Page
Nr. 46
„Die 2$ Welt"
Seite 3
des Wallachen, die grausame Räuberei des Marokkaners zufügen,
— dieser Jude, der bereit ist, für die vollkommene Freiheit seines
Volkes zu kämpfen, hat einen ebensolchen Abscheu vor der offenen
Wuth des Antisemiten wie vor der süssliclien, falschen Um¬
armung des Fhilosemiten; für diesen Juden ist die letztere ab-
stossender als die erste, denn nicht der nationale Tod ist es,
welchen der Zionist seinem Volke wünscht, sondern seine Be¬
freiung vom JocE der Völker, seine Wiederaufrichtung, seine na¬
tionale Freiheit. Diese Freiheit ist für die Juden so wie für jede
andere Nation nur auf einem festgestellten und autonomen Terri¬
torium möglich; dieses Territorium kann auf Grund historischer
und actueller Ursachen nur die alte jüdische Heimat Palästina
sein. (Ein Schluss-Artikel folgt.)
Der Zionismus in Argentinien.
(Original-Correspondenz der „Welt".)
Buenos-Aires, 20, October 1901.
Die hiesige «Liga Dr. Theodor Herzl" entfaltet eine
überaus rege agitatorische und culturelle Thätigkeit. Sie
hat eine Vereinsbücherei in der Calle Libertad 456 ein¬
gerichtet, die nahezu 5000 Bände besitzt und gegen eine
massige Gebür auch an Nichtmitglieder Bücher verleiht.
Auch in die umliegenden Campas und in die jüdischen
Colonien werden Bücher ausgeliehen gegen Zuschlag des
Postportos. Wir haben*Bücher in hebräischer, jüdischer,
spanischer, deutscher und anderen Sprachen, zumeist jüdi¬
schen, aber auch allgemeinen Inhaltes. Die hebräische Ab¬
theilung umfasst 1500 Bände. In Verbindung mit der
Bücherei steht eine Freilesehalle, in der die meisten jüdi¬
schen Blätter, insbesondere aber die zionistischen, auf¬
liegen.
Ferner hat unsere Liga ein zionistisches Beth-
Hamidrasch in der Calle Talcahuano 455 errichtet, in
dem jeden Abend Vorträge aus jüdischer Geschichte und '
Literatur gehalten werden und dessen Einkünfte zionisti¬
schen Zwecken gewidmet sind, Der zionistische Volks-;
redner Rev. M. Rüben Sinai hält allwöchentlich im
Beth-Hamidrasch zionistische Vorträge. Auch werden Re-
productionen jüdischer Gemälde ausgestellt und erklärt,
sowie die Geographie Palästinas an der Hand guter Karten
demonstriert.
Die Mitgliederzahl unserer Liga ist in steter Zu¬
nahme begriffen. Das Interesse für den Zionismus steigt
in der ganzen Republik von Tag zu Tag, wie ausser der
wachsenden Zahl der Seh ekel zahl er und Shareholders der
Jüdischen Colonialbank auch die häufigen, meist freund¬
lichen Notizen der hiesigen spanischen Tageszeitungen über
unsere Bewegung beweisen.
An den V. Congress in Basel wird die Liga ein
überaus kunstvoll gearbeitetes Album mit Unterschriften
aller Juden Argentiniens, die mit unserer Sache sympathi¬
sieren, absenden.
Unsere Liga hat auch einen Share-Club gegründet,
der den Namen Max N o r d a u s trägt und vom Head-Office
in London als Club Nr. 72 registriert worden ist. Der
Absatz der Marken lässt nichts zu wünschen übrig.
Wir werden Ihnen von nun ab in regelmässigen
latervallen Berichte über unsere Thätigkeit zusenden.
Mit hochachtungsvollem Zionsgrusse
Jacob S. Liachowizky
Secretär der „Liga Theodor Herzl".
Ein Abgefallener.
Von Dr. 0. Thon (Krakau).
Es gibt Menschen, die häufig, viel zu häufig, ihre
Ueberzeugungen wechseln, aber immer aus ehrlicher Ueber-
zeugung. Man thut diesen Menschen in der Regel tief un¬
recht, wenn man sie nach der Schablone Abtrünnige schimpft
und dabei nach allen Seiten sich umsieht, ob man bei ihnen
vielleicht doch irgend ein niedriger zu bewertendes Motiv
entdecken könnte. Niedrige Motive brauchen dabei sicherlich
nicht vorzukommen, aber irgend ein, ich möchte sagen
organischer Maugel ist doch im Spiele. Es fehlt solchen
Menschen in ihrer geistigen Constitution das starke un t er¬
be wusste Gefühlselemeut, aus dem heraus und in das hinein
für alle Ewigkeit unentvvurzelbare Ueberzeugungen wachsen
können. Unentwurzelbar insbesondere, wenn diese Ueber¬
zeugungen nicht bloss eine speculativ ergründete theoretische
Wahrheit biKien sollen, sondern noch mehr die Grundlage
für ein in Wirklichkeit umzusetzendes Ideal abgeben.
Menschen mit ausgeprägtem Gefühlsleben können derart
gewonnene Ueberzeugungen niemals los werden, wenn sie
mit noch so viel angeborenem oder anerzogenem Skepticis-
mus herumraisonnieren. Das Wort vom „In-Fleisch-und-
Blut-Uebergehen" ist da gewissermassen recht buchstäblich
zu verstehen: Es entsteht zwischen dem Ideal und seinem
Bekenner ein eigentümlich persönliches Verhältnis, das
überhaupt nicht mehr lösbar ist, wie etwa Blutsverwandt¬
schaft. Dafür werden aber Leute, die sich vom Verstände,
und bloss von diesem, hin- und hertreiben lassen, immer
wieder in vollständig ehrlicher Gesinnung ihre grund¬
legenden Ueberzeugungen wechseln. Denn die eine Hälfte
ihres Intellects bleibt immer ungebunden, während sich die
andere an etwas klammert. Und der ungebundene Theil der
Seele hört nicht auf zu kritisieren, zu zerreissen, zu zer¬
stören und — Neues zu bauen.
Zu dieser zweiten Menschenkategorie scheint mir
S. L u b 1 i n s k i zu gehören.
Ehrlich gestanden, es thut mir sehr leid, dass er nicht
mehr mit und bei uns ist. Er war eine sehr wertvolle
theoretische Krafr. Da sein halber Intellect noch an die
zionistische Ueberzeugung gebunden war, konnte er manche
recht geistreiche, kluge und vernünftige Argumente für den
Zionismus ausdenken, mehr als andere vielleicht, die
mit ihrer ganzen Seele im Zionismus stecken. Schon aus
dem einfachen Grunde, weil diese anderen über das Wesen
ihrer Seele nicht so „klug" reden können.
Nun ist Lublinski nicht mehr mit uns. Er bekennt
sich jetzt — gewiss aus ehrlicher Ueberzeugung heraus —
klipp und klar zur Assimilation. „Immerhin, ich bekenne
mich zur Assimilation, von der vor Jahren mein Schiff ab-
stiess, um nach langer Irrfahrt wieder bei ihr zu landen."
So schreibt er jüngst im Septemberheft von „Ost und West".
Und warum ?
Denn die Grundlage des Nationalismus, meint er, sei
die Rasse; Rasse aber sei eine wissenschaftlich noch nicht
feststehende Thatsache, wer also auf ihr baue, habe auf
Sand gebaut. „Und die Cultur ist mehr als das Blut/
Cultur ist also offenbar eine wissenschaftlich ganz
und gar feststehende Thatsache, auf der mit tödlicher
Sicherheit gebaut werden kann, und die Zugehörigkeit zu
irgend einer Cultur — Lublinski spricht von einer
nationalen Cultur! — empfindet das Individuum klarer
und stärker, als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse.
Ist das wahr ?
Ich bin überzeugt, dass die „ungebundene Hälfte" des
L u b 1 in s k i'schen Intellects ihm über kurz oder lang die
Mangelhaftigkeit dieser Argumentation aufdecken wird. In¬
dessen möchte ich ihm auch noch zuhilfe kommen.
Ich glaube nämlich, wenn es in den ganzen Geistes¬
wissenschaften einen Begriff gibt, dessen Grenzen wissen¬
schaftlich nicht feststehen und nicht feststellbar oind, dann
ist es sicherlich der Begriff von „nationaler" Cultur. Womit
ich freilich nicht sagen will, dass es eine „nationale" Cultur
nicht gibt. Die Definition ist nur so unendlich schwer, dass
Wir beabsichtigen, auf den hier besprochenen Artikel
Lublinskis noch eingehender zurückzukommen. D* Red.