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Nr. 46
„Die s£ Welt"
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welches da an Aegypten kam, war ein Stück Palästina!
1000 km 2 Palästina tdnd mehr als der dreissigste Theil des
ganzen Landes. Wenn Palästina imstande sein sollte, drei
Millionen Menschen aufzunehmen, so wäre bei gleicher
Bevölkerungsdichügkeit dieses Stück gross genug für
Hunderttausend! Und wenn es nur für zehn- oder fünf¬
tausend Jjuden gross genug wäre, so wollte auch das schon
etwas sagen--wir sind nicht reich genug an
Volk und Land, um tausende von Menschen
oder ein Stück Palästinas, auf dem sie leben
könnten, leichtherzig zu verschenken oder
ausseracht zu 1 a s s e n. Die Tau-ende, die dort leben
könnten — in Sicherheit, auskömmlich und mit einer
Zukunft für sich und ihre Kinder — diese Tausende gehen
uns heute nach Cänada oder Argentinien verloren oder
verkommen im osteuropäischen Elend !
Dieses Stück Palästina, von dessen Existenz niemand
weiss — diese Tausende von Juden, von denen niemand
etwas wissen will — diese Factoren ergeben die lang- und
heissersehnte Möglichkeit für den Anfang der zionisti¬
schen Action!
*
Das Land liegt — vom türkischen Palästina aus —
vor dem Nachal Mizrajim, der engeren Grenze von
Erez Israel. Es beginnt in der Mitte zwischen Gaza und dem
„Bache Aegyptens" bei dem Orte Tel-Refah (Raphia) und
bildet einen Küsten streifen von über 40 km Länge, der
circa 25 km ins Land hineinreicht. Dies ergibt — 40X25 —
etwa 1000 km 3 . Das Gebiet ist gegenwärtig sehr schwach
bevölkert. Am Nachai Mizrajim, welcher heute Wadi -ei-
Arisch heisst, aber an der Seite nach Aegypten zu, liegt
die Stadt und Festung El-Arisch, welche Sitz eines
ägyptischen Gouverneurs ist und 3000 Einwohner hat--
für eine menschenarme Gegend eine grosse Stadt!
Das Land ist nicht sehr fruchtbar. Es war aber
fruchtbar und wird es wieder werden» Wir brauchen nur
an die Colonien in Palästina zu denken. Gegenwärtig werden
kaum 1000 Beduinen und Fellachen dort wohnen. Das
Gerstenland von Gaza reicht bis in das Gebiet hinein, auf
den grösseren Karten (z.B. denen des „PalestineExploration
Fund" von 1890) sind eine Anzahl von Dörfern, Ruinen,
Wasserläufen, Brunnen und Palmengruppen verzeichnet
Die türkische Telegraphenlinie und die grosse Pilgerstrasse
führen hindurch.
Sie führen nicht zufällig hindurch. Und das ist die
grosse Bedeutung dieses „Stückes Wüste", wie diejenigen
es nennen werden, die nie etwas davon gewusst haben, aber
sich vor dem Anfang der Action fürchten. Dieses Stück
„Aegyptisch-Palästina" ist die einzige Brücke,
welche Afrika mit dem Rest der alten Welt verbindet —
mit Asien und Europa. Wie heute Pilgerstrasse und Tele¬
graphenlinie, so wird in wenigen Jahren die Verbindungs¬
bahn über diese Brücke rollen, welche die grosse afrikani¬
sche Continentalbahn Capetown—Cairo mit der Euphratbahn
und weiter mit der Orient-Express- und der transsibirischen
Linie verbinden muss und wird. Diese intercontinentale
Verbindungsbahn ist aber nicht nur als solche, sondern als
wichtigste Bahnlinie Palästinas von Bedeutung.
Sie verbindet alle Küstenplärze zwischen Beyrout und Port-
Said, sie wird den Fremdenverkehr vervielfachen, der heute
durch die ungünstigen Hafenverhältnisse von Jaffa ausser¬
ordentlich behindert ist, sie wird den Colonien, die ja alle
in grosser Nähe der Küste liegen, neue Absatzmöglichkeiten
geben, und sie wird unserem „Aegyptisc h-P a 1 ä s t i n a"
zu ungeahnter Bedeutung verhelfen, denn dieses Gebiet liegt
zwischen den grossen syrischen und ägyptischen Märkten
und ist prädestiniert, dieselben — mit Hilfe jüdischen
Gewerbefleisses, der sich in New-York und London und an
vielen anderen Orten glänzend bewährt hat — mit Manu-
facturwaren zu versorgen. Alles, was von den industriellen
und commerziellen Möglichkeiten Palästinas im all¬
gemeinen gesagt worden ist, trifft für diesen vergessenen
Theil des Landes im besonderen und für die
Gegenwart fast ausschliesslich zu. Hier ist die
Einwanderung erlaubt, der Errichtung von Fabriken steht
nichts im Wege. Die Märkte sind nahe, der Transport billig,
die Löhne können niedrig sein, die Zölle sollen — zum
Theile wenigstens — fort, Bakschisch ist nicht bekannt. Die
ägyptische Regierung ist progressiv, die Sicherheit aus¬
reichend, Autonomie der einzelnen Ansiedlungen im Landes¬
gesetze vorgesehen.
Industrielle Colonisation — mindestens
neben der landwirtschaftlichen — ist das grosse Problem
der unmittelbaren Gegenwart.
Die Judenwanderungsfrage, die uns aufgezwungene
Colonisationspolitik, hat mit grossen Menschenmassen zu
rechnen, für die nur sehr wenig Land zu haben ist. Eine
extensive Landwirtschaft, so wie sie in Argpntinien getrieben
wird, kann aus diesen und anderen Gründen für den Orient
zur Zeit nicht in Betracht kommen. Aber auch intensivere
Wirtschaft, wie in Palästina, kann nur in geringem Um¬
fange zur Lösung der Frage herangezogen werden. Man
weiss ja, wie wenigen Juden auf dem Wege der landwirt¬
schaftlichen Colonisation in Palästina mit, sagen wir, einer
Million Francs geholfen werden kami: — etwa 50 Familien !
Das ist kein gesundes Verhältnis. Bei dem hohen
Werte des Geldes im Orient könnten diese 50 Familien
von den Zinsen dieser Million Francs leben, wenn auch
nicht sehr luxuriös. Mit demselben Betrage könnten schon
50 Kaufleute in ziemlichem Umfange Geschäfte treiben. Als
selbständige Handwerker könnte schon eine viel grössere
Anzahl von Ju<1en für das gleiche Geld etabliert werden,
— bei weitem die grösste Menge von Manschen könnte aber
mit der angenommenen Summe auf dem Wege industrieller
Colonisation ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Fälle
sind auch in Europa nicht selten, wo im industriellen Be¬
triebe ein Arbeiter und mehr auf je 1000 Francs Betriebs-
capital kommen.
Die Frage nach der geeignetsten Colonisationsart
beantwortet sich also ganz von selbst, wenn man sie nur
richtig formuliert hat, nämlich: Auf welchem Wege ist der
grössten Anzahl mit den geringsten Mitteln zu helfen ?
Die industrielle Colonisation hat noch den anderen
grossen Vorzug vor der landwirtschaftlichen, dass weitaus
die meisten jüdischen Auswanderer entweder in ihren Heimats¬
ländern schon industriell thätig waren, oder sich in über¬
raschend kurzer Zeit in diese Berufe hineinarbeiten, wie
die tägliche Erfahrung in den bisherigen Emigrationsländern
England und Amerika gelehrt hat. Ausserdem fehlt es uns
bekanntlich nicht an industriellen und commerziellen Fach¬
leuten, während an solchen auf landwirtschaftlichem Ge¬
biete ein empfindlicher Mangel herrscht.
In der natürlichen Entwicklung geht ja der Landbau
der Industrie zeitlich voran. Wir leben aber nicht mehr in
so primitiven Zeiten, und es kommt jetzt häufig genug vor,
dass ein Land zuerst industriell erschlossen wird und erst
infolge des Zustromes von Menschen der Landbau sich
besser rentiert als Deckung des Bedarfes von auswärts.
Wenn wir also die hervorragende Eignung der in¬
dustriellen Colonisation zugeben, so bliebe kein Grund,
dieses Stück ..Aegyptisch-Palästina" für minderwertig zu
halten, gegenüber den türk sehen Theilen des Landes —
auch wenn nicht die verkehrstechnische Bedeutung der
Strecke, sowie der Umstand, dass sie unter anglo-ägyptischer
Verwaltung steht, laut zu ihren Gunsten sprächen.'
Zum Schlüsse aber scheint es mir angebracht, nochmals
darauf hinzuweisen, dass zur gegenwärtigen Zeit, ebenso wie
damals, als die ersten palästinensischen Colonien gegründpt
wurden, zuerst gefragt werden muss, ob ein Stück Land
zu haben ist, und dann erst, ob es auch frucht¬
bar sei. Denn Fruchtbarkeit lässt sich erzwingen, wo es
unbedingt nöthig ist. Eines der fruchtbarsten Ländchen der
Erde ist die Inselgruppe Malta, die unsere Vettern, die
Phönizier, zur Zeit als Israel noch von Richtern regiert
wurde, als nackten Felsen vorfanden. Diese Cultur-lngenieure
grössten Stiles bedeckten den Felsen mit aus Sicilien im¬
portierter Erde, und heute ist die Inselgruppe mit 175.000
Einwohnern auf ihren 323 km 2 Oberfläche das bevölkertste
Land der Welt!
Wir brauchen für das dreimal grössere „El Arisch"
keinerlei derartige Zukunftsträume zu hegen, um heute
daselbst einen wohl vorzubereitenden Anfang zu machen,
aber gemacht sollte er werden, so schnell und so ernst und
so umfassend als möglich.
Eine zionistische Debatte im Londoner
Makkabäerclub.
Der Club hatte Herrn Dr. M. Bernstein eingeladen,
über das Thema „Die Bedrohung der jüdischen Gesellschaft in
England durch die Verfolgung der Juden in Russland und Ru¬
mänien" zu sprechen. Der Vortrag fand Sanntag den 3. d. M. statt.
Nachdem Herr Dr. Bernstein die Verhältnisse geschildert hatte,
kam er zur Erörterung der möglichen Lösungen: „Ich sage, dass ein
anderes Asyl für die Juden nöthig ist, ein Asyl als letzter Ruhe¬
platz, ein eigener Ort, ein Heini, ein eigenes Land. Ich bin betrübt
über die ehamälconartige Assimilation unseres Volkes und jeder,
der noch einen Schimmer von Selbstachtung in sich birgt 3 ist es
mit mir. Sich Arabern, Deutschen, Slaven, Celten, Polen assimi¬
lieren, sich Rumänien assimilieren, ein Ungar oder ein Arger-