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„Die $ Welt"
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mit hastigen Schritten, die durch ihre Sicherheit die Bekanntschaft
mit der Localität verrathen, über den vereinsamten weissschim-
mernden Marktplatz hinweg, durch stille Gassen und verschneite
Wege, dem entgegengesetzten Ende des Städtchens zu.
Dort stehen einige kleine Häuser, knapp aneinandergedrängt,
gleichsam als ob sie der gegenseitigen Stütze bedürften. Alle
sind sie schmucklos, unauffällig, verraucht und schief, und alle
stehen sie in ewiger Lautlosigkeit in den verborgenen Gassen.
Es ist, als hätten sie nie eine frohe,, in Lust überschäumende Fest¬
lichkeit gekannt, als hätte nie eine jubelnde Freude diese erblinde¬
ten, versteckten Fenster erbeben gemacht, nie ein leuchtender
Sonnenschein sein schimmerndes Gold in den Scheiben gespiegelt.
Einsam, wie verschüchterte Kinder, die sich vor den andern fürch¬
ten, drücken sie sich zusammen in dem engen Complexe der
Judenstadt.
Vor einem dieser Häuser, dem grossten und verhältnismässig
ansehnlichsten, macht der Fremde Halt. Es gehört dem Reichsten
der kleinen Gemeinde und dient zugleich als Synagoge.
Aus den. Kitzen der vorgeschobenen Vorhänge dringt ein
heller Lichtschimmer und aus dem erleuchteten Gemache klingen
Stimmen im religiösen Gesang. Es ist das Chanukafest, das fried¬
lich begangen wird, das Fest des Jubels und des errungenen Sieges
der Makabkäer, ein Tag, der das vertriebene, schicksalgeknechtete
Volk an seine einstige Kraftfülle erinnert, einer der wenigen
freudigen Tage, die ihnen das Gesetz und das Leben gewährt hat.
Aber die Gesänge klingen wehmüthig und sehnsuchtsvoll, und das
blanke Metall der Stimmen ist rostig durch die tausend vergosse¬
nen Thränen; wie ein hoffnungsloses Klagelied tönt der Sang auf
die einsame Gasse und verweht ....
Der Fremde bleibt einige Zeit unthätig vor dem Hause, in
Gedanken und Träume verloren, und schwere, quellende Thränen
schluchzen in seiner Kehle, die unwillkürlich die uralten heiligen
Melodien mitsingt, die tief aus seinem Herzen emporfliessen.
Seine Seele ist voll tiefer Andacht.
Dann rafft er sich auf. Mit zögernden Schritten geht er
auf das verschlossene Thor zu, und der Thürklopfer fällt mit
wuchtigem Schlage auf die Thür nieder, die dumpf erzittert.
Und das Erzittern vibriert durch das ganze Gebäude
fort ....
Augenblicklich verstummt von oben der Gesang, wie auf ein
gegebenes, verabredetes Zeichen. Alle sind blass geworden und
sehen sich mit verstörtem Blick an. Mit einemmale ist die Fest¬
stimmung verflogen, die Träume von der siegenden Kraft eines
Juda Makkabi, dem sie im Geiste alle begeistert zur Seite standen,
sind versunken, das glänzende Reich der Juden, das vor ihren
Augen war, ist dahin, sie sind wieder arme, zitternde, hilflose
Juden. Die Wirklichkeit ist wieder auferstanden.
Furchtbare Stille. Der bebenden Hand des Vorbetenden
ist das Gebetbuch entsunken, keinem gehorchen die bleichen Lip¬
pen. Eine entsetzliche Beklemmung hat sich im Zimmer erhoben
und hält alle Kehlen mit eiserner Faust umkrampft. —
Sie wissen wohl, warum.
Ein furchtbares Wort war zu ihnen gedrungen, ein neues,
unerhörtes Wort, dessen blutige Bedeutung sie an ihrem eigenen
Volke fühlen mussten. Die Flagellanten waren in Deutschland er¬
schienen, die wilden gotteseifrigen Männer, die in korybantiseher
Lust und Verzückung ihren eigenen Leib mit Geisseihieben zer¬
fleischten, trunkene, wahnsinnswüthende Scharen, die tausende von
Juden hingeschlachtet und gemartert hatten, die ihnen ihr heilig¬
stes Palladium, den alten Glauben der Väter gewaltsam entreissen
wollten. Und das war ihre schwerste Furcht. — Gestossen, ge¬
schlagen, beraubt zu werden, Sclaven zu sein, alles hatten sie
hingenommen mit einer blinden 'fatalistischen Geduld; Ueber-
fälle in später Nacht mit Brand und Plündeiung hatte jeder er¬
lebt und immer wieder lief ein Schauder durch ihre Glieder, wenn
sie solcher Zeiten gedachten.
Und vor wenigen Tagen war erst das Gerücht gekommen,
auch gegen ihr Land, das bisher die Geissler nur dem Namen
nach gekannt, sei eine Schar aufgebrochen und sollte nicht mehr
ferne sein. Vielleicht waren sie schon hier ?
Ein furchtbarer Schrecken, der den Herzschlag hemmte,
hat jeden erfasst. Sie sehen schon wieder die blutgierigen Scharen
mit den weinberauschten Gesichtern mit wilden Schritten in die
Häuser stürmen, lodernde Fackeln in der Hand, in ihren Ohren
klingt schon der erstickte Hilferuf ihrer Frauen, die die wilde
Lust der Mörder büssen, sie fühlen schon die blitzenden Waffen.
Alles ist wie ein Traum, so deutlich und lebendig. —
Der Fremde horcht hinauf, und als ihm kein Einlass gewährt
wird, wiederholt er den Schlag, der wiederum dumpf und dröhnend
durch' das verstummte, verstörte Haus zittert. —
Inzwischen hat der Herr des Hauses, der Vorbeter, dem
der weiss herabwallende Bart und das hohe Alter das Ansehen
eines Patriarchen gibt, als erster ein wenig Fassung gewonnen.
Mit leiser Stimme murmelt er: „Wie Gott will.* 1 Und dann beugt
er sich zu seiner Enkelin hin, einem schönen Mädchen, das in
ihrer Angst an ein Reh erinnert, welches sich mit flehenden grossen
Augen dem Verfolger entgegen wendet: „Sieh' hinaus, wer es ist,
Lea!"
Das Mädchen, auf dessen Mienen sich die Blicke aller con-
centrieren, geht mit scheuen Schritten zum Fenster hin, wo sie
den Vorhang mit zitternden, blassen Fingern hin wegschiebt. Und
dann ein Ruf, der aus tiefster Seele kommt: Gottlob, ein ein¬
zelner Mann."
„Gott sei gelobt,"' klingt wie ein Seufzer der Erleichterung
von allen Seiten wieder. Und nun kommt auch Bewegung in die
starren Gestalten, auf denen der furchtbare Alp gelastet hat, ein¬
zelne Gruppen bilden sich, die theils in stummem Gebete stehen,
andere besprechen voll Angst und Ungewissheit die unerwartete
Ankunft des Fremden, der jetzt zum Thore eingelassen wird.
Das ganze Zimmer ist von einem schwülen, drückenden
Duft von Scheiten und der Anwesenheit so-vieler Menschen er¬
füllt, die alle um den reichbedeckten Festtisch versammelt gewesen
waren, auf dem das Wahrzeichen und Symbol des heiligen Abends,
der siebenarmige Leuchter, steht, dessen einzelne Kerzen matt
durch den schwelenden Dunst brennen. Die Trauen sind in reichen,
schmuckbesetzten Gewändern, die Männer in den wallenden Klei¬
dern mit weissen Gebetbinden angethan. Und das enge Gemach
ist von einer tiefen Feierlichkeit durchweht, wie sie nur dir echte
Frömmigkeit zu verleihen vermag.
Nun kommen schon die raschen Schritte des Fremden die
Treppe herauf, und jetzt tritt er ein.
Zugleich dringt ein fürchterlicher, scharfer Windstoss in
das warme. Gemach, den das geöffnete Thor hereinleitet. Und eisige
Kälte strömt mit der Schneeluft herein und umfröstelt alle. Der
Zugwind löscht die flackernden Kerzen am Leuchter, nur eine
zuckt noch ersterbend hin und her. Plötzlich ist dadurch das
Zimmer in ein schweres, ungemütliches Dämmerlicht gehüllt, es
ist, als ob sich jäh eine kalte Nacht von den Wänden herab¬
senken möchte. Mit einem Schlage ist das Behagliche, Friedliche
verflogen, jeder fühlt die üble Vorbedeutung, die in dem Ver¬
löschen der heiligen Kerzen liegt, und der Aberglaube macht sie
wieder von neuem erschaudern. Aber keiner wagt ein Wort zu
sprechen. —
An der Thüre steht ein hochgewachsener, seh warzbärtiger
Mann, der kaum älter sein dürfte als dreissig Jahre, und entledigt
sich rasch der Tücher und Decken, mit denen er sich gegen die
Kälte vermummt hatte. Und im Augenblicke, wo seine Züge im
Dämmerschein der kleinen, flackernden letzten Kerzenf lamme
sichtbar werden, eilt Lea auf ihn zu und umfängt ihn.
Es ist Josua, ihr Bräutigam aus der benachbarten Stadt.
Auch die andern drängen sich lebhaft um ihn herum und
begrüssen ihn freudig, um aber bald zu verstummen, denn er wehrt
seine Braut mit ernster, trauriger Miene ab und ein schweres
sorgenvolles Wissen hat breite Furchen in seine Stirn gegraben.
Alle Blicke sind ängstlich auf ihn gerichtet, der seine Worte gegen
die strömende Flut seiner Empfindungen nicht vertheidigen kann.
Er fasst die Hände der Zunächststehenden, und leise entringt sich
das schwere Geheimnis seinen Lippen:
„Die Flagellanten sind da!"
Die Blicke, die sich auf hin fragend gerichtet haben, sind