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den Erklärungen des Ministers Baross das Gesetz nickt religiösen
Motiven entspringe, sondern nur bezwecke, dass die Handel- und
Gewerbetreibenden einen Tag in der Woche feiern. Es wird betont,
dass die ortbodoxen Inden, welche zumeist Handel» und Gewerbetreibende
seien, vermöge ihrer Satzungen den Samstag feiern müssen und dass
es mit großen wirthschafilicheu Nachtbeilen verbanden wäre, wenn ste
genöthig würden, zwei Tage in der Woche nnthätig zu bleiben.
Werlin. Der Jubeltag Meister Lewandowski's brachte dem
Jubilar großartige Kundgebungen und Sympathiebezeugungeu irr« und
außerhalb der Synagoae. Einen ausführlichen Bericht hierüber werde
den Lesern dieses Blattes in nächster Nummer bieten. — Die Wahl
des Herrn Dr. Stier zum Rabbiner wurde von der Negierung bestätigt
und wird selber bereits im Jänner sein Amt antreten.
Znrmstlldt. Zn den von den Antisemiten am meisten äuge-
feindeten Persönlichkeiten gehört unter Anderen der Präftdent des
großherzoglich hessischen Ober-ConsistoriumS, wirklicher Geheimrath
Dr. Goldmann, weil sie denselben für den bekannten Erlass der
obersten protestantischen Kirchenbehörde des Großherzogthums, durck
welchen der Krenzzug gegen die Inden als nnchristtich znrückgewiesen
und die Verwerflichkeit der antisemitischen Agitation dargelegt wurde,
verantwortlich machen. Goldmanu, welcher der coniervativen Partei
angebört, bekleidet schon seil vielen Jahren das Ehrenamt des ersten
Präsidenten des Landwirthschaftlichen Vereins der Provinz Starkenbnrg,
in welcher Stellung er sich um diesen Verein große Verdienste
erworben hat. El hatte bereits vor längerer Zeit die Absicht aus-
gesprochen, in Folge seines vorgeschrittenen Lebensalters das Amt als
Präsident des Landwirthschaftlichen Provinzial-Vereius niederzulegen.
Als nun der erwähnte Erlass des Ober-ConsistoriumS erschienen war,
forderte Dl. Böckel in seinem . Reichsherold" die Mitglieder des Land-
wirthschaftlichen Vereins auf, bei der bevorstehenden Präsidentenwahl
den D>. Goldmanu wegen seiner Haltung gegenüber deil Antlsemiren
nicht wieder zu wählen. Bald darauf, als die Absicht Goldmanu'»
bekannt wurde, tine Wiederwahl nicht anzunehmen, schrieb Böckel iu
seinem Blatte mit fetter Schrift: .Goldmanu gestürzt! Wir forderten
neulich auf, den Herrn Dr. Goldmann, den Verfasser des bekannten
Erlasses des Ober-Consistoriums. nicht mehr zum Präsidenten deS
Landwirthschattlichen VeriiuS zu wähle». Sein Schicksal hat ihn schon
ereilt, er hat bereits seine Entlassung eingereicht.* Am 13. d. fand die
statutengemäße General-Velsammlung des gesammten Vereins unter
einer außerordentlich zahlreichen Betheilignng der angesehensten Land-
wilthe der Provinz statt. Das Resultat der Wahl war, dass Goldmanu,
welcher !ich selbst der Abitimmnng enthielt, einstimmig zum ersten
Präsidenten wiedergewählt wurde. Der Gewählte sprach für diesen er-
neuten Ansdruck des ihm dargebrachten Vertrauens seinen warmen
Dank aus und erklärte, dass es zwar, wie bekannt, schon lange seine
Absicht gewesen, eine etwaige Wiederwahl abznlehnen, dass er aber in
Folge einer bekannten Agitation in der Presse zur Veimeidung falscher
Deutung von seinem Entschlüsse zurückgekommen sei und nochmals die
Wahl annehme, welche Erklärung mit allseitigem Beifalle aufgenommen
wurde. Was wird Böckel jetzt schreiben? Den Juden kann er die
Wiederwahl Goldmann's sicher nicht aufs Conto schreiben, denn es
war in der Veisammlung auch nicht ein einziger Jude anwesend.
Kanuover, den 11. December 1890. Heute Mittag fand zum
Gedächtnis an den vor Jahresfrist Heimgegangenen Herrn Ober-
c a n t o r Heinrich B e r g g rü n ז״ל in der hiesigen ,Bildnngs-
anstatt für jüdische Lehrer* eine Trauerfeier statt. Zu derselben waren,
außer den nächsten Angehöiigen des Verstorbenen, sämmtliche L hr!r
der Anstalt, die Herren Landrabbiner Dr. Gronemann, O'.'ercauror
A. Lazarus ui.d Rechtsanwalt Dr. jur; Siegmund Meyer, (Letz erer als
Vormund d.r milcderjährigen Kinder) erschienen, -)tack einer unter der
trefflichen Leitung des Herrn Synagogenchortirigenten Rose gesungenen
Trauerweise ergrifs Herr Lehrer Speyer das Wort und gedachte i 1 t
tiefempfundener, herzlicher Weise der Wirksamkeit des Heimgegangenen
als K ü n !t I t r, wie seiner reichen Verdienste um den ganzen
C a n t o r e u st a n d, insbesondere um die erwähnte Anstalt. Nachdem
Herr Lrpeyer eine kurze Biographie von dem Verklärten gegeben hatte,
sprach derselbe die Versicherung aus, dass die ,Bildungsanstalt für
jüdische Lehrer" das Andenken ihres verklärteil Lehrers stet» in Ehren
halten wurde, das Andenken an den Freund und Berather !einer
College» und Lrchüler, das Andenken eines edlen Menschen in der
Menschheit! Als der Redner geendet, beschloss das vom Schüterchor
vorgetragene ״ Schiwisi adonaj“, eine Composiion des vorerwähnten
Chordirigenten Herrn Rose, die weihevolle, erhebende Feier. —
Durch die andauernde kalte Witterung ist es nicht möglich, das Grab¬
denkmal zu setzen und muß daher die Trauerfeierlichkeit seitens der
Syuagogenmeinde vorläusig aufgeschoben werden-
London. Nack einer hiesigen Blättern zugegangenen Peters-
burger Drahtmeldnng stünde die Veröffentlichung des neuen Judengesetzes
in Rußland mit Anfang deS nächsten Jahres bevor, lieber die Be-
schlnsse der Special-Commission zur Regelung der Stellung der Juden
in Rußland weiß ein officiöser Correspondenr Einiges aus der russischen
Hauptstadt zu melden. Es sollen diese Beschlüsse vornehmlich darauf
gerichtet sein, den Inden den Erwerb von Liegenschaften, sei es durch
Ankauf oder durch Hypothekar-Darlehen, unmöglich zu machen und sie
selbst zum Verzichte auf den Besitz der von ihnen bereits erworbenen
Liegenschaften zu drängen. Diese Maßregeln sollen sich auch auf die
jüdischen Kaufleute erstrecken, die in Städten Immobilien besitzen. DeS
Weiteren beabsichtigt man. die jüdischen Handwerker auf das der großen
Masse der jüdischen Bevölkerung bestimmte Aurenthaltsgebiet anzu-
weisen, um dadurch die Zahl derjenigen Juden, die ihren Wohnsitz
außerhalb dieses Rayons aufzuschlagen berechkigt sind, erheblich einzu׳
schränken. Diese geplant.-» Bestimmungen begegnen in der russischen
Presse mehrfachem Widerspruche. Namenllich die Nowosti betonen, dass
durch derartige Beschränkungen der Juden auch die materiellen Interessen
der russischen Bevölkerung eine empfindliche Benachtheiligung erfahren
werden. Man würde dadurch die russischen Gutsbesitzer in der freien
Verfügung über ihr Eigenthum willkürlich beschränken, Werth und
Ertrag des Bodens vermindern, die Heranziehung des disponiblen
jüdischen Capital» verhindern und überdies durch die Vermehrung der
Anzahl der auf ein bestimmtes Gebiet znsammengedrängten Juden die
Lebeusbedingungen der in diesem Rayon ansässigen Christen naturgemäß
noch mehr erschweren.
Ktterarilchi'-i.
Zwei deutsche Lieder zur Seekenfeier, gedichtet von
Julius Sturm, für gemischten Chor in Musik gesetzt von Osias
H o chgl ü ck, Cantor in St. Gallen sZchiveiz.) — Beide Composilionen
(^.-moll und O-dur), die einen Text behandeln, sind sehr stimmungsvoll
bearbeitet und der weihevollen Stunde würdig angepassc. Der Componist
hat es verstanden, sowohl melodisch als harmonisch einen wirklichen
Knnstgcsang denjenigen Cantoreu und Gemeinden zu bieten, die bestrebt
sind, auch dnr Zeit Rechnung zu !ragen. Wir würden uns freuen,
Herrn Hochglück auch aut traditionellem Gebiete zu begegnen. Die
Ausstattung der Lieder ist sehr schön und der Preis billig. Mögen
mit diesen wen gen. aber wahrheitsgetreuen Zeilen die beiden Compo-
sitionen bestens empfohlen ie׳.n. Tiutner, Bunzlau
Zie Iröeit nach der Bibel, dem Talmud und den Aussprüchen
der Weisen in Israel. Dargestellt von Dr. M. H. Friedländer,
Rabbiner in Pisek. im Selbstverläge des Verfassers. — Arbeirschen
und Mangel an Sinn für die Bedürtniße und socialen Verhältniße
de» Arbeiterstandes wurden von jeher sehr gerne von unseren Feinden
dem Jndenthnme vorgeworfen, und auch die gegenwärtigen Antisemiteu
gebrauchen mit Vorliebe diese ebenso abgedroschene als unwahre Phrase.
Herr Dr. Friedländer har es nun unternommen, in der genannten
Schrift, die sich d»m Brsten cur diesem Gebiete anreiht, diese Be-
Hauptungen zu widerlegen und den Nachweis zu führen, dass gerade
das Jud-.nthum m.hr wie jede andere Religion sich eingehend mit der
Arbeiterfrage beschäftigt und für die Verbesserung der Lage der Arbcitsr
Sorge getragen har. Der Verfasser'theilt zu diesem Behufe seine Schrift
in vier Capitel. Das erste behandelt die Arbeit als Pflicht, als
Ebre, aiS Vorzug des Menschen. Das zweite bringt den Nachweis, das»
der A r b e i t c r nach den Satzungen des Judenthums als ein freier
Mensch zu betrachten ist und demgemäß auch die angesehenste Srelluitg
iic der Gesellschaft einuehmeu kann; das dritte beschäftigt sich mit
dem A r bei! s gebe r, den Pflichten gegen den Arbeiter, Lohnverhältniße,
Nahrung Auszahlung, Schonung seiner Kräfte, human.׳ Behandlung,
und dies Alles auf Grund jüdischer Satzungen; das vierte Capitel
schließlich handelt von de» P r o d u r t e n der Arbeit, Kauf und
Verkauf. Redlichkeit in Maß und Gewicht, keine Fälschung der Producte,
keine Ausbeutung momentaner Verlegenheit. Herr Dr. Friedländer hat
sich mit dieser Schrift, die ebenso geistvoll als leicht fasslich geschrieben
ist, ein unbestreitbares Verdienst erworben, und wir können seine .Arbeit"
aufs' Wärmste empfehlen. Da» Opus ist Herrn Dr. Jelliuek gewidmet
und enthält als Anhang die bekannte Abhandlung über ,Antihebrais-
mus oder Religionshass und Naceuhass in den biblischen Zstreu."