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Die & Welt'
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dessen Spitze ein Schimmer ausgeht, wie der eines Edelsteines an
einer beringten Hand.
Hier war alles glatt und weiss, wie die erstarrte Oberfläche
eines Sees. Kur hie und da zeigten sich in einem abgegrenzten
Kaum kleine, gleichmäßige Erhöhungen, unter denen sie ihre
Liehen wussten, die hier ausgestorben und einsam, wie das ganze
Volk, fern von ihrer Heimatsstatt ein stilles, ewiges Bett gefun¬
den hatten.
Tiefe Stille, die nur das leise Schluchten durchbricht.
Und heis.se Thrünen rinnen über die erstarrten, leiderfah¬
renen Gesichter herab und worden im Schnee zu blanken Eis¬
tropfen.
Vergangen und vergessen ist alle Todesfurcht, wie sie den
tiefen stummen Frieden sehen. Und alle übei kommt mit einem-
male eine unendliche, thränenschwere, wilde Sehnsucht nach dieser
ewigen, stillen Ruhe am „guten Ort"', zusammen mit ihren Lieben.
Es schläft so viel von ihrer Kindheit unter dieser weissen Decke,
so viel selige Erinnerungen, so unendlich viel Glück, w r ie sie es
nie mehr wieder erleben werden. Das fühlt jeder und jeden fassl
die Sehnsucht nach dem „guten Ort".
Aber die Zeit drängt zum Aufbruch.
Sie kriechen wieder in die Wagen hinein, eng und fest
gegeneinander, denn während sie im Freien die schneidende Killte
nicht verspürt^ schleicht jetzt wieder das eisige Frösteln ihre
bebenden, zitternden Körper hinauf und schlägt die Zähne gegen¬
einander. Und im Dunkeln des Wagens finden sich die Iii icke
mil dem Ausdrucke einer unsagbaren Angst und eines unendlichen
Leides . . .
Ihre Gedanken aber ziehen immer wieder den Weg zurück,
den die breiten Furchen der Gespanne in den. Schnee eingezwängt,
zurück zum Orte ihrer Sehnsucht, zum „gnUn Ort".
Ks ist Mitternacht vorbeigezogen. Die Wagen sind schon
weit weg von der Stadt, mitten in der gewaltigen Ebene, die der
Mond hell überflutet und die von den schimmernden He Hexen des
Schnees wie mit weissen, wallenden Schleiern um woben ist. Müh¬
sam stapfen die starken Rosse durch die dicke Schichte, die. sich
an den Rändern zäh anheftet, langsam, fast unmerklich holpern die
Gefährte weiter; es ist als ob sie jeden Augenblick stellen bleiben
würden.
Die Kälte ist furchtbar geworden und schneidet wie mil
eisigen Messern in die Glieder, die schon viel von ihrer Beweg¬
lichkeit eingebüsst haben. Und nach und nach ist auch ein starker
Wind erwacht, der wilde Lieder singt und an den Wagen rasselt.
Wie mit gierigen Händen, die sich nach den Opfern ausrecken,
reisst es an den Reitdecken, die unablässig geschüttelt werden
und nur mehr mit Mühe von den starren Händen stärker befestigt
wei den können.
Und immer lauter singt der Sturm und in seinem Lied
verklingen die betenden, leise lispelnden Stimmen der Männer,
deren eiserstarrte Lippen nur mehr mit Anstrengung die Worte
formen können. Unter dem sehrillen Pfeifen erstirbt das fassungs¬
lose, zukunftsbange Schluchzen der Frauen und das eigensinnige
Weinen der Kinder, denen die Kälte den Druck der Müdigkeit ge¬
nommen.
Aeehzend rollen die Räder durch den Schnee.
Im letzten Wagen schmiegt sich Lea an ihren Bräutigam
Tin, der ihr mit trauriger, monotoner Stimme von dem grossen
Leide erzählt. Und er schlingt den starren Arm fest um ihren
mädchenhaften, schmalen Körper, als wollte er sie gegen die An¬
griffe der Kälte und gegen jeden Schmerz, behüten. Und sie
sieht ihn mit dankbaren Blicken an und i*.i das Gewirre von
Klagen und Stürmen verrinnen einige sehnsuchtszärtliche Worte,
die beide an Tod und Gefahr vergessen machen ....
Plötzlich ein harter Ruck, der alle zum Schwanken bringt.
Und dann bleibt der Wagen stehen.
Undeutlich vernimmt man von den vorderen Gespannen
her durch die tosende Flut des Sturmes laute Worte, Peitschen¬
knall und Gemurmel von erregten Stimmen, das nicht verstummen
will. Man verlässt die Wagen, eilt durch die schneidende Kälte
nach vorne, wo ein Pferd des Gespannes gestürzt ist und das zweite
mit sieh gerissen hat. Um die Rosse herum die Männer, die helfen
wollen, aber nicht können, denn der Wind stösst sie wie seh wache,
achtlose Puppen, und die Flocken blenden ihre Augen und die
Hände sind erstarrt, kraftlos, wie Holz liegen die Finger anein¬
ander. Und weithin keine Hülfe., nur die Ebene, die im stolzen
Bewusstsein ihrer Unendlichkeit sich ohne Linien in dein Schnee-
dämmer verliert und der Sturm, der ihre Kufe achtlos ver¬
schlingt.
Da wird wieder das traurige, volle Bewusstsein ihrer Lage
in ihnen wach. In neuer, furchtbarer Gestalt greift der Tod
wieder nach ihnen, die hilflos beisammenstehen in ihrer Wehr-
Icsigkeit gegen die unbekämpfbaren, unversiegbaren Kräfte der
Natur, gegen die unabwendbare Waffe des Fiost.es.
Immer wieder posaunt der Sturm ihnen das Wort ins Ohr:
Hier musst du sterben —, sterben -—
Und die Todesfurcht wird in ihnen zu resignierter hoff¬
nungsloser Ergebenheit.
Keiner hat es laut ausgesprochen, allen kam der Gedanke
zugleich. Sie klettern unbeholfen, wie es die steifen Glieder ge¬
statten, in die W agen hinein, eng aneinander, um zu sterben.
Auf Hilfe hoffen sie nicht mehr.
Sie schmiegen sich zusammen, jeder zu seinen Liebsten, um
im Tode beisammen zu sein. Draussen singt der Sturm, ihr ewiger
Begleiter, ein Sterbelied, und die Flocken bauen um die Wagen
einen grossen, schimmernden Sarg.
Und langsam kommt der Tod. Düren alle Ecken und Poren
fliesst die eisige, stechende Kälte herein, wie ein Gift, das behut¬
sam, seines Erfolges sieher, Glied auf Glied ergreift ....
Langsam rinnen die Minuten, als wollten sie dem Tode
Zeit geben, sein grosses Werk der Erlösung zu vollführen . . . .
Schwere, lange Stunden ziehen vorbei, deren jede verzagte
Sielen in die Ewigkeit trägt.
Der Sturm singt fröhlich und lacht in wildem Hohn über
dieses Drama, der Alltäglichkeit. Und achtlos streut der .Mond
sein Silber über Leben und Tod.
im letzten Wagen ist tiefe Stille. Einige sind schon todt.
andere in dem hallucinatorischen Bann, mit dem das Erfrieren den
Tod verschönt. Aber alle sind sie still und ieblos nur die Gedanken
schiessen noch wie heisse Blitze wirr durcheinander ....
Josua hält seine Braut mit kalten Fingern umspannt. Sie
ist schon todt. aber er weiss es nicht ....
Er träumt......:
Er sitzt mit ihr in dem duftdurchwarmten Geniach; der
goldene Leuchter flammt mit seinen sieben Kerzen und alle sitzen
sie wieder beisammen wie einstmals. Der Abglanz des Freuden¬
festes ruht auf den lächelnden. Gesichtern, die freundliche Worte
und Gebete sprechen. Und längst gestorbene Personen kommen
zur grossen Thüre herein, auch seine todten Eitern, aber es wundert
ihn nicht mehr. Und sie küssen sieh zärtlich und sprechen ver¬
traute Worte. Und immer mehr nahen, -Juden in altväterlichen,
verblichenen Trachten und Gewändern und es kommen die Helden,
Juda Makkabi und alle die anderen; sie setzen sich zu ihnen und
sprechen und sind fröhlich. Und immer mehr nahen. Das Zimmer
ist voll von Gestalten, seine Augen werden müde vom Wechsel der
Personen, die immer rascher wandeln und durcheinanderjagen,
sein Ohr dröhnt von dem Wirren der Geräusche. Es hämmert
und dröhnt in seinen Pulsen, heisser, immer heisser — ^
Und plötzlich ist alles still, vorbei ....
Nun ist die Sonne aufgegangen und die Schneeflocken, die
noch immer niederhasten, schimmern wie Diamanten. Und wie von
Edelsteinen schimmert es auf auf dem breiten Hügel, der über
und über mit Schnee bedeckt, sich über Nacht aus der Ebene
erhoben hat.
Es ist eine frohe, starke Sonne, beinahe eine Lenzsonne, die
plötzlich zu leuchten begonnen hat. Und wirklich ist auch der
Frühling nicht mehr fern. Bald wird er alles wieder knospen
und grünen lassen und wird das weisse Linnen nehmen von dem
Grabe der armen, verirrten, erfrorenen Juden* die in ihrem Leben
einen Frühling nie gekannt.......