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and Administration:
WIEil
]& v TärkGESäTiisse Nr. 9.
Telephon 14199.
Erscheint jeden Freitag,
Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern
an die Redaction oder Administration: Wien, IX.,
Türkenstrasse Nr. 9, zu richten.
Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte
nicht zurückgesendet.
Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag
von 3—4 Uhr.
Preise der Anzeigen:
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Der Inseratentheil
wird Dienstag abends geschlossen.
Einzelne Nummern 30 Heller.
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Nr. 32.
Wien, 9. August 1901.
5. Jahrgang
Die abgelaufenen Abonnements bitten wir recht¬
zeitig erneuern zu wollen, damit keine Unterbrechung in
der Zustellung erfolge. In Warschau haben wir
keine Agentur mehr, wir bitten deshalb unsere
Gesinnungsgenossen, sich in allen Dingen direct an uns zu
wenden.
Die Administration der „Welt" ist vom vorderen
Tracte des Hauses Türkenstrasse 9 in den rückwärtigen
Tract desselben Hauses, 3. Stiege, Mezzanin, übersiedelt.
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Ein amerikanischer Reformrabbiner Uber den
Zionismus.
Von Moriz Zobel.
Es geschehen Zeichen und Wunder. Man stelle sich
einmal eine Conferenz von ausgesprochen „reformierten 4 '
.Rabbinern vor, die zusammengekommen sind., um über die
„zeitgemässe Kürzung", d. h. Verwässerung und Entnatio¬
nalisierung der jüdischen Gebete, über die Verdrängung
der hebräisehen {Sprache aus der Liturgie, über die Ver¬
anstaltung von Sabbathgottesdiensten am Sonntag, kurz
über die beste und schönste Art der Einbalsamierung des
Judenthums Bath zu pflegen. Und in dieser Versammlung
erhebt sieh der Vorsitzende und hält eine unsäglich zio¬
nistische Bede, die so überraschend gut jüdisch ist und so
sehr ins Schwarze trifft, dass die perplexen Amtsbrüder
vor Erstarrung nicht einmal den Kopf schütteln können.
Alan vergegenwärtige sich diese merkwürdige Scene und
gestehe sich ein, dass die zionistische Idee wahre Wunder
wirkt.
Denn der geschilderte hochinteressante Vorgang hat
sich thatsächlieh abgespielt, und der Schauplatz war dieselbe
Ccntralconferenz der amerikanischen Beformrabbiner, in
der erst vor einigen Jahren die Protestlosung ausgegeben
wurde: Amerika ist unser Zion, Washington unser Jerusa¬
lem. Heute aber bekennen sieh die meisten Theilnehmer
der Conferenz, wie „Jewish Chroniele" zu melden weiss, zu
einem „colonialen Zionismus", d. h. wohl zur Nothwendig¬
keit der Schaffung jüdischer Siedelungen im wirklichen,
palästinensischen Zion. Welcher rasche Umschwung!
Die Conferenz fand in Philadelphia statt, einige Wo¬
chen nach der Convention der amerikanischen Zionisten,
die in derselben Stadt tagte. Den Vorsitz in der Babbiner-
conferenz führte Beverend Dr. Joseph Silvcrman, und er
war es, der die Discussion über den Zionismus, wie schon
erwähnt, durch eine mannhafte, in ihrer offenherzigen Ent¬
schiedenheit ungemein sympathisch anmuthende Bede in
Fluss brachte. Wir lassen hier diese Bede an der Hand
des „Jewish Chronicle" in deutscher Uebersetzung folgen:
Bev. Dr. Silvcrmann sagte:
„ . . . Ich mag Sie wohl einigermassen in Erstau¬
nen setzen, wenn ich Ihnen sage, dass ich über die zio¬
nistische Bewegung berichten will. Ich bin der That-
sache wohl bewusst, dass diese Conferenz ihrer Gegner¬
schaft zum politischen Zionismus, d. h. zur Gründung
eines jüdischen Staates, protokollarisch Ausdruck ge¬
geben hat, aber ich weiss ebenso, dass wir zu gleicher
Zeit uns einer Ansiedelung von Juden in Palästina ge¬
neigt zeigten.
Seit der Annahme beider Resolutionen ist der Zio¬
nismus hinsichtlich der Zahl seiner Anhänger, hinsicht¬
lich seiner Bedeutung, seines Einflusses und seiner vor¬
herrschenden Ideen oder Pläne vorwärts geschritten.
Er beschränkt seine Bemühungen nicht mehr ausschliess¬
lich auf die Bildung eines Judenstaates, obgleich dies
noch immer sein letztes Ziel sein mag, sondern gibt sieh
vorerst damit zufrieden, in Palästina ausgedehnte Siede¬
lungen von Juden unter der Schutzherrschaft des Sul¬
tans und mit Genehmigung der übrigen Mächte zu
stiften. Diese Absieht würde im Falle eines Erfolgs das
Ergebnis haben, dass sich die überfüllten jüdischen
Wohnstätten, in erster Reihe die in Bussland und Ru¬
mänien, dann aber auch möglicherweise die in London
und New-York, lichteten. Das wäre ein Ziel, aufs innigste
zu wünschen. Auch liegt die Möglichkeit seiner Ver¬
wirklichung gar nicht so fern. Der deutsche Kaiser be¬
trachtet die Bewegung mit Wohlwollen, wenigstens würde
er sich ihr nicht entgegenstellen. Und nun kommt die
Nachricht, dass der Sultan dem Dr. Herzl mehrere län¬
gere Unterredungen gewährt hat, deren Ergebnis nach
den Mittheilungen Dr. Herzls bei dem ihm von den Mak-
kabäern in London bereiteten Empfang darin besteht,
dass ungefähr zehn Millionen Dollars (zwei Millionen
Pfund) erforderlich sind, ehe ein wichtiger Schritt vor¬
wärts gemacht werden kann.
Man kann aus dieser Darlegung den Schluss ziehen,
dass die türkische Regierung bereit ist, den Zionisten