ihnen in scharfsinnigen Responsen beantwortet zu werden.
Aus Salonichi nach Wiener-Neustadt, aus Brisk nach Metz,
aus nordafrikanischen Gemeinden nach Prag oder Worms.
0, diese wundersame Freizügigkeit der jüdischen Gelehr¬
samkeit gab dem Ahnenstolz des Ghettos einen ganz aparten
Glanz. Nicht der lange und ununterbrochene Besitz der
Scholle war das Merkmal des Ghetto-Adels, sondern im Ge-
gentheil die Ausbreitung des Gelehrten ruhmos, dessen
Träger ihre Sitze wechselten, lehrend bald im Osten und
bald im Westen, bald im Süden und bald im Norden. Im
siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert ist es fast wie; ein
Weg mit bestimmten Etappen, dass Rabbiner aus Polen
nach Metz berufen werden und,dass Wien und Fürth ihre
Lehrhäupter tauschen.
Ich bin an die Erzählungen unserer alten Muhme —
Gott hab..sie selig ! — durch ein gutes Buch gemahnt worden,
durch ein Buch der Pietät gegen einen, der gestorben, aber
nicht vergessen ist. Es ist das .„Gedenkbuch zur Erinnerung
an David Kaufmann". Leider habe ich David Kaufmann
nicht von Person gekannt, und von allem, was er geschrieben
hat, nur einen Theil. Aber die ihm dieses Gedenkbuch ge¬
widmet haben, sind voll des herrlichen Eindruckes seiner
Persönlichkeit. Und er muss wohl einer von den Hinreissen-
den gewesen sein, die nicht bloss sind, sondern auch wirken,
und nicht bloss- wissen, sondern auch scharfen. In diesem
Gedenkbucho wird unter anderem auch gepriesen, dass Da¬
vid Kaufmann unermüdlich die Erforschung und Darstel¬
lung jüdischer Familiengeschichten betrieben und angeregt
hat, dass er mit seinem „Ahnensaal Heinrich Heines" und
den ,,Memoiren der Glückel von Hameln 4 ' beispielgebend
vorangegangen ist. Das ist, linde ich, einer der liebenswür¬
digsten Züge im Oharakterbilde des früh dahingerafften
Mannes, der durch mehr als zwanzig Jahre von Budapest aus
die ganze jüdische Gelehrten weit mit seinen Anregungen
bereichert hat. »Ja, diese jüdischen Familiengeschichten! Sie
sind schier das Schönste, dessen das jüdische Geschichts-
leben der letzt verflossenen Jahrhunderte sieh berühmen
könnte, und liegen doch verschüttet, wie ein ungehobener
Sehatz, dessen Wert die Gleichgültigen oder Pietätlosen von
heute nicht begreifen. Arme, alte Muhme, was ist aus der
Welt geworden ! Wenn du mit frommem. Augenaufschlage
den Namen eines Rabbi nanntest, und dann noch einen und
wieder einen, die allesaimnt unsere Ahnen, deine und meine
gewesen, waren, wie wenig war dir bewusst, dass es ein Stück
jüdischer Adelsgoschichte war, die du erzähltest, und dass
die jüdische Geschichte der zweitausend Jahre seit der
ersten Zerstörung des Tempels'überhaupt nur Gelehrtenge¬
schichte ist ! Die Juden haben keine Lehens- und keine be-
amtenaristokratie. keinen alten Ritterstand und Grundbe¬
sitz. Ihr Aristokrat ist der Lehrer. Ja, so wenig ist die Scsh-
haftigkeit das Merkmal dieses jüdischen Gelehrtenadels.
dass beispielsweise in der Gemeinde von Posen die Vor¬
schrift bestand, es dürfe kein in dieser Gemeinde Geborener
zu ihrem Rabbiner gewühlt werden. Ich finde diese Vor¬
schrift wunderbar charakteristisch für die tiefe Ehrfurcht
vor der Wissenschaft, welche das Judenthum beseelte. Der
Abstand des Rabbi sollte auch ausser!ich zur Erscheinung
kommen, er sollte dadurch nicht verkleinert werden, dass
jeder erstbeste in der Gemeinde etwa zu unstatthafter Ver¬
traulichkeit verleitet werden konnte, weil er mit dem Rabbi
zusammen aufgewachsen war. Allerdings ist durch solche
und ähnliche Vorschriften die Continuität der Familien¬
zusammenhänge oft genug der genaueren Kenntnis entrückt
worden, aber darum ist es doch nicht weniger wahr, dass
ein gutes Stück der jüdischen Geschichte des sechzehnten,
siebzehnten und achtzehnten, vielleicht auch, des fünfzehnten
Jahrhunderts merkwürdig erhellt werden könnte, wenn mit
Eifer die Ausforschung und Darstellung jüdischer Familien¬
geschichten in Angriff genommen würde.
Die Familie ist die Burg des Judenthums. Das klingt
fast wie ein Gemeinplatz und gehört doch zu den anhei¬
melndsten und zu den unanfechtbarsten geschichtlichen T^r-
fahrungen. Schöner ist es niemals in Worten gesagt worden,
als von dem weit kund igen de Silva in Karl Gutzkows „Priel
Aeosta". Wie wäre es auch anders möglich gewesen, als dass
das innere Loben, des Judenthums in der Familie sich ver¬
dichtete? Von der Stadt und vom Staate waren die Juden
ausgeschlossen, zum Heere, zur Jagd, zum Ma r, kt war ihnen
der Zulass verwehrt': so eoncent rierto sich alles Leid und
alle Freude, alle Sorge und alle Hoffnung auf die Familie
im Halbdunkel des Ghettos. Die jüdische Familie ist die
Herzkammer der jüdischen Geschichte. Aber freilich, die
Einzelforschung ist erst seh]* spät, erst seit wenigen Jahren
zu dieser Erkenntnis gekommen und unterdessen war das
Material der Forschung zusammengeschrumpft und ver¬
kümmert. Es war für die jüdischen Familien ja auch kein
äusserer Anlass vorhanden, ihre Stammbäume evident zu
halten ; es standen keine Titel und Orden zu erwerben, wie
etwa für die Ritter des Goldenen Vliossos, die sich mit acht¬
zehn Almen ausweisen müssen. Nur von den Inschriften
verwitterter Grabsteine oder ans verschollenen Minhag¬
büchern sind noch vereinzelte Fainiiienzusaiunienhänge
oder Familienschicksale mühsam abzulesen. Auf ein Jahr¬
hundert reicht ja wohl mitunter mündliche oder
literarische Hoberlieforung zurück und nicht jede Familie
kann, sich rühmen, dass so viel Genie und Glanz sie um-
leuehtete, wie die ,,Familie Mendelssohn", der auch in der
Thai zuerst von einem ihrer Angehörigen eine ausgezeich¬
nete Monographie gewidmet wurde. Doch selbst die Tra¬
dition dieser begnadeten Familie beginnt erst bei Moses,
dem Philosophen, und von dessen Vater weiss man viel
weniger als von seinem Lehrer, dem Rabbi David Frankel
in Dessau, der ein berühmter Talmudist war. Die Voraus¬
setzung des Ahnenstolzes ist lebendiger Geschichtssinn und
wie hätte dieser in dem Infi- und lichtlosen Pferch des
Ghettos, in der dumpfen Klause des Talmudlehreis rege
werden sollen, von wo aus kaum die Sonne zu sehen, ge¬
schweige ein "Rückblick auf die Vergangenheit und ein Aus¬
blick auf die Zukunft möglich war. Das historische Fami-
lionbowmsstsein, das ein 'Bewusstsein des zeitlichen Zusam¬
menhanges ist, konnte erst aufleben, als die Gheltomauer
niederbrach, als die Dialectik von unbehinderter Weltbe¬
trachtung abgelöst war: aber inzwischen hatte das Emnn-
eipations- und Assimilierungsverlangen die alten Grund¬
lagen des jüdischen Lebens erschüttert und versehohen. Die
alte Muhme mit ihren Erzählungen und Erinnerungen war
ei n An ach roni smu s geworden.
Und. doch war die Continuität nicht völlig auszulöschen,
ja es liegt eine Art geschichtlicher Destination darin, dass
eine der hervorragendsten und anziehendsten Gestalten de?
Zeitalters der jüdischen Emancipation in ganz directer Her¬
kunft von vornehmem Rahbinerblute stammte, ja dass sogar
diese Gestalt eines führenden deutsehen "Mannes, gleichsam
um in sieh alle Contraste der jüdischen Geschichte wider¬
zuspiegeln, einen berühmten polnischen Rabbiner zum
Ahnen hatte. Rabbi Eleasar ben Mordeobai TToilprin, der
aus Polen nach Fürth berufen wurde und dort im Jahre
1700 starb, war der Hr-Hrgrossvatcr Gabriel Riossors. des
VieepräsidenteiL der ersten deutschen Nationalversammlung
in der Frankfurter Paulskirche. Aller Idealismus des tollen
Jahres" quillt stürmisch aus der Seele dieses .gebräunten,
schwarz lockigen Hamburger Rechtsanwaltes hervor, der zu
den hinreissendsten Rednern der Paulskirche zählt, und