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Nr. 46.
Wien, 15. November 1901.
5. Jahrgang
Zur Geschichtsschreibung des Zionismus.
Die Entwicklungsgeschichte des Zionismus ist
noch zu schreiben. Hie und da begegnen wir be¬
merkenswerten Ansätzen hierzu. Es hat uns freudig
überrascht, eine solche diesmal nicht in einer gesinnungs-
genössischen Druckschrift, sondern in einem der
modernsten und europäischesten Blätter, in der Pariser
„Fronde% der bekannten grossen Frauenzeitung, über
deren Interesse für den Zionismus wir vor kurzem
berichtet haben, zu finden. In ihren Nummern vom
31. October und 1. November bringt sie einen mit
der Chifr.e „B. Mil." gezeichneten Artikel, der in überaus
lichtvoller und verständnisvoller Weise das Werden und
die Ziele unserer Bewegung darstellt. Wir zögern nicht,
die bedeutsamen Ausführungen im Nachstehenden voll¬
inhaltlich wiederzugeben.
Der Zionismus ist die in der Mitte des Judenthums aufge¬
keimte Bewegung, welche der nationalen Unabhängigkeit der jü¬
dischen Nation auf dem Boden ihres alten Heimatlandes Pa¬
lästina entgegen strebt. Er ist eine historische Bewegung, welche
sich wührend der ganzen jüdischen Diaspora unter verschiedenen
Namen und Formen, je nach der Zeit, entweder sichtbar bethä-
tigt hat oder latent geblieben ist. Man könnte zusammenfassend
sagen, dass diese Unabhängigkeitsbewegung wählend der Jahr¬
hunderte des jüdischen Leidens drei Formen annahm: 1. Die
Form der militärischen Aufstände während der vier Jahrhunderte,
welche der Niederwerfung des jüdischen Staates durch die Hömel*
folgten. Die zweite Form ist die des Glaubens an einen sein Volk
vom fremden Joche befreienden Messias: dieser Glaube äusserte
sich durch gewaltige Agitationen und durch Auswanderungen,
hervorgerufen von glühenden und kühnen Patrioten, die in der
jüdischen Geschichte unter dem Namen von falschen Messiassen
bekannt sind. Drittens endlich die jetzige Form der jüdischen
Nationalbewegung, deren Anfänge in die Mitte dieses Jahrhun¬
derts fallen und welche später die Bezeichnung Z i o n i s m u s
angenommen hat.
Dieser ist eine gleichzeitig politische, wirtschaftliche und
sociale Bewegung, welche die Wiederherstellung, die politische
Wiedergeburt der Juden in Palästina bezweckt, um ihr phy¬
sisches,- intellectuelles und moralisches Gedeihen in Freiheit und
Wohlstand zu siehern.
.Der Zionismus in seiner jetzigen Form datiert nicht seit dem
Erscheinen der Broschüre des Dr. Herzig wie so manche glauben,
sondern seit der palästinophilen Propaganda der Alkalay,
Nathan F r i e d 1 ä n d e r . Rabbi Kaiische r , Moses H e s s*)
und anderer deutscher Juden, welche in den Jahren 1840 bis 18(52
wichtige Werke über die jüdisch-nationale Frage veröffent¬
lichten. Ein Ausschuss für eine jüdische Colonisation Palästinas
bildete sich in Deutschland im Jahre 1800 unter dem Vorsitze
des Dr. L o r i a. Die Idee verbreitete sich in Oesterreich* wo sich
Kreise für jüdische Studien bildeten. In Frankreich studierte
Jqseph Salvador die hebräischen Institutionen und die Ge¬
schichte der römischen Herrschaft in Judüa: er schrieb als Krö¬
nung seiner wissenschaftlichen und originellen Arbeiten das Buch
„Paris, Rom, Jerusalem", in welchem er der Wiederherstellung
der jüdischen Unabhängigkeit in Palästina das Wort redete. Ob¬
gleich Salvador ein Geschichtsschreiber ersten Banges war, hatten
dennoch seine rein theoretischen Schlüsse keinen sofortigen prak¬
tischen Erfolg.
Im Jahre 1857 versuchte es der berühmte Philanthrop Moses
M o n t e f i o r e , zwei jüdische Ackerbau-Colonien in Palästina
zu gründen. Es lässt sich schwer feststellen, ob Montefiore an
eine Massencolonisation Palästinas durch die Juden dachte. Adolf
C r e* m i e u x , einer der Gründer und Präsident der „Allianee
Israelite Universelle", hatte den Plan einer ausgiebigen Coloni¬
sation des alten Heimatlandes Israels im Auge, als er für die
Gründung einer jüdischen Ackerbauschule in Jaffa eintrat. Das
gelit aus einer von ihm in einer Sitzung der „Alliance"' ge¬
sprochenen Rede hervor. Die erwähnte Schule wurde thatsäch-
Jieh von Charles Netter gegründet und besteht noch heute unter
dem Namen „Mikweh Israel".
Im Jahre 1878 legte ein englischer Staatsmann, L. Oliphant,
den Juden sein Project, betreffend die Neuerwerbung Palästinas
und dessen Colonisierung vor; der Prinz von Wales, Disraeli,
Salisburv, waren dem Projecte gewogen; unter dem Einflüsse der
Propaganda Oliphants bildeten sich in Rumänien und Russland
mehrere jüdische Colonisationsvereine. .Nicht zu vergessen ist auch
die kräftige Propaganda Peter S m o 1 e n s k y s zugunsten der
nationalen Idee und der Colonisation Palästinas.
1878 wurde in Palästina die Ackerbaucolonie Pethach
Tikwah gegründet. Ich übergehe einige weitere ähnliche Ereig¬
nisse. — Dies alles gieng den russischen Metzeleien im Jahre 1881
voraus, eine Thatsachc, welche beweist, dass die gewöhnliche Lage
*) Der g'. Artikelschreiber hat den französischen Demo¬
kraten Erneste Laharanne nicht berücksichtigt, dessen Buch über
die orientalische Frage auf Moses Hess von grossem Einflüsse war.